27.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Auch Jugendamts-Mitarbeiter zählten zeitweise zu den Beschuldigten
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Weil die leiblichen Eltern alkoholabhängig waren und sich nicht kümmern konnten, wurde ihnen ihre Tochter Talea weggenommen. In der neuen Familie starb das Mädchen. Die Beschuldigte schweigt beim Prozessauftakt.
Den leiblichen Eltern von Talea fielen zuerst ihre plötzlich besseren Manieren auf, dann die blauen Flecken am Kind, dann erhielten sie die schreckliche Todesnachricht. Für den Tod der Fünfjährigen aus Wuppertal muss sich ihre Pflegemutter seit Montag vor dem Landgericht verantworten. Laut Anklage hat die 38-Jährige das Mädchen im März in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser gesetzt und ihm Mund und Nase zugehalten.
Talea starb später in einem Krankenhaus an Erstickung und Unterkühlung. Die Pflegemutter hatte selbst den Notruf alarmiert. Zum Auftakt des Totschlag-Prozesses wollte sich die Angeklagte eine blasse zierliche Frau mit Brille und kurzen Locken wie schon zuvor nicht zu den Vorwürfen äußern.
Der Körper von Talea wies nach Aussage des behandelnden Sanitäters zahlreiche Blutergüsse auf. Taleas Kindergarten hatte dem Jugendamt zweimal Hinweise gegeben, nachdem dort Verletzungen des Mädchens aufgefallen waren. Daraufhin gab es einzelne Hausbesuche.
Stotternd und mit Tränen kämpfend«Die Pflegemutter hatte jedes Mal vermeintlich glaubhafte Erklärungen parat, etwa dass das Kind die Treppe heruntergefallen sei», sagte Nebenklage-Anwältin Christina Priestersbach am Rande der Verhandlung. Stotternd und mit Tränen kämpfend, schilderte die leibliche Mutter Taleas vor Gericht ein Telefonat mit dem Kind. «Talea sagte: 'Mami, ich bin doch noch nie die Treppe heruntergefallen, oder?'.» Die Polizei hatte in dem Fall zeitweise auch gegen Mitarbeiter des Wuppertaler Jugendamts ermittelt.
Die Behörden hatten Talea und ihre heute drei Jahre alte Schwester den leiblichen Eltern entzogen, weil der Vater die Mutter immer wieder geschlagen hatte und die Mutter schwere Alkoholprobleme hatte. Sie selbst hatte die Ämter um Hilfe gebeten, ohne damit zu rechnen, die Kinder zu verlieren, erinnerte sich die 36-jährige Kantinen-Beschäftigte. Sie sei überfordert gewesen, auch wegen des häufigen Streits mit ihrem Partner. «Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nicht da angerufen.» Talea habe nach ihren Besuchen nie zur Pflegemutter zurück gewollt, berichteten die Eltern.
Auf einmal hebt sie den Müll aufZugleich sei ein Wandel an dem Kind zu beobachten gewesen. «Sie hat auf einmal ihren Müll selbst aufgehoben», so die Mutter. «Ich konnte das gar nicht glauben. Super!» Der Vater (35) berichtete: «Sie saß auf einmal so gerade.» Talea sei vorher immer ein «gemütliches» Kind gewesen, das sich auf die Couch gefläzt habe. Mit einem Mal fragte die Fünfjährige um Erlaubnis, bevor sie sich etwas zu trinken holte. Bei einem der seltenen Kontakte bemerkte Taleas Vater bei einer Weihnachtsfeier im vergangenen Jahr einen blauen Fleck auf ihrer Wange. Auch die Mutter war verwundert, als sie ein blaues Auge entdeckte. Eine Spielkameradin habe mit Bauklötzen geworfen, wurde ihr erklärt.
Am 18. März 2008 alarmierte die Pflegemutter den Notruf: Sie habe angeblich kurz das Haus verlassen, das Kind sei in die Badewanne mit eiskaltem Wasser gefallen. Vergeblich kämpften die Ärzte um das Leben Taleas. Am Tattag hätte die leibliche Mutter Talea zu einem Besuch empfangen sollen, hatte aber wegen eines Alkohol-Rückfalls abgesagt. Der Pflegemutter drohen bis zu 15 Jahre Haft wegen Totschlags. (Christof Bock, dpa)