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Umstrittenes Verfahren in Spanien: 

Baby-Selektion soll Bruder retten

15. Okt 2008 17:13
Stolz präsentieren die Eltern das Kind, das seinen Bruder retten soll
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Nur eine Knochenmarkspende kann das Kind mit der seltenen Erbkrankheit heilen. Aber es fand sich kein passender Spender. Bis sein Brüderchen zur Welt kam – seine Entstehung im Labor löste in Spanien eine ethische Debatte aus.

Als Andrés vor sechs Jahren geboren wurde, war die Freude groß. Doch schon vier Monate später erhielten die Eltern eine erschütternde Nachricht: «Ihr Sohn leidet an Thalassämia major», teilten ihnen die Ärzte im südspanischen Algeciras mit. Von dieser schweren, genetisch bedingten Bluterkrankung hatten die beiden noch nie gehört.

«Die Mediziner sagten uns, die Krankheit sei unheilbar, die Lebenserwartung liege bei höchstens 35 Jahren. Es war sehr hart», erinnert sich der Vater, Andrés Mariscal. Für seinen Sohn bedeutete die Diagnose, sich regelmäßig Bluttransfusionen zu unterziehen.

Doch nun schöpfen der Lkw-Fahrer und seine Frau Soledad Hoffnung. Am Montag wurde ihr zweiter Sohn, Javier, geboren. Er ist das erste «Designerbaby» Spaniens und soll seinen älteren Bruder heilen. Nach einer künstlichen Befruchtung hatten die Ärzte des Krankenhauses Virgen del Rocío in Sevilla mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik denjenigen Embryo ausgewählt, der den Gendefekt nicht aufweist und genetisch am besten zu Andrés Jr. passt.

Neues Gesetz in Spanien

Mit den Zellen aus dem Nabelschnurblut seines kleinen Bruders soll er nun eine Knochenmarktransplantation erhalten. Die Heilungschancen sehen die Ärzte bei 70 bis 90 Prozent. Wenn alles klappt, ist Andrés in fünf Jahren völlig gesund.

«Es gibt elf Millionen Rückenmarkspender in der Welt, aber keiner ist 100-prozentig mit Andrés kompatibel», erläuterte Blutspezialist Alvaro Urbano das Dilemma. Von dem Begriff «Designerbaby» wollen die Eltern indes nichts wissen. «Wir haben uns schon immer ein zweites Kind gewünscht.» Dass dieses der Lebensretter des älteren Sohnes werden kann, verdanken sie dem vor zwei Jahren verabschiedeten Reproduktionsgesetz.

In Deutschland verboten

Die Regierung des Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero setzte es gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche und der konservativen Opposition durch. Spanien schloss damit zu europäischen Ländern wie Großbritannien und Schweden auf, wo das Verfahren ebenfalls erlaubt ist. In Deutschland ist die Auswahl von Embryonen dagegen verboten.

Die Kritik nach der Geburt Javiers ließ nicht lange auf sich warten. Die Katholische Kirche verwies auf eine Erklärung der Bischofskonferenz aus dem Jahr 2006. «Es darf kein Mensch getötet werden, um einen anderen zu retten», heißt es darin in Bezug auf die Embryonen, die bei der Auswahl ausscheiden. Andere Kritiker sprachen von einem «lebenden Ersatzteillager».

Zwei Jahre bis zur Genehmigung

«Das Verfahren ist entwürdigend und erniedrigt das menschliche Wesen, das wie Vieh aussortiert wird», empörte sich Manuel Cruz, Vorsitzender einer Initiative von Abtreibungsgegnern. In der Kirche gibt es aber auch gemäßigtere Töne. Der Jesuit Juan Masiá, einer der größten Bioethik-Experten Spaniens, sagte der Zeitung «El Mundo»: «Ich lehne die Methode nicht ab, man muss aber verantwortungsvoll damit umgehen. Javiers Eltern haben das Kind sicher genauso lieb wie den Bruder.»

Zwei Jahre mussten die Eltern auf die Genehmigung warten. Diese obliegt einer Expertenkommission, die bislang über 31 weitere Anträge zu entscheiden hatte: sechs wurden abgelehnt, acht genehmigt und in 17 weiteren Fällen wurden zusätzliche Informationen angefordert. «Das Verfahren ist ein großer wissenschaftlicher Fortschritt», sagte der Vorsitzende der Internationalen Bioethikgesellschaft, Marcelo Palacios.

Auch Kronprinz Felipe und Prinzessin Letizia setzen auf neue Medizin: Sie ließen nach der Geburt ihrer ersten Tochter Leonor Stammzellen aus dem Nabelschnurblut bei einer Spezialfirma in den USA lagern, um sie im Falle einer schweren Krankheit parat zu haben. (Jörg Vogelsänger, dpa)

 
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