23.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Knut akzeptierte Dörflein als Ziehvater und Raufkumpan
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Seine Tage mit Deutschlands bekanntestem Eisbären haben auch ihn bekannt gemacht. Dabei war Thomas Dörflein nie ein Mittelpunkt-Mensch, wie die Berliner Zeitung beobachtet hat.
Der berühmteste Zoo-Mitarbeiter, der Ziehvater von Eisbär Knut, ist tot. Wie die Polizei der Berliner Zeitung bestätigte, wurde der 44-jährige Thomas Dörflein gestern Nachmittag tot in der Wohnung einer Bekannten in der Durlacher Straße in Wilmersdorf entdeckt. Die Frau selbst hatte ihn gefunden. Ersten Ermittlungen zufolge gab es keine Spuren eines Kampfes. Auch ein Suizid wurde ausgeschlossen, hieß es. Eine Obduktion des Leichnams soll nun die Todesursache klären.
Die Zoomitarbeiter erfuhren erst am frühen Abend vom Tod ihres Kollegen er hatte gestern frei. Bärenkurator Heiner Klös, der Dörflein seit 1991 kannte, zeigte sich betroffen: Thomas Dörflein war einer meiner besten Mitarbeiter. Er sei ein aufmerksamer und guter Beobachter gewesen, der alles für seine Tiere getan hat nicht erst seit Knut. Zoo-Direktor Bernhard Blaszkiewitz sprach der Familie sein Beileid aus: Ihr gilt mein ganzes Mitgefühl.
150 Nächte bei dem kleinen EisbärenVor der Geburt des kleinen Eisbären war Thomas Dörflein ein Zoo-Mitarbeiter wie jeder andere auch: Höchstens Stammbesucher kannten den schlanken Mann mit dem gestutzten Vollbart, der hohen Stirn und dem markanten Zopf. Der Spandauer, der meist in Gummistiefeln, derber Hose und ärmellosem T-Shirt anzutreffen war, war seit vielen Jahren für das Bärenrevier zuständig Nasenbären, Wölfe, Braunbären, Malaienbären und Eisbären.
Mit der Geburt des ersten Eisbären im Zoo seit 33 Jahren änderte sich Dörfleins Leben abrupt: Als der Winzling und sein Bruder am 5. Dezember 2006 auf die Welt kamen und Mutter Tosca die Kleinen nicht annahm, sprang Dörflein ein. Er holte die nackten, nur 800 Gramm schweren und blinden Babys aus dem unbeheizten Gehege und brachte sie in einen Brutkasten. Ein Bär verstarb am nächsten Tag, der andere überlebte dank Thomas Dörflein. Der Pfleger zog in den Zoo und fütterte den Kleinen regelmäßig mit speziell angerührter Milch. 42 Tage lang blieb das winzige Bärchen im Brutkasten, dann kam es in eine Kiste im Bärenrevier. Dörflein gab ihm den Namen Knut. 150 Nächte verbrachte er bei dem kleinen Eisbären ohne Feierabend und ohne freies Wochenende. Dörflein streichelte Knut, er fütterte ihn, er massierte ihm den Bauch und spielte ihm schon mal was auf der Gitarre vor.
Liebesbriefe bis zuletztAls der Zoo im Februar 2007 die ersten Bilder von Knut öffentlich machte, wurde auch Dörflein berühmt. Und als Knut am 23. März erstmals im Zoo zu sehen war, gingen auch die Bilder von Thomas Dörflein mit um die Welt. Mensch und Bär nebeneinander im Gehege, miteinander raufend, gemeinsam im Wasser.
Knut bedankte sich bei seinem Ziehvater mit ungebremster Bärenliebe: Er biss ihm liebend gern in die Beine und nuckelte hingebungsvoll und lautstark an seiner Hand. All das brachte auch Dörflein die Zuneigung der Zoo-Besucher ein, vor allem die der jüngeren, weiblichen. Früher waren meine Damen so sechzig aufwärts, sagte Thomas Dörflein vor einem Jahr in einem Interview. Jetzt werde ich am Zoo-Ausgang ständig von jüngeren belagert. Bis zuletzt bekam Dörflein Liebesbriefe, darunter auch Heiratsanträge. Geantwortet hat er auf keinen einzigen.
«Dörflein, Bären». Mehr sagte er nie.Über das Privatleben des verschlossenen Mannes war wenig bekannt. Dörflein war kein Mittelpunkt-Mensch und machte auch nie einen Hehl daraus, dass reden nicht seine Sache ist. Ich bin maulfaul, gab er unumwunden zu. Wenn er sich am Diensthandy meldete, beschränkte er sich auf ein Minimum an Worten: Dörflein, Bären. Mehr sagte er nie. Große Auftritte vor Publikum lehnte Thomas Dörflein ab, Einladungen von Günther Jauch schlug er ebenso aus wie die von Johannes B. Kerner. Ich bin ganz gut im Nein-Sagen, hat er mal gesagt. Vor der Kamera rumzuhampeln sei nicht sein Ding.
Ja sagte er aber dennoch wenn auch nur im übertragenen Sinne. Dörflein, der aus einer früheren Beziehung bereits einen erwachsenen Sohn und eine Tochter hat, hatte kurz vor Knuts Geburt eine Frau kennengelernt und war vergangenes Jahr mit ihr zusammengezogen.
Vom Krebs wussten nur wenigeAuch wenn die Beziehung trotz Knut hielt Dörflein empfand die Aufzucht des Bären auch als anstrengend. Ich wünschte, ich könnte den ganzen Rummel so wegstecken wie der Bär, sagte er in einem Interview. Dass Dörflein an Krebs erkrankt war, wussten nur wenige. Das aber, so hieß es gestern, könne keinesfalls Ursache seines Todes sein.
Danach gefragt, ob er sich etwas aufheben wolle zur Erinnerung an Knut, hat Thomas Dörflein vor einem Jahr gesagt: Die schönsten Fotos natürlich. An den Aufnahmen von uns kann ich mich dann später mal hochziehen, wenn ich alt bin: Mann, was für ein stattlicher Typ. (Von C. Fuchs, A. Kopietz, L. Schnedelbach und C. Spiller)