26.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Ein Asteroideneinschlag hätte verheerende Folgen
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Es geht ums Überleben: Wissenschaftler wollen der Menscheheit das Schicksal der Dinosaurier ersparen. Sie fordern von der Uno eine Strategie zur Abwehr gefährlicher Objekte aus dem All. Die Liste offener Frage ist lang.
Es ist 65 Millionen Jahre her, dass der Chicxulub-Asteroid im heutigen Mexiko auf die Erde schlug und die Dinosaurier auslöschte. Trotz wissenschaftlicher Fortschritte bei der Entdeckung gefährlicher Objekte und in der Theorie der Asteroiden- Abwehr stehe die Menschheit heute nicht viel besser da als die wehrlosen Dinosaurier damals, mahnt der ehemalige Apollo-9-Astronaut Rusty Schweickart, Vorsitzender des Komitees für erdnahe Objekte im Astronautenverband ASE (Association of Space Explorers). «Die Dinosaurier hatten weder ein Warnsystem noch Abwehr-Möglichkeiten und auch kein Entscheidungsgremium. Wir verfügen über die ersten beiden Dinge, aber solange es keine Handlungsstrategie gibt, sind wir genauso verwundbar wie die Dinosaurier».
Schweickart und rund ein Dutzend Wissenschaftler, Astronauten, Diplomaten und Rechtsexperten aus mehreren Ländern stellten am Donnerstag in San Francisco einen Bericht mit Handlungsvorschlägen vor, der Anfang 2009 den Vereinten Nationen (UN) vorgelegt werden soll. «Asteroid Threats: A Call for Global Response» ist das Ergebnis ihrer zweijährigen Bestandsaufnahme der Bedrohung durch Asteroiden-Einschläge und der Notwendigkeit einer weltweiten Kooperation, um eine Katastrophe zu vermeiden.
«Wir müssen hier als Weltgemeinschaft zusammenstehen»«Wir brauchen eine gemeinschaftliche Antwort», sagt der Österreicher Walther Lichem. Der frühere Präsident des Verbands der europäischen Weltraumorganisationen (EURISY) gehört der ASE- Expertenkommission an. «Wir wissen nicht genau, ob es morgen oder in hundert Jahren passiert, aber die Kosten eines Einschlags sind so groß, dass jede Maßnahme der Verhinderung nur ein Bruchteil davon ausmachen würde.» Selbst ein Einschlag von nur mittlerer Größe könnte weltweit zu Trillionen Dollar Schaden führen, lautet die Prognose.
Eine große Gefahr sieht Lichem im möglichen Alleingang einzelner Staaten. «Man stelle sich nur vor, dass Staat X in einer bedrohlichen Situation einen Asteroiden ablenkt und ihn dadurch vor der Westküste der USA zum Absturz bringt. Das könnte einen 50 Meter hohen Tsunami mit einer Energie von 40 000 Hiroshima-Bomben auslösen. Die gesamte Westküste wäre zerstört. Wir müssen hier als Weltgemeinschaft wirklich zusammenstehen.»
Ein paar kluge Köpfe und ein weltweiter NotfallplanDie Wissenschaftler rechnen damit, dass in den nächsten 10 bis 15 Jahren mit Hilfe leistungsstarker Teleskope Hunderttausende neue Asteroiden entdeckt werden. Heute seien 209 erdnahe Objekte bekannt, die in den nächsten Hundert Jahren als Erdbahnkreuzer potenziell Schaden anrichten können. Einer davon ist der 300-Meter-Brocken Apophis, der ausgerechnet am Freitag, dem 13. April 2029 nah an der Erde vorbeischrammen soll. Ein Kollisionsrisiko könnte dann wieder 2036 bestehen, wenn er erneut Kurs auf die Erde nimmt.
Wer gibt Warnungen heraus? Wer bezahlt die Abwehraktion? Wer entscheidet, wann ein Asteroid abgelenkt werden soll? Die Wissenschaftler listen bisher ungeklärte Fragen in ihrem Bericht auf. Schweickart zufolge ist es technisch prinzipiell möglich, einen Asteroiden mit unbemannten Raumschiffen von seinem Kurs abzudrängen, so dass er an der Erde vorbeifliegt. Das sei «spottbillig», meint Lichem, verglichen mit den Schäden, die eine Kollision anrichten würde. Schweickart vergleicht es mit einer Autoversicherung, die jeder selbstverständlich zahlt. «Derzeit rasen wir ohne Versicherung durch das Sonnensystem, dabei bräuchten wir nur eine kleine Summe zur Seite zu legen, ein paar kluge Köpfe zu beschäftigen und einen weltweiten Notfallplan auszuarbeiten.»
Sprengkraft von mehr als 400 Hiroshima-BombenDer ehemalige britische UN-Botschafter Crispin Tickell ist zuversichtlich, dass der Hilferuf der Asteroiden-Forscher bei den Vereinten Nationen Gehör findet. «Es ist kein hoffnungsloser Fall, man denke nur an Probleme wie Ozonloch und Klimawandel. In beiden Fällen machte die Wissenschaft auf die politische Welt Druck, bis es ernst genommen wurde.»
Der bislang letzte größere Einschlag ist noch nicht so lange her: Am 30. Juni 1908 schlug ein vermutlich nur 20 Meter großer Steinmeteorit in Ostsibirien auf. Eine gigantische Druckwelle raste durch die bewaldete Einöde am Flüsschen Steinige Tunguska und knickte Bäume wie Streichhölzer um. Die Explosion hatte vermutlich die Sprengkraft von mehr als 400 Hiroshima-Bomben, berichtet Schweickart. «Wäre das im dicht besiedelten Europa passiert, hätte eine ganze Stadt zerstört werden können.» (Barbara Munker, dpa)