Wettlauf gegen die Zeit am Himalya: Mit Helikoptern und Soldaten versuchen Experten zwei festsitzende Bergsteiger zu retten. Alpin-Profi Unterkircher ist wahrscheinlich tot. Im Internet hatte er noch Videos vom Aufstieg gepostet. Mit Video
Drei Tage nach einem Unglück am Nanga Parbat ist am Freitag eine Rettungsoperation für zwei festsitzende Südtiroler Bergsteiger angelaufen. Eurocopter-Hubschrauber vom Typ «Ecureuil» flogen vom pakistanischen Luftwaffenstützpunkt Rawalpindi bei Islamabad aus nach Fairy Meadows, rund eine Stunde Fußmarsch vom Basislager am Nanga Parbat im Himalaya entfernt.
Ein Sprecher des pakistanischen Tour-Anbieters Hushe Treks and Tours, Rashid Ahmad, sagte, die zwei Helikopter hätten die italienischen Bergsteiger Silvio Mondinelli und Maurizio Gallo an Bord. Sie würden bei der Rettungsoperation von pakistanischen Soldaten unterstützt.
Ahmad sagte, für den dritten Bergsteiger - den Südtiroler Karl Unterkircher, der am Dienstag in eine Bergspalte gestürzt war - bestehe keine Hoffnung mehr. «Nach unseren Informationen ist Karl Unterkircher tot, aber die anderen beiden Bergsteiger sind noch am Leben.» Die Überlebenden - Simon Kehrer und Walter Nones - säßen auf 7000 Metern Höhe fest. Sie könnten nicht alleine ins Basislager zurückkehren, «weil Regen und Sturm viele Felsspalten weit geöffnet haben». Ahmad warnte: «Die Zeit für die festsitzenden Bergsteiger läuft aus.» Sie könnten vermutlich nur noch zwei oder drei Tage ohne fremde Hilfe überleben.
Keine Hoffnung auf Überleben
In der Nacht zu Freitag habe es geregnet, das Wetter habe sich am Tag aber etwas gebessert, sagte Ahmad. «Wenn es aufklart, werden wir die Rettungsoperation sofort beginnen. Ansonsten werden wir warten müssen.» Man wolle versuchen, die Südtiroler mit Hubschraubern zu retten, das werde wegen der großen Höhe aber schwierig werden. Die bei solchen Operationen eingesetzten Helikopter vom Typ «Ecureuil» oder «Lama» flögen normalerweise nicht höher als 4500 Meter. Sollte eine Luftrettung nicht gelingen, müssten die Helfer zu den Festsitzenden aufsteigen, sagte Ahmad.
Auch italienische Experten hielten es für unwahrscheinlich, dass Helikopter Nones und Kehrer an Bord nehmen könnten. Eine Landung in der Höhe sei äußerst schwierig, zitierte die Zeitung «La Repubblica» am Freitag den Alpinisten Agostino Da Polenza, der die Rettungsaktion von Italien aus koordiniert.
Möglicherweise sollten von dem Hubschrauber Lebensmittel und andere Dinge abgeworfen werden, die zum Überleben der Alpinisten beitragen können. Erst wenn Nones und Kehrer den Nanga Parbat wieder ein Stück hinuntergestiegen seien, könnten Helikopter sie eventuell an Bord nehmen, hieß es weiter.
Liebte die Extreme: Bergsteiger Karl Unterkircher
Foto: AP
Freunde der Bergsteiger hatten von Italien aus vergeblich versucht, andere Alpinisten in der Gegend zu kontaktieren, um sie zu bitten, den beiden Südtirolern zu helfen. Die Saison für den Nanga Parbat sei fast zu Ende und die meisten Bergsteiger schon auf dem Rückweg. Extrembergsteiger Reinhold Messner zeigte sich schockiert über den Tod Unterkirchers. Er sei «der neue Star des Alpinismus» gewesen. Messner sprach von einer «unglaublichen Tragödie».
Impressionen im Video-Tagebuch
Die Tragödie von Unterkirchner sei inzwischen «traurige Realität», sagte Unterkirchers Manager Herbert Mussner. «Es gibt keine Hoffnung mehr.» Der 37-Jährige hatte 2004 als erster Alpinist die beiden höchsten Gipfel der Welt, Mount Everest und K2, in derselben Saison ohne Sauerstoffflasche bestiegen.
Bei Youtube finden sich einige Videos seiner Expeditionen, die er selbst gepostet hat. Das letzte erst am 6.Juli 2008 – es zeigt die ersten Bilder vom beschwerlichen Aufstieg am Nanga Parbat. «Adieu lieber Karl. Du wirst immer ein Teil der Berge sein. Danke, dass du die Welt mit uns geteilt hast», schrieb ein Kommentator zu dem Clip.
«Sollten wir wirklich nicht mehr zurückkehren, würden viele sagen: 'Was haben sie denn dort nur gesucht? Wer hat sie dort hingetrieben?'», schrieb er Ende Juni noch in das Tagebuch auf seiner Website. «Aber eine Sache steht fest, wer keinen Kontakt mit dem Berg findet, wird es auch nie erfahren. Der Berg ruft!» Unterkircher hinterlässt eine Frau und drei kleine Kinder.
Auch Günther Messner starb hier
Der Nanga Parbat in Pakistan gilt als besonders schwer zu bezwingender Berg. Schon im Jahr 1970 war dort Günther Messner, der Bruder Reinhold Messners, tödlich verunglückt. Später wurden Vorwürfe gegen Messner laut, er hätte seinem Bruder nicht geholfen.
Der Bergsteiger sagte der Zeitung «Corriere della Sera», er hoffe, dass Unterkirchers Kameraden nun nicht mit denselben Vorwürfen konfrontiert würden. «Karl ist tot. Er ist im Schnee begraben. Was können da seine Kletterpartner tun?», so Messner. «Sie haben das Recht und die Pflicht, ihr eigenes Leben zu retten.»
Der 8125 Meter hohe Nanga Parbat wurde zuerst vom Deutschen Herman Buhl 1953 bestiegen, nachdem 31 Kletterer die Versuche mit ihrem Leben bezahlt hatten. Er gilt unter Alpinisten als einer der anspruchsvollsten Achttausender und mithin wohl als einer der am schwierigsten zu besteigenden Berge der Erde.
«Schicksalsberg der Deutschen»
Er gilt als «Schicksalsberg der Deutschen», weil sich zahlreiche deutsche Expeditionen vergeblich an der Besteigung versuchten. Darunter fällt auch die Expedition von 1937 unter Beteiligung Heinrich Harrers, die Vorbild für den Film «Sieben Jahre in Tibet» war.
Erst vergangenen Sonntag war ein anderer Extrem-Berglauf tödlich geendet: Bei dem Rennen auf die Zugspitze starben nach einem Wettersturz zwei Männer an Erschöpfung. Sechs Läufer kamen mit schweren Unterkühlungen ins Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Die Teilnehmer waren streckenweise in kurzen Hosen und T-Shirts durch zehn Zentimeter tiefen Neuschnee gelaufen. (nz/dpa/AP)
Video: Die letzten Aufnahmen von Karl Unterkircher