Initiative vor Fashion Week:
Für ein paar Gramm mehr am Model
11. Jul 2008 19:10
 |  Salvador Dali hängt an einem dünnen Ärmchen | Foto: dpa |
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Es beginnt mit dem Wunsch, ein wenig dünner zu werden. Und manchmal endet die Magersucht mit dem Tod. Einige Modemacher wollen jetzt etwas dagegen unternehmen. Andere finden das gar nicht gut.
Mit der Verbannung spindeldürrer Models von deutschen Laufstegen geht die Modebranche erstmals gegen die oft tödliche Magersucht vor. Rechtzeitig vor der Fashion Week Berlin haben sich vier große Verbände am Freitag in Berlin verpflichtet, keine Magermodels mehr für Modeschauen und Werbefotos zu engagieren. Doch international wird es zunächst weiter dürre Topmodels in Fernsehen, Internet und Zeitschriften geben. Kritik an der nationalen Charta unter dem Motto «Leben hat Gewicht» kam umgehend.
Dünne Stars als Vorbilder, mangelndes Selbstbewusstsein, Leistungs- und Erwartungsdruck von Eltern und Schule. Magersucht und Bulimie haben viele Ursachen. Rund 600.000 Menschen zwischen 15 und 35 Jahren sind in Deutschland erkrankt. Jeder fünfte Jugendliche – meist sind es Mädchen - zeigen Anzeichen. Jede zehnte Kranke stirbt. Der Magersucht-Tod des 21 Jahre alten brasilianischen Supermodels Ana Carolina Reston vor zwei Jahren schreckte die Branche auf. Die deutschen Verbände ringen sich jetzt zu einem Mindestwert beim Body- Maß-Index von 18,5 durch. Das entspricht der Konfektionsgröße 36 und ist wenig im Vergleich zu deutschen Durchschnittsgrößen von 40 bis 42.
Noch kleiner als die Größe
Doch selbst die Kleidergröße 36 ist internationalen Topdesignern nicht dünn genug, wie Szenekenner wie Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode Instituts, wissen. Hartnäckig hielten sich bei den Modemachern verschobene Ideale. Die Kleider sollten sich stets verspielt um den Körper legen. Bei kleinen Kleidergrößen müssen die Models folglich noch schmaler sein. Dadurch entstünden massenhaft falsche Vorbilder, klagt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), auf deren Initiative die Charta entstanden ist. «Wenn Dünn-Sein aber zur Maxime wird, wenn der Eindruck entsteht: Du musst so aussehen wie...! - dann ist das gefährlich.» Solche Ideale treiben seltsame Blüten. So sei es nicht selten, dass die Hersteller ihre Kleider mit etwas kleineren Größen etikettieren, um Käufern den Eindruck zu vermitteln, sie seien dünner. Und viele Abteilungen für junge Mode in Kaufhäusern würden großteils von 40- bis 45-Jährigen durchstöbert, sagt Müller-Thomkins.
«Es geht»
Die Haute Couture ist mit einer Charta der eher auf etwas weitere Größen ausgerichteten deutschen Verbrauchermode allein kaum zu beeindrucken, wie Schmidt und die Unterzeichner einräumen. Doch solche Vorstöße gibt es auch in England, Frankreich, Italien, Österreich und Spanien. Die Politik, der Messeveranstalter Igedo, der GermanFashion Modeverband, der Verband lizenzierter Modellagenturen und das Mode Institut setzen auf ein allmähliches Umdenken. Igedo-Geschäftsführer Frank Hartmann zeigt sich optimistisch über die anvisierte Mischung aus Druck, Appellen und neuen Vorbildern. Als bei der jüngsten Messe ein Veranstalter auf Magermodels bestand, drohte der Veranstalter Igedo mit Absage. Der Mann lenkte ein. Hartmann: «Es geht.» Und die Fashion Fairs Ende Juli in Düsseldorf zeigt auch große Größen.
Eine psychische Erkrankung
Doch was die Selbstverpflichtung bringt, ist offen. Die Werbewirtschaft hat schon abgewunken. Schmidt selbst sagt: «Magersucht ist eine schwere psychische Erkrankung.» Die Charta sei nur ein Anfang. Und die CDU-Expertin für Verbraucherschutz, Julia Klöckner, kritisiert: «Die nationale Mode-Charta greift zu kurz.» Nichts getan werde etwa gegen Magersucht verherrlichende Seiten im Internet, die Todesbotschaften verbreiten. «Deshalb müssen Internetanbieter in diese Initiative unbedingt mit einbezogen werden.» (Basil Wegener, dpa)