18.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Jugendämter greifen härter durch
Die Fälle waren zahlreich und erschreckend: Immer wieder gingen Meldungen von verwahrlosten oder misshandelten Kindern durch die Medien. Auch bei den Behörden hat das Wirkung gezeigt. Die Zahl der Anträge auf Sorgerechtsentzüge ist im letzten Jahr stark ...
Immer mehr Eltern wird das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Von 2006 auf 2007 stieg die Zahl der Sorgerechtsentzüge um 12,5 Prozent, im Vergleich zu 2005 betrug der Anstieg sogar knapp 23 Prozent. Das berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden. Allein im vergangenen Jahr haben die Gerichte in Deutschland in rund 10.800 Fällen «den vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sorge» angeordnet.
Wenn es nach den Jugendämtern gegangen wäre, hätte die Zahl noch höher gelegen: Sie stellten knapp 12.800 Anzeigen auf Sorgerechtsentzug. Das waren 18,5 Prozent mehr als 2006 und sogar 30 Prozent mehr als 2005.
Mehr als verdoppelt hat sich die Zahl der Sorgerechtsentzüge in Bremen, von 56 Fällen im Jahr 2006 auf 126 Fälle im Jahr 2007. Im Herbst 2006 war dort der zweijährige Kevin tot in einem Kühlschrank entdeckt worden. Erst am Mittwoch waren in der Hansestadt zwei Mädchen aus einer verwahrlosten Wohnung geholt worden; in dem Fall hatte ein Familiengericht allerdings vergangenes Jahr noch gegen einen Sorgerechtsentzug entschieden.
Auch Zahl der Inobhutnahmen nimmt zuNach Bremen folgen Niedersachsen mit einer Zunahme von 31 Prozent und Thüringen mit plus 30 Prozent. Dagegen sank die Zahl der Sorgerechtsentzüge in Schleswig-Holstein um 18, in Berlin um 15 und in Sachsen-Anhalt um 14 Prozent.
Auch die Zahl der sogenannten Inobhutnahmen nimmt zu. Wie das Statistische Bundesamt am vergangenen Dienstag berichtet hatte, nahmen die Jugendämter 2007 jeden Tag durchschnittlich 77 Kinder und Jugendliche in ihre Obhut. Insgesamt leisteten die Ämter für 28.200 Kinder und Jugendliche «erste Hilfe» in bedrohlichen Situationen. Das waren 8,4 Prozent mehr als 2006.
Geradezu explodiert ist 2007 die Zahl der sogenannten Herausnahmen, bei denen Kinder und Jugendliche gegen den erklärten Willen der Sorgeberechtigten in Obhut genommen wurden. Sie verdreifachte sich fast von 151 auf 435.
In den vergangenen Jahren hatte eine ganze Reihe spektakulärer Kindesmisshandlungen für Aufsehen gesorgt. Erst in dieser Woche waren die Eltern der verhungerten Lea-Sophie aus Schwerin zu Haftstrafen von jeweils elf Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Das fünfjährige Mädchen war im November 2007 nach wochenlanger Vernachlässigung verhungert und verdurstet. (dpa/AP)