Blanka zieht blank: 

netzeitung.deVon der Fritteuse zum Aktmodell zur Dozentin

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Konzentriertes Hinschauen ist beim Aktzeichnen gefragt: Nackte Frau (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Konzentriertes Hinschauen ist beim Aktzeichnen gefragt: Nackte Frau
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein menschlicher Körper sei doch viel spannender als ein Stuhl. So nüchtern betrachten es die Zwölftklässler, die das 43-jährige Aktmodell zeichnen. Wie das geht, erklärt Blanka am lebenden Objekt.

Im Kunstsaal unterm Dach des Max-Planck- Gymnasiums im baden-württembergischen Nürtingen ist es drückend heiß. Die Sonne knallt draußen auf den Schulhof. Drinnen streift sich Blanka Walter ihr rotes T-Shirt ab und schlüpft aus ihrer hellen Jeans. Sie legt die Kleidung gefaltet aufs Pult, nimmt ihre Brille ab und klettert splitternackt auf einen Tisch.

«Hallo, ich bin die Blanka. Beim Aktzeichnen sagt man Du zum Modell.» Die Zwölftklässler schielen in Richtung Decke, wo Blankas Kopf kurz unter den Neonröhren und Lüftungsschächten zu sehen ist. Der Zeichenkurs kann beginnen.

Blanka Walter arbeitet seit 14 Jahren hauptberuflich als Aktmodell. Die 43-Jährige aus Kirchheim unter Teck in der Nähe von Stuttgart ist eigentlich gelernte Köchin. Doch von den Küchen- und Fritteusedämpfen bekam sie Probleme mit den Bronchien. Zufällig lernte sie in einem Stuttgarter Bistro einen Mann kennen, der in Kirchheim eine kleine Kunstschule leitet. Er klagte über den Mangel an Modellen, und Blanka sprang spontan ein. «Ich war froh, dass in meinem allerersten Kunstkurs nur nette ältere Damen saßen», erinnert sich Blanka. «Da war ich schon aufgeregt.»

Stichwort «lehrplankonform»
Inzwischen legt sie vor fremden Menschen so selbstverständlich ihre Kleider ab, als wären es Einkaufstüten. «Der Schambereich ist die Mitte des stehenden Akts», erklärt Blanka den Gymnasiasten. Zaghaft ziehen die Schüler Linien übers Papier. Eine Linie quer durch die Brust, eine auf Kniehöhe. «Die Figur ist höher als breit, deshalb zeichnen wir im Hochformat», scherzt Blanka. Grübchen graben sich in ihre Wangen. Bleistifte schaben angestrengt durch den schwülen Raum.

«Der schwierigste Moment ist, wenn sie reinkommt und sich auszieht», sagt Kunstlehrer Stefan Sauter. Der 46-Jährige mit grauem Lockenkopf und Blümchenhemd arbeitet schon seit drei Jahren mit Blanka zusammen. Anfangs musste er eine Menge Überzeugungsarbeit bei der Schulleitung leisten. «Das Stichwort ist 'lehrplankonform'», grinst er. Er nimmt mit seinen Schülern gerade den Maler Albrecht Dürer durch, der den menschlichen Körper selbst sehr intensiv studierte. Sein zweites Argument: Schulen in Stuttgart zeichnen auch am Modell. «Und wir wollen da doch nicht hinterherhinken!»

«Wer radiert, verliert!»
Die Schulleitung willigte schließlich ein - unter einer Bedingung: Der Kurs darf nicht während des geregelten Schulbetriebs stattfinden. Also treffen sich die Oberstufler am späten Nachmittag, um Blankas Konturen auf Papier zu bannen.

Blanka verlagert ihr Gewicht auf ein Bein. «Seht ihr, wie die Oberkante des Beckens nun links höher ist?» Gleichzeitig hebt sich ihre rechte Schulter. Wie eine Ziehharmonika. «Die Achsen sind wichtig!», mahnt das Modell und hantiert mit einem großen Besenstiel vor dem nackten Körper herum, um das zu verdeutlichen. Der erste Kontrapost - so heißt die Stellung, bei der das Körpergewicht auf einem Bein ruht - wird dem griechischen Bildhauer Polyklet im Jahr 440 vor Christus zugerechnet.

Die ersten vier Jahre im neuen Beruf stand Blanka nur da und lauschte den Dozenten. Bis sie irgendwann alle Erklärungen auswendig kannte. Inzwischen ist die aufmerksame Frau längst Aktmodell und Kunstlehrerin in einem. «Ihr habt noch vier Minuten», spornt sie ihre Schüler an. «Wer radiert, verliert!»

Wer gut erzogen ist, starrt keine nackten Fremden an
Die Wölbung ihrer Brüste, der Umfang ihrer Oberschenkel, die Sommersprossen auf ihren Schultern - die 18-Jährigen haben wenig Zeit, sich darum Gedanken zu machen. Die Striche werden immer schneller und sicherer, mit denen sie die Proportionen skizzieren. «Wenn eure Figur nachher deformiert aussieht, dann ist das ganz normal», sagt Blanka. Lieber ausdrucksstarke Linien als beschämt geschönte Hüften. «Später ist das Modell weg, aber euer Bild ist noch da.»

Franziska Marquetant aus Nürtingen, Neigungskurs Kunst, hat gerade ihren ersten Akt signiert. «Ich wüsste keinen Grund, warum das komisch sein soll», sagt sie und zuckt mit den Schultern. Ein menschlicher Körper sei doch viel spannender als etwa ein Stuhl. «Am Anfang war es komisch, aber man gewöhnt sich dran», sagt ihr Mitschüler Patric Martel.

Blanka kennt die anfängliche Verzagtheit. «Früher waren die Modelle oft die Ehefrauen oder Geliebten der Künstler, heute ist es jemand Gebuchtes», sagt sie. Wer gut erzogen ist, starrt keine nackten Fremden an. Dabei ist es genau das, was Lehrer Sauter von seinen Zwölftklässlern verlangt. «Das Wichtigste in unserem Fach ist das konzentrierte Hinschauen», sagt er und bedauert den «Zapping- Blick» der heutigen Gesellschaft. «Man schaut schnell hin und denkt, man hat es gesehen.»

Getränkelieferant, Frührentner oder Versicherungsangestellte
Wer sich intensiv mit dem menschlichen Körper beschäftigt, entdeckt viel Überraschendes: Die ausgebreiteten Arme sind von Fingerspitze zu Fingerspitze etwa so lang wie der Körper groß ist. Beide Hände bedecken das Gesicht. «Der Fuß passt genau in den Unterarm. Glaubt ihr's mir?», fragt Blanka und lacht. Ein Schüler mit Unterlippen-Piercing zieht seinen Fuß aus einem schwarzen Skaterschuh, beugt sich unters Pult, presst die Sohle zwischen Ellbogen und Handgelenk - und nickt.

Beim Zeichnen geht es um Proportionen und Perspektive, Schönheit spielt keine Rolle. «Wir sind keine Laufsteg-Models, sondern eine Vorlage fürs Anatomiestudium», sagt Blanka. Das älteste Aktmodell aus ihrem Bekanntenkreis ist 64 Jahre alt, knapp eins sechzig groß und wiegt 130 Kilo. Die meisten machen den Job nebenbei und sind eigentlich Getränkelieferant, Frührentner oder Versicherungsangestellte. Zum Semesterbeginn fragt Blanka die neuen Studenten gerne aus Spaß, ob einer mal Modell stehen möchte. Selten meldet sich jemand.

Die Schulen zahlen ihren Aktmodellen zwischen 10 und 18 Euro die Stunde. Es ist hart verdientes Geld. «Nach zehn bis zwölf Minuten schläft das belastete Körperteil ein», sagt Blanka. Deshalb muss sie auch nicht auf die Uhr schauen, um zu wissen, wie lange sie die Gymnasiasten noch zeichnen lässt. Maximal eine Stunde kann sie in einer bequemen Haltung ausharren.

An über 100 Schulen schon Modell gestanden
«Ihr sollt keine Löckchen zeichnen, wir sind schließlich keine Friseure», ermahnt sie die Schüler. Einen Bogen nach dem anderen füllen sie mit stehenden, sitzenden, liegenden Figuren mit Bleistift, Kohle, Wachskreiden, benutzen dafür die rechte und die linke Hand, dürfen dabei auch manchmal gar nicht aufs Papier schauen. «Aktzeichnen ist ein ganz schweres Handwerk», sagt Blanka. «Es gibt nichts Schwierigeres, als einen Menschen oder ein Tier zu zeichnen.» Auf ihrem Gesicht hat sich ein feiner Schweißfilm gebildet.

Mit Hingabe zählt Blanka all die Fachrichtungen auf, aus denen Studenten ihre Kurse besuchen: Architekten, Bildhauer, Industriedesigner, Kunsttherapeuten, Modeschüler, Städteplaner, Luft- und Raumfahrttechniker, Maschinenbauer - die Liste scheint endlos. «Im Aktzeichnen sind alle Herausforderungen drin: Lebendigkeit, Achsen, Statik, Plastizität, Perspektive, Farbe, Zeitdruck...»

An mehr als 100 Schulen in Baden-Württemberg hat Blanka schon Modell gestanden - in vieren davon sogar bei einer Abiturprüfung. «Mich kennen tausende von Leuten», sagt sie und freut sich, wenn sie sie auf der Straße grüßen. An anzügliche Bemerkungen kann sich Blanka in 14 Jahren nicht erinnern. «Ich werde überall nett aufgenommen», sagt sie. Und ihre Kunden sind froh über ein Modell, das professionell und pünktlich ist - und vor allem stillsitzt. (Heike Sonnberger, dpa)