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Ausweichen auf den Seitenstreifen erlaubt

11. Jul 2008 09:46
Stau - in Hessen auf die Standspur
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Wird es dick auf Hessens Autobahnen, machen die Verkehrsleiter einfach eine weitere Spur auf. Mehr Unfälle gab es dadurch nicht. Nun soll das Hessische Modell für Stauvermeidung Schule machen.

Wenn der Verkehr richtig dick wird, ist auf manchen hessischen Autobahnen erlaubt, wofür sonst 50 Euro Bußgeld und zwei Punkte in Flensburg fällig wären: das Fahren auf dem Seitenstreifen. In dem Bundesland, wo der Straßenverkehr besonders dicht ist, gibt es bereits 60 Kilometer Autobahnstrecke, auf denen Autofahrer bei Stau ausweichen dürfen. Das Beispiel soll Schule machen: Die CDU-Regierung setzt sich für die Ausdehnung ein. Vor wenigen Tagen gab Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) einen weiteren Abschnitt der A5 im Rhein-Main-Gebiet frei.

Im Landesverkehrsministerium in Wiesbaden sieht man die Strategie als vollen Erfolg. Selbst wenn die Zahl der Staus insgesamt in Hessen leicht gestiegen sei, habe sich die Zahl der Staustunden drastisch verringert, sagt Sprecher Christoph Zörb. Im Jahr 2004 standen Autofahrer demnach 88.000 Stunden im Stau, 2007 waren es 26.000. Den Erfolg führt das Ministerium auch auf die flexible Nutzung von Seitenstreifen zurück.

Natürlich dürfen Fahrer nicht nach Gutdünken auf den Streifen ausweichen: In der Verkehrsleitzentrale in Frankfurt wird vorher mit Kameras die Autobahn überwacht, damit kein Auto auf der Seite steht. Ist die Bahn frei, wird mit elektronisch gesteuerten Schildern ein weiterer Pfeil dargestellt und den Autofahrern «Seitenstreifen befahren» angezeigt.

Bund ist zuständig

«Das ist kein Automatismus», betont Sprecher Zörb. Auch während die Spur benutzt wird, hat ein Mitarbeiter in der Zentrale den Verkehr im Blick und schließt sie wieder, wenn ein Auto liegenbleibt. Mit der Benutzung des Seitenstreifens wird die Kapazität um 30 Prozent gesteigert - die Staugefahr sinkt.

Nach Ansicht der hessischen Regierung ist die Technik eine optimale Lösung, um kurzfristig mehr Platz auf Autobahnen zu schaffen. Denn ein Ausbau kostet sehr viel Geld und die Planungen dauern Jahre. Hessen schlägt vor, 330 der insgesamt 1000 Autobahnkilometer in dem Bundesland für die Nutzung des Seitenstreifens auszubauen. Die Entscheidung liegt bei Tiefensee, denn der Bund ist für den Bau der Autobahnen zuständig.

Auch der ADAC Hessen-Thüringen sieht das hessische Projekt überwiegend positiv. «Es hat eine deutliche Entlastung gebracht», sagt Verkehrsexperte Jürgen Baer. An der Sicherheit habe sich im Prinzip nichts geändert. Das hessische Verkehrsministerium registrierte seit Einführung des befahrbaren Seitenstreifens nach eigenen Angaben keinen Anstieg der Unfallzahlen.

Nur für wenige Stunden

Der ADAC sieht die Entwicklung dennoch auch mit Skepsis: «Der Patient Straße ist krank. Es stehen unheimlich viele gelehrte Doktoren um ihn herum und versuchen immer wieder eine neue Medizin. Das neue Pflaster ist jetzt die Standspur», kritisiert der Verkehrsexperte Thomas Hessling aus der Münchner Zentrale des Automobilclubs. Er sieht als Lösung des Stauproblems den schnellen Ausbau von Problemstrecken vor allem in Ballungsgebieten.

Das Problem besteht nach Ansicht des ADAC nicht unbedingt darin, dass die Autobahnen nicht ausreichen. «Die höhere Kapazität wird nur an wenigen Stunden am Tag benötigt», sagt Hessling. Er gibt zu Bedenken, dass viele Urlauber noch immer am selben Tag in die Ferien starten und Lastwagen wegen festgelegter Liefertermine meist zu denselben Zeiten auf den Autobahnen unterwegs sind. «Alles, was dazu dient, den Verkehr besser zu verteilen, hilft gegen Stau.» (Thomas Seythal, AP)

 
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