Blanka zieht blank:
Von der Fritteuse zum Aktmodell zur Dozentin
09.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Blanka Walter arbeitet seit 14 Jahren hauptberuflich als Aktmodell. Die 43-Jährige aus Kirchheim unter Teck in der Nähe von Stuttgart ist eigentlich gelernte Köchin. Doch von den Küchen- und Fritteusedämpfen bekam sie Probleme mit den Bronchien. Zufällig lernte sie in einem Stuttgarter Bistro einen Mann kennen, der in Kirchheim eine kleine Kunstschule leitet. Er klagte über den Mangel an Modellen, und Blanka sprang spontan ein. «Ich war froh, dass in meinem allerersten Kunstkurs nur nette ältere Damen saßen», erinnert sich Blanka. «Da war ich schon aufgeregt.»
«Der schwierigste Moment ist, wenn sie reinkommt und sich auszieht», sagt Kunstlehrer Stefan Sauter. Der 46-Jährige mit grauem Lockenkopf und Blümchenhemd arbeitet schon seit drei Jahren mit Blanka zusammen. Anfangs musste er eine Menge Überzeugungsarbeit bei der Schulleitung leisten. «Das Stichwort ist 'lehrplankonform'», grinst er. Er nimmt mit seinen Schülern gerade den Maler Albrecht Dürer durch, der den menschlichen Körper selbst sehr intensiv studierte. Sein zweites Argument: Schulen in Stuttgart zeichnen auch am Modell. «Und wir wollen da doch nicht hinterherhinken!»
Blanka verlagert ihr Gewicht auf ein Bein. «Seht ihr, wie die Oberkante des Beckens nun links höher ist?» Gleichzeitig hebt sich ihre rechte Schulter. Wie eine Ziehharmonika. «Die Achsen sind wichtig!», mahnt das Modell und hantiert mit einem großen Besenstiel vor dem nackten Körper herum, um das zu verdeutlichen. Der erste Kontrapost - so heißt die Stellung, bei der das Körpergewicht auf einem Bein ruht - wird dem griechischen Bildhauer Polyklet im Jahr 440 vor Christus zugerechnet.
Die ersten vier Jahre im neuen Beruf stand Blanka nur da und lauschte den Dozenten. Bis sie irgendwann alle Erklärungen auswendig kannte. Inzwischen ist die aufmerksame Frau längst Aktmodell und Kunstlehrerin in einem. «Ihr habt noch vier Minuten», spornt sie ihre Schüler an. «Wer radiert, verliert!»
Franziska Marquetant aus Nürtingen, Neigungskurs Kunst, hat gerade ihren ersten Akt signiert. «Ich wüsste keinen Grund, warum das komisch sein soll», sagt sie und zuckt mit den Schultern. Ein menschlicher Körper sei doch viel spannender als etwa ein Stuhl. «Am Anfang war es komisch, aber man gewöhnt sich dran», sagt ihr Mitschüler Patric Martel.
Blanka kennt die anfängliche Verzagtheit. «Früher waren die Modelle oft die Ehefrauen oder Geliebten der Künstler, heute ist es jemand Gebuchtes», sagt sie. Wer gut erzogen ist, starrt keine nackten Fremden an. Dabei ist es genau das, was Lehrer Sauter von seinen Zwölftklässlern verlangt. «Das Wichtigste in unserem Fach ist das konzentrierte Hinschauen», sagt er und bedauert den «Zapping- Blick» der heutigen Gesellschaft. «Man schaut schnell hin und denkt, man hat es gesehen.»
Beim Zeichnen geht es um Proportionen und Perspektive, Schönheit spielt keine Rolle. «Wir sind keine Laufsteg-Models, sondern eine Vorlage fürs Anatomiestudium», sagt Blanka. Das älteste Aktmodell aus ihrem Bekanntenkreis ist 64 Jahre alt, knapp eins sechzig groß und wiegt 130 Kilo. Die meisten machen den Job nebenbei und sind eigentlich Getränkelieferant, Frührentner oder Versicherungsangestellte. Zum Semesterbeginn fragt Blanka die neuen Studenten gerne aus Spaß, ob einer mal Modell stehen möchte. Selten meldet sich jemand.
Die Schulen zahlen ihren Aktmodellen zwischen 10 und 18 Euro die Stunde. Es ist hart verdientes Geld. «Nach zehn bis zwölf Minuten schläft das belastete Körperteil ein», sagt Blanka. Deshalb muss sie auch nicht auf die Uhr schauen, um zu wissen, wie lange sie die Gymnasiasten noch zeichnen lässt. Maximal eine Stunde kann sie in einer bequemen Haltung ausharren.
Mit Hingabe zählt Blanka all die Fachrichtungen auf, aus denen Studenten ihre Kurse besuchen: Architekten, Bildhauer, Industriedesigner, Kunsttherapeuten, Modeschüler, Städteplaner, Luft- und Raumfahrttechniker, Maschinenbauer - die Liste scheint endlos. «Im Aktzeichnen sind alle Herausforderungen drin: Lebendigkeit, Achsen, Statik, Plastizität, Perspektive, Farbe, Zeitdruck...»
An mehr als 100 Schulen in Baden-Württemberg hat Blanka schon Modell gestanden - in vieren davon sogar bei einer Abiturprüfung. «Mich kennen tausende von Leuten», sagt sie und freut sich, wenn sie sie auf der Straße grüßen. An anzügliche Bemerkungen kann sich Blanka in 14 Jahren nicht erinnern. «Ich werde überall nett aufgenommen», sagt sie. Und ihre Kunden sind froh über ein Modell, das professionell und pünktlich ist - und vor allem stillsitzt. (Heike Sonnberger, dpa)

