Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Anarchie vor Somalia: 

Hintergrund: Piraten, Profiteure und Probleme

20. Nov 2008 15:27
Piraten bei Somalia
Bild vergrößern
Piraten belagern den Golf von Aden und blockieren den Welthandel. Während die Versicherungsbeiträge steigen, bereitet die EU eine Militärmission vor, um Abhilfe zu schaffen. Die Netzeitung erhellt Hintergründe.

Seit Jahren fehlt in Somalia eine staatliche Ordnung. Seit der 1968 angetretene Diktator Barre 1991 abgesetzt wurde, gibt es keine Zentralregierung. Mehr als ein Dutzend Versuche scheiterten, eine Übergangs-Führung zu installieren und die Region zu befrieden. 2006 matschierte die äthiopische Armee in Somalia ein, um die damalige Übergangsregierung zu stützen. Doch die so genannte Allianz der islamischen Gerichtshöfe hat einen Großteil des Landes wieder unter ihre Kontrolle gebracht. Tausende starben in Kämpfen, etwa eine Million Somalier gilt als Binnenflüchtlinge.

Die meisten Angriffe gehen von der halbautonomen Region Puntland aus, die im Norden Somalias am Golf von Aden liegt>>>.

Wer sind die Piraten?

Entlang der somalischen Küste sind Schätzungen des Anti-Terror-Forschungszentrum «Gulf Research Centre» in Dubai zufolge etwa 1000 Piraten unterwegs. Ihre Zahl hat sich in den letzten drei Jahren verzehnfacht. Die modernen Freibeuter handeln autark, ohne Bindung an Staaten, als organisierte Kriminelle. Sie begannen 2006 im Roten Meer vor Eritrea, verlagerten ihre Beutezüge später in de Golf von Aden und vor Somalia. Die dort herrschenden Islamischen Gerichtshöfe hielten die Piraten eine Zeitlang noch in Schach. In den letzten Monaten erleichterte die fehlende staatliche Kontrolle in Somalia und die Auseinandersetzung mit der somalischen Region Puntland den Piraten den Erwerb von Waffen und Kommunikationsgeräten. Hinzu kommt, dass der Präsident der somalischen Übergangsregierung, Abdullahi Yusuf Ahmed, zum Stamm der Darod gehört, dem offenbar ein Großteil der Piraten entstammt.

Piratenboot
Bild vergrößern
In die Freibeuterei gewechselt haben auch frustrierte Fischer, die in den überfischten Fanggründen nichts mehr verdienen, ehemalige somalische Marineangehörige oder schlecht bezahlte einstige Milizionäre. Nach Erkenntnissen des Forschungszentrums wurde in einem Fall sogar ein Englischlehrer rekrutiert – für die Lösegeldverhandlungen.

Wer sind Hintermänner und Profiteure?

Bei der ostafrikanischen Regionalorganisation Igad geht man davon aus, dass in die Geschäfte der Piraten auch Geschäftsleute aus dem benachbarten Saudi-Arabien und Dubai beteiligt sind, wie Igad-Generalsekretär Mahboub M. Maalim, dem «Tagesspiegel» sagte. Aber auch Konfliktparteien der Unruheregion wie die militanten islamistischen Al-Schabbbab-Milizen könnten durch die Piraten mitfinanziert werden.

Piraterie und ziviler Schutz

Im Mai erklärten die Versicherer den Golf von Aden zum Kriegsgebiet. Seitdem herrscht für die Assekuranzen und Reeder Klarheit. Doch die Versicherungs-Beiträge steigen ins unermessliche. Nach deutscher Auffassung ist die Schiffs-Piraterie zunächst Organisierte Kriminalität, die jedoch tritt sie in einer besonders gewaltsamen Form auftritt. Das zeigte sich bei einem Feuergefecht zwischen der indischen Marine und Piraten, bei dem ein brennendes Piratenschiff sank.

Legitimiert wird das Vorgehen der Staaten gegen die Piraterie durch das gemeinsame Handeln in Nato- oder EU-Verbund und durch das Interesse an den für die Weltwirtschaft wichtigen sicheren Seewegen. Einzelne Nationen wie etwa Japan erwägen zudem, ihre Handelsschiffe unter militärischen Geleitschutz zu stellen. Versicherungen bieten an, bei Fahren durch Golf von Aden bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord mitreisen zu lassen. Die bayerische Hochseereederei MST rüstet ihre Schiffe mit Hochdruck-Wasserschläuchen aus. Angreifende Piraten soll die Besatzung einfach von Deck spülen, wie Reeder Jürgen Ruttmann im «Bayerischen Rundfunk» sagte.

Was kostet das?

Im Sommer flossen nach Angaben des International Maritime Bureau, einer auf See-Kriminalität spezialisierten Abteilung der Internationalen Handelskammer, bei 26 Entführungen rund 30 Millionen Dollar Lösegeld. Weltweit entführten Piraten in diesem Jahr bis Ende September rund 200 Schiffe, damit ist die Zahl der Fälle ähnlich hoch wie 2007. Die Kosten erhöhen sich durch Schäden an Schiffen und Fracht, etwa dann, wenn sich bei Kühlgut durch Piraterie die Transportzeit verlängert. Erste Reeder verlegen ihre Schiffsrouten um durch den Atlantik um Afrika herum, statt durch das Mittemeer über den Suezkanal in den Golf zu fahren. Auch die wegen der Rezession sinkenden Charterkosten gleichen diesen Mehraufwand nicht aus.

Wie will Deutschland helfen?

Gegen die Piraten geht derzeit ein Nato-Verbund vor, der die Mission im Dezember aber an die EU übergeben will. Großbritannien hat sich bereits als Führungsnation angeboten. Für den EU-Einsatz hat Deutschland hat für den Kampf gegen die Freibeuter die Fregatte «Karlsruhe»>>> angekündigt, die bereits 2006 nach dem Libanon-Krieg im östlichen Mittelmeer am Vorgehen gegen den Waffenschmuggel beteiligt war und in der Region derzeit durch den Golf von Aden Richtung Ägypten unterwegs ist. Bereits mehrmals vertrieben die Bordhubschrauber verdächtige Boote, nachdem Schiffe Notrufe abgesetzt hatten.

Bundeswehr im Auslandseinsatz. Hier: Afghanistan
Bild vergrößern
Zu Friedenszeiten in Deutschland schickt nur der Bundestag das Militär in Einsätze. Die Bundesregierung will die dafür notwendigen Fristen wahren. Hinzu kommt die Frage, was mit Piraten geschieht, die die Bundeswehrsoldaten festhalten. Eine Festnahme ist nach deutschem Rechtsverständnis nur Polizisten erlaubt. Insofern steht auch eine Entsendung von Bundespolizei zur Debatte. Ein gangbarer Weg wäre, einen Beamten einfliegen zu lassen. Weil ein Festgenommener nach deutschem Recht binnen 24 Stunden einem Haftrichter vorgeführt werden muss, ist auch an die Möglichkeit gedacht, dass der Richter die Festgenommenen per Video verhört, um über einen Haftbefehl zu entscheiden. Um die deutsche Justiz in Gang zu setzen, müssen jedoch Deutsche betroffen sein, also als Schiffseigentümer oder als von Piraten bedrohte Besatzungsmitglieder.

Alternativ bleibt nur, die Festgehaltenen dem somalischen Staat zu übergeben. Ein rechtlich sauberes Strafverfahren ist dort derzeit jedoch nicht zu erwarten.

 
Drucken
Versenden
  • Bookmark:
  • Mister Wong Webnews Yigg Linkarena Google My Space Del.icio.us Oneview Facebook Twitter
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

 
Das Losglück entscheidet über Tickets für Trauerfeier: 
Online-Lotterie für Zigtausende Jackson-Fans
Wochenlang Trauerfeiern für den «King of Pop»?: 
L.A. fürchtet Chaos bei Jackson-Gedenken
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

  •  Berlin 22°
  •  Hamburg 21°
  •  Köln 23°
  •  Frankfurt 26°
  •  Stuttgart 22°
  •  München 21°
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Aus anderen Ressorts
Anzeigen:
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2009 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.