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Klassentreffen: 

Rendezvous mit der Schulzeit

20. Jul 2008 10:08
Das waren noch Zeiten...
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Egal, wie die Entscheidung der drei ehemaligen Schulkameraden letztlich ausfällt: Schon die Einladung weckt eine Menge Emotionen. Noch nie gab es so viele Klassentreffen wie heute.

Britta will auf jeden Fall hingehen, Andreas weiß es noch nicht so genau und Thomas geht nicht. «Früher haben sie mich gehänselt, weil ich Klassenbester war», sagt der 42-jährige Soziologe. «Heute werden sie über mich spotten, weil ich arbeitslos bin.» Egal, wie die Entscheidung der drei ehemaligen Schulkameraden letztlich ausfällt: Schon die Einladung hat eine Menge Emotionen geweckt. Einerseits freue sie sich, erzählt Britta. «Andererseits bin ich so aufgeregt und unsicher wie bei einem Rendezvous.»

Ein Vergleich, den Sozialwissenschaftlerin Sabine Maschke durchaus passend findet. «Kaum jemand lässt die Einladung zu einem Klassentreffen kalt», hat Maschke in ihren Forschungen festgestellt. «Es versetzt die Menschen in einen biografischen Ausnahmezustand.» Auf einmal sei nichts mehr gewiss, sagt die 45-jährige Sozialwissenschaftlerin vom Siegener Zentrum für Kindheits-, Jugend- und Biografieforschung. «Die Erinnerungen an die Schulzeit provozieren zu einer Lebensbilanz.» Unweigerlich stellten sich alle die Frage, ob sie tatsächlich das erreicht hätten, was sie damals anstrebten.

Falle die Lebensbilanz negativ aus, etwa durch Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Krankheit, erschwere oder verhindere dies den Gang zum Treffen, erklärt Maschke. In den meisten Fällen aber überwiege die Neugierde und das Bedürfnis, den Vergleich mit ehemaligen Schulkameraden zu suchen. Kein Wunder also, dass Klassentreffen stets aktuell geblieben sind. Die heutigen technischen Möglichkeiten hätten sogar zu einem neuen Boom geführt, sagt Daniel Haidn vom Internetportal StayFriends. Das Erlanger Unternehmen bietet seit 2002 ein Netzwerk für die Suche nach alten Freunden an.

Fünf-Jahres Rhythmus bevorzugt

«Noch nie wurden bei uns so viele Klassentreffen angekündigt wie in diesen Sommermonaten», berichtet Haidn. Über 10.000 Treffen zählte er bereits im Mai. Genutzt wird die Plattform heute von rund sechs Millionen Menschen, von denen der Großteil über 30 Jahre alt ist. Besonders bei der «Generation Praktikum» stellt Haidn ein Bedürfnis nach dem «heimeligen Nest» der Schulzeit fest. «Viele ehemalige Klassenkameraden sind aufgrund der schwierigen Jobsituation über ganz Deutschland verstreut», erklärt Haidn. «Und viele haben aufgrund ihrer befristeten Stellen noch keine Familie gegründet, suchen aber nach Geborgenheit und Heimat.»

Eine Umfrage unter den Nutzern ergab laut Haidn, dass sich fast 58 Prozent bereits mit ihrer ehemaligen Klassen getroffen haben. Knapp 60 Prozent sehen sich in unregelmäßigen Abständen. Ansonsten wird offenbar ein Fünf-Jahres-Rhythmus bevorzugt. Ob sich die Klassenfeier zu einer festen Institution entwickelt, hängt nach Angaben Maschkes vor allem von der ausgewogenen Mischung zwischen einer «Wir- und Ich-Zeit» bei den Treffen ab. «Es reicht nicht, nur über gemeinsame alte Zeiten zu sprechen», erklärt sie. «Es muss auch Raum für Gespräche über das heutige Leben geben.» Nur so könne eine vertraute Gemeinschaft mit neuen Akzenten entstehen.

Interesse steigt mit den Jahren

Je länger der Schulabschluss zurückliegt, desto unwichtiger werden dabei Gespräche über die Karriere nach dem Motto «Mein Haus, mein Boot, mein Auto», hat die Sozialwissenschaftlerin festgestellt. Diese Beobachtung macht auch StayFriends bei seinen Nutzerumfragen. «Älteren Menschen geht es mehr um die Familie, die Kinder und die Enkelkinder», erklärt Haidn. Der persönliche Erfolg werde dann «daran gemessen, was man der Nachwelt hinterlässt».

Offenbar steigt das Interesse an Klassentreffen im Laufe des Lebens. Maschke jedenfalls beobachtet bei Menschen im Rentenalter das starke Bedürfnis, in der Spätphase ihres Lebens einen «Ort des Bewahrens gegen das Vergessen» zu finden. «Viele treffen sich regelmäßig in ihrem Heimatort, besuchen das Grab ihres Lehrers und interessieren sich dafür, wie die ehemaligen Klassenkameraden ihr Alter bewältigen.» Schließlich habe man gemeinsam die prägendsten Jahre des Lebens verbracht. In der Schulzeit seien die Grundlagen für den eigenen Werdegang gelegt worden, betont Maschke.

Die Sozialwissenschaftlerin empfiehlt daher, einem Klassentreffen nicht aus dem Weg zu gehen. «Gerade in der heutigen Zeit des rasanten Wechsels brauchen wir ein soziales kollektives Gedächtnis, um den roten Faden in unserem Leben nicht zu verlieren.» (Sabine Damaschke, epd)

 
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