Auswilderung von Seehunden:
Ein «Heuler» schaute noch einmal zurück
20. Aug 2008 20:53
 |  Zwei der drei Heuler zum erstenmal in Freiheit | Foto: dpa |
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«Jakob», «Emil» und «Eddy» können sich nun über die Freiheit der Nordseewellen freuen. Die Tiere mit den großen Augen waren von ihren Müttern verlassen worden. Naturschützer betrachten das Spektakel skeptisch.
Sandbank statt Kunststoffbecken: Nach rund drei Monaten mühevoller Aufzucht in der Seehundstation Norddeich sind die ersten drei «Heuler» der Saison am Mittwoch zurück in die Freiheit gelangt. Zwei Boote brachten «Jakob», «Emil» und «Eddy» an die Ostseite der niedersächsischen Nordseeinsel Juist.
Während der Fahrt hatte das Trio in geflochtenen Weidenkörben ausgeharrt. Im flachen Wasser vor Juist angekommen, hievten drei Mitarbeiter der Station die knapp 30 Kilogramm schweren Tiere über Bord. «Jakob», «Emil» und «Eddy» verschwanden in den Nordseewellen. Nur einer der Seehunde schaute in der Brandung noch einmal zurück. Nicht weit entfernt streckten in Freiheit lebende Artgenossen die Köpfe aus dem Wasser - ganz so, als beobachteten sie das Spektakel.
Stundenlanges Tauchen
Rund 500 Kilogramm Fisch haben «Jakob», «Emil» und «Eddy» während ihrer Zeit in der Aufzuchtstation vertilgt. Nun können sie von ihrem Speck erst einmal zehren. Um reichlich Beute zu machen, haben Seehunde im Lauf der Evolution beste Voraussetzungen entwickelt. Die Tiere können nach Angaben des Biologen Armin Maywald in ihrem Blut dreimal so viel Sauerstoff aufnehmen wie der Mensch. Ein Seehund sei dabei beobachtet worden, wie er 18 Stunden hintereinander jagte und nie länger als vier Minuten an der Oberfläche verschnaufte. Mit ihren Schnauzhaaren können Seehunde die Wasserwirbel schwimmender Fische ertasten. Experte Maywald berichtete, dass Seehunde einem Fisch selbst dann noch nachspüren können, wenn dessen Spur schon drei Minuten alt ist. 180 Meter Verfolgung seien für Seehunde kein Problem, hatten Forscher an der Ruhr-Universität in Bochum herausgefunden. So erkläre es sich, dass sogar erblindete Tiere wohlgenährt bleiben und sich weiter paaren.
«Die Chancen stehen gut, dass die drei überleben», sagte Peter Lienau, Geschäftsführer der Seehundstation Norddeich zu den Aussichten von «Jakob», «Emil» und «Eddy». «Die Aufzucht hat die Instinkte der Tiere nicht beeinträchtigt. Seehunde sind Individualtiere, sie haben keine feste Sozialstruktur.»
«Heuler» als Touristenmagnet
Dennoch müssen sich die drei jungen Tiere, die im Frühsommer von ihren Müttern verlassen an Stränden oder auf Sandbänken entdeckt worden waren, nun erst einmal an einen ungewohnten Lebensraum gewöhnen. «Den Konkurrenzdruck beim Fressen hatten sie zum Schluss auch beim Füttern in unserer Station. Sie haben gelernt, schnell zu sein», sagte Lienau. Der Großteil der jährlich zwischen 30 und 60 aufgepäppelten «Heuler» überlebe in der Freiheit. Naturschützer sehen die Pflege der «Heuler» mit ihren großen, wachen Kulleraugen auch kritisch: «Seehundbabys haben einen ganz nüchtern kalkulierten ökonomischen Zweck. Sie landen in Touristenmagneten, wo gegen Bares Seehundwaisen beguckt werden können», sagte Manfred Knake, Sprecher des Wattenrates - ein Verbund von Naturschützern an der Küste. «Heuler»-Aufzucht und -Auswilderung sei für den Erhalt der Population nicht mehr nötig. Wenn die Tiere aber den in Scharen herbeiströmenden Besuchern die Bedeutung des Wattenmeeres und seiner oftmals bedrohten Bewohner vermittelten, sei das positiv. (Heiko Lossie, dpa)