12.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Schwere Stunden im Gerichtssaal für Matthias Steiner
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Schweigsam und angespannt sind sich Olympiasieger Steiner und der 57-jährige Angeklagte gegenübergetreten. Im Prozess sollte vor allem geklärt werden, wie es zu dem tödlichen Unfall kam. Eine hohe Strafe wird es wohl nicht geben.
Als Matthias Steiner am Mittwoch mit müden Augen den Gerichtssaal betritt, wird er von Fotografen und Kameras umlagert. Das Heidelberger Amtsgericht verhandelt über einen Routinefall, die große Aufmerksamkeit gilt der Prominenz des Olympiasiegers im Gewichtheben. Als er während der Siegerehrung in Peking gleichzeitig die Goldmedaille und ein Foto von seiner Frau in die Kameras hielt, gingen diese Bilder um die Welt. Und alle nahmen Anteil an den Gefühlen des sympathischen Sportlers, der seinen Triumph seiner toten Frau widmete. Wie stemmt sich der stärkste Mann der Welt gegen einen so gewaltigen Seelenschmerz?
Diese Frage bewegt auch die Prozess-Beobachter. Es ist ein schwerer Gang für Steiner. 15 Monate ist es her, dass sein privates Glück zerstört wurde. Aufmerksam hört er den Vorwürfen der Anklage zu: Der Angeklagte sei damals extrem unachtsam gefahren, lautet der Vorwurf von Staatsanwalt Joachim Steinbacher. Weil er nicht aufgepasst habe, sei er mit seinem Jeep Cherokee auf die Gegenfahrbahn der Bundesstraße bei Heidelberg geraten und dort frontal mit dem kleinen Nissan Micra der damals 22-Jährigen zusammengestoßen. Aus Unachtsamkeit.
Angeklagter erinnert sich nicht mehrDer Angeklagte selbst will dazu nichts sagen. Er erinnere sich nicht mehr an den Vorfall, sagt sein Verteidiger Klaus Hiltscher. Im Vorfeld hatte der Unfallverursacher eine gesundheitliche Beeinträchtigung geltend gemacht, die damals erstmalig aufgetreten sein soll. Eine sogenannte Synkope, also eine plötzlich einsetzende Bewusstlosigkeit. Das soll nun ein medizinischer Sachverständiger klären.
Auch der 57-Jährige wurde damals verletzt. Nun blickt er hilflos um sich. All die Fotografen und Reporter. All dieses Leid. Wegen einem Moment der Unachtsamkeit? Wie er sich fühlt, ist nicht auszumachen. Er blickt starr auf einen Punkt im Raum, scheinbar bereit, alles zu akzeptieren. Er war nach derzeitigem Kenntnisstand weder betrunken, noch war das Wetter schlecht. Es gab keine unvermutete Bremsaktion des Vordermannes. Nichts. Er soll auf dem Weg ins Krankenhaus gewesen sein, um seine Mutter zu besuchen.
Zehn Meter Abstand zwischen Steiner und dem AngeklagtenDie Sonne schien an jenem 16. Juli 2007 um 18.25 Uhr. Wie im Film sei alles gewesen, berichtet ein Zeuge, der direkt hinter Susann Steiner fuhr. Wie aus dem Nichts sei plötzlich der Jeep gekommen und in den Nissan hineingerauscht. Es ging alles in Sekundenbruchteilen. Immer wieder während der Verhandlung treten Anwälte und Sachverständige vor den Richtertisch, um Beweise und Fotos zu studieren. Zurück bleiben Steiner und der Angeklagte, die sich in zehn Meter Abstand gegenüber sitzen. Und Steiner, dessen Augen bisher ziellos im Gerichtssaal umher wanderten, wagt einen langen Blick auf den Mann, der für den Tod seiner Frau verantwortlich sein soll.
Sagen will er an diesem Tag nichts. In einem Vorabinterview für den lokalen Radiosender Radio Regenbogen hat er jedoch darüber Auskunft gegeben, was in ihm vorgeht:
«Es waren die schlimmsten Wochen meines Lebens. Du lebst praktisch selbst nicht mehr, die Tage danach.»
Der gebürtige Österreicher, der wegen seiner Frau nach Deutschland zog und später die deutsche Staatsbürgerschaft bekam, schildert, wie er sich im Krankenhaus von seiner Frau verabschiedet hat. Wie er an ihrem Bett saß und das sagte, von dem er glaubte, was noch zu sagen war. Dann sei sie gestorben. «Das war wie ein Dolch, den man ins Herz gestoßen bekommt», sagt er.
Bewährungsstrafe gefordertSteiner sagt, es gehe es nicht um Genugtuung. Er will einen Abschluss finden. Wie bei einer Kriegswitwe sei das: Die wisse auch nur, dass ihr Mann nicht mehr da sei. «Ich will die Wahrheit hören. Ich will wissen, was genau geschehen ist.»
Nach Überzeugung von Staatsanwalt Steinbacher hat sich der Angeklagte der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht. Ursache für den Unfall seien ein «grober Fahrfehler» und überhöhte Geschwindigkeit. Die Staatsanwaltschaft forderte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr für den Angeklagten. Zudem soll sein Führerschein für sechs Monate eingezogen werden.
Am zweiten Verhandlungstag, dem 3. Dezember, will Steiner wieder im Gerichtssaal sitzen. Das Strafmaß ist ihm wohl weniger wichtig. Aber vielleicht kann er dann seinen Frieden machen mit dem, was geschehen ist. (Jochen Schönmann, AP)