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Rauchverbot: 

Die zündende Idee

04. Jul 2008 11:51
Rachen erlaubt - Schild an einer Raucherbar in München
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Schild raus, Kasse an den Eingang, schon dürfen die Ascher auf den Tisch. Gegen das Rauchverbot in den Kneipen helfen ein Zelt, ein Raucherverein oder andere Tricks. Das ärgert die Ordnunghüter, berichtet Maike Schultz. Mit Video

Die Debatte um das Nichtraucherschutzgesetz dreht sich längst schon nicht mehr nur um Gesundheitsfragen. Spätestens seit beim Bundesverfassungsgericht eine Sammelklage von Gastwirten vorliegt, ist die Qualmerei zum Politikum geworden: Darf der Gesetzgeber Kneipenbetreibern einfach einen Teil ihres Publikums nehmen?

Solange die Regelung so ist, wie sie ist, zeigen sich die Kneipiers erfinderisch. In Karlsruhe beispielsweise hat ein Wirt inmitten seines Brauereirestaurants ein Bierzelt auf gestellt – weil Rauchen in Festzelten erlaubt ist. Pino Bianco von der Trattoria a'Muntagnola in Berlin hat seinen Gästen auf der Straße eine extravagante Raucherlounge eingerichtet. Sie pflegen ihr Laster nun in der «Smokeria», einem Lieferwagen mit Lüfter und Elektroheizung.





Populär ist auch das Gründen so genannter Raucher-Clubs. Und das völlig legal: Eine Ausnahmeregelung in einigen Bundesländern erlaubt den blauen Dunst in der Gastronomie. Gerade Eckkneipen, die räumlich keine Chance haben, einen separaten Raucherbereich einzurichten, können so ihre rauchenden Stammkunden halten. Mindestens 60.000 der 250.000 Gaststätten in Deutschland haben nur einen Raum. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ermittelte in Umfragen bei kleinen Bars und Kneipen Umsatzeinbußen im zweistelligen Prozentbereich, bis zu 70 Prozent.

Ein Raucherclub muss laut Gesetz eine echte Mitgliederstruktur haben. Der Betriebsinhaber muss den Mitgliederstand kennen oder abrufen können. Die Mitgliedschaft kann nicht einmalig für einen Abend oder eine Veranstaltung erworben werden, eine Regel, gegen die nicht selten verstoßen wird. An der Einlasskontrolle dürfen nur die vorbei, die sich als Mitglieder ausweisen können - Laufkundschaft muss draußen zu bleiben. Der Staat toleriert die Vereinslösung aber nur in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern. In Baden-Württemberg und Berlin beispielsweise ist dieser Weg ausdrücklich untersagt.

Clubvergnügen für einen Euro jährlich

Jutta Schneider aus Witten hat es gewagt: «Ich bin seit 30 Jahren Gastwirtin, das gebe ich nicht einfach auf, weil der Staat sich einmischt.» Deshalb hat sie aus ihrer Kneipe im Ruhrgebiet einen Verein für Rauch- und Spielkultur gemacht. Laut Schneider sind in den ersten drei Monaten schon über 300 Kunden beigetreten und zahlen dafür nur einen Euro pro Jahr. «Raucher und Nichtraucher», wie die Gastwirtin betont.

Zweck des Vereins sei «die Geselligkeit unter Menschen zu pflegen, die Interesse und Freude an guten Tabaken für Zigarren sowie an der Kultur und Geschichte des Rauchens haben». Zu Beginn habe ihre Idee keiner ernst genommen, sagt Schneider. Für sie war diese Lösung der einzige Ausweg: «Wenn ich in meiner Kneipe das Rauchen verbieten würde, hätte ich hier auch gleich einen Gemüseladen aufmachen können.» Die Menschen in Nordrhein-Westfalen seien ein Biertrinkervolk, und dazu gehöre für viele eben auch die Zigarette. Für sie ist das Gesetz zum Rauchverbot ein Eingriff in die Privatsphäre.

2000 Gasthäuser für Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur

Ähnlich sieht das auch Heinrich Kohlhuber aus München, Geschäftsführer des Vereins zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur. Seit seiner Gründung im Dezember 2007 hat dieser es schon auf 77.000 Mitglieder gebracht - laut Kohlhuber der drittgrößte Verein Bayerns.

Das Besondere: Die Initiative beschränkt sich nicht auf eine Kneipe, sondern verfügt über ein ganzes «Filialnetz». Rund 2000 Gasthäuser gehören dazu und stellen für ihre «Sitzungen» einfach nur ein Schild mit der Aufschrift «Geschlossene Veranstaltung» vor die Tür. Für acht Euro monatlich kann jeder Gastwirt Vollmitglied werden.

CSU unter 50 Prozent

Der ehemalige Gastwirt Kohlhuber ist Nichtraucher: «Mir geht es nicht primär ums Rauchen. Ich bin aber davon überzeugt, dass das strenge Nichtrauchergesetz etliche Wirte in den Ruin treiben wird.»

Hinzu kommt sein politisches Ziel: «Die CSU zur Landtagswahl im September unter 50 Prozent zu drücken, damit sie einen Koalitionspartner braucht». Denn nur so bekomme Bayern einen ordentlichen Nichtraucherschutz anstatt eines «preußischen Gesetzes mit italienischem Vollzug», wie Kohlhuber der Netzeitung sagte. «Das wird nach der Landtagswahl anders werden.» Das Laissez-faire ist für ihn ein Begleiteffekt des laufenden Wahlkampfes.

An den Raucher-Clubs stören sich vor allem die Kontrolleure der Ordnungsämter, deren Macht an den Vereins-Kneipentüren endet. «Dass man das Verbot so leicht umgehen kann, ärgert uns maßlos», sagt Christopher Habl vom Münchner Kreisverwaltungsreferat. In der bayerischen Landeshauptstadt gebe es derzeit 20 bis 30 Verfahren wegen Verstößen gegen das Rauchverbot. «Und viel mehr wird es auch nicht geben können, solange diese unsägliche Lösung mit den Clubs existiert.»

Auch Tine Wittler, Einrichtungsexpertin der RTL-Serie «Einsatz in vier Wänden», ihre Hamburger Kneipe «Parallelwelt» zum Raucher-Club erklärt. «Wir haben uns schon im Sommer letzten Jahres mit dem Thema auseinandergesetzt», sagt Bar-Chefin Catrin Tomaske. Rechtsanwalt, Steuerberater und Notar hätten alles genau geprüft.

Ihr «Verein zur Erhaltung der Rauchkultur in Hamburg und zur Förderung gegenseitiger Toleranz» hat inzwischen knapp 2000 Mitglieder, Tendenz steigend. Wer in der pinkfarbenen «Parallelwelt» ein Bier trinken will, muss beitreten und die elf Euro Aufnahmegebühr und Jahresbeitrag zahlen.

Auch die EU schwingt die Raucher-Keule

Doch die Tage von Raucher-Clubs sind gezählt, denn die EU-Kommission in Brüssel kündigte schon den nächsten Schritt an: Eine Änderung der Arbeitsschutzverordnung soll künftig auch Kneipen-Mitarbeiter vor dem blauen Dunst der Gäste schützen. Die Nichtraucher-Initiative wird möglich, weil die EU für Arbeitsschutzregelungen zuständig ist. Das Thema Gesundheit fällt dagegen in die Zuständigkeit der Länder.

Wenn es in Deutschland so läuft wie in England, könnte sich das Problem bald von allein erledigt haben: Dort haben seit dem Inkrafttreten des Rauchverbots vor einem Jahr schon 400.000 Menschen das Qualmen aufgegeben. Wie eine am Montag veröffentlichte Studie des britischen Anti-Krebs-Verbandes und verschiedener Pharmaunternehmen zeigt, könnte das Rauchverbot in den kommenden zehn Jahren den Tod von 40.000 Menschen verhindern. Noch nie hätten so viele Menschen auf einmal mit dem Rauchen aufgehört, sagte Studienleiter Robert West vom University College in London.

Mitarbeit: Tilman Steffen

 
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