«Newsweek»-Interview: 

netzeitung.deKann Steinbrück rechnen?

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39,10 oder 39,05 Pfund?: DVD-Player (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 39,10 oder 39,05 Pfund?: DVD-Player
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Mit einem Interview beim Magazin «Newsweek» sorgte der Bundesfinanzminister für diplomatische Spannungen. Unbeachtet blieb, dass der Zahlenjongleur am Dreisatz scheiterte.

Das Wasser im Ärmelkanal schwappte hoch, nachdem die britische Nation das jüngste Exemplar der «Newsweek» aufgeschlagen und gelesen hatte, was der deutsche Finanzminister von den britischen Steuerplänen hält. Prompt verbat sich Premier Gordon Brown Ratschläge solcher Art. Peer Steinbrücks Haus war am Donnerstag um Schadensbegrenzung bemüht>>>. In dem diplomatischen Wirbel unbeachtet blieb dagegen der Angriff des SPD-Politikers auf die Prozentrechnung.

Vor Tagen hatte die britische Regierung die Mehrwertsteuer von 17,5 Prozent auf 15 Prozent gesenkt, um die Kauflust der Verbraucher zu fördern. Aus der politischen Debatte in Deutschland ist bekannt, dass Steinbrück das für Unsinn hält.

Als die «Newsweek»-Interviewer in dem Gespräch nun das Thema Mehrwertsteuersenkung erreichten, fragte der deutsche Ressortchef rhetorisch, ob es denn ein Kaufanreiz sei, wenn ein DVD-Player nur 39,10 Pfund statt 39,90 koste. «Are you really going to buy a DVD player because it now costs £39.10 instead of £39.90?»>>> Zunächst liest sich das schlüssig. Das Argument, dass ein solch geringer Preisunterschied nicht wirklich den gewünschten Kaufrausch auslöst, ist nachvollziehbar.

Doch das ministeriale Rechenexempel nährt den Verdacht, dass Deutschland als Staat weit solventer dastehen könnte, wenn Steinbrück genauer kalkulierte. Die britische Mehrwertsteuer wird im Rahmen eines Konjunkturprogrammes von Dezember an für 13 Monate reduziert. Insgesamt beläuft sich das als «historisch» bezeichnete Rettungsprogramm auf 20 Milliarden Pfund (23,7 Milliarden Euro). Allein die vorübergehende Senkung der Abgabe auf Waren und etwa Restaurantrechnungen kostet den Staat 12,5 Milliarden Pfund. Da lohnt sich Genauigkeit im Einzelnen schon.

Ein DVD-Player, der bei einem Mehrwertsteuersatz von 17,5 Prozent 39,90 Pfund kostet, wäre bei einer 2,5 Prozentpunkte geringeren Steuer für 39,05 Pfund zu haben. Steinbrück hätte wohl auch einen Preis von 39,10 Pfund akzeptiert, was allerdings zuungunsten seines Budgets ausgegangen wäre. Insofern ist es gut, dass Steinbrück nicht nur Mehrwertsteuersenkungen, sondern auch den Kauf auf diese Weise verbilligter Produkte generell ablehnt.

Unterstellt, der Finanzminister aus dem PISA-Aufsteigerland Deutschland kann richtig rechnen, ist er zumindest gedanklich bereits von der Industrie korrumpiert: Kritiker von Mehrwertsteuersenkungen führen nämlich ins Feld, die Hersteller und Händler würden die Ersparnis keineswegs voll und ganz an den Kunden weiterreichen, sondern einen Teil der Spanne für sich abzwacken. Steinbrück kleidet das in eine Feststellung, die er seinem Rechenexempel voranstellte: «We have no idea how much of that stores will pass on to customers.» Indem er den Endpreis jenes bewussten DVD-Players nur auf 39,10 Pfund herunterrechnete und nicht auf 39,05, hätte der Minister dem Lieferanten also rund fünf Pence zugestanden. Kaufte jeder auf der Insel lebende Brite einen Player, würde das Volk satte drei Millionen Pfund Miese machen.

Das Bundesfinanzministerium hat am Donnerstag auch noch einmal nachgerechnet: Wie ein Sprecher sagte, berücksichtige die Steinbrück'sche Steuerformel bereits den Betrag, den Industrie oder Handel zu ihren Gunsten von der Steuersenkung abzweigen würden.


Für das Web ediert von Tilman Steffen