30. CSD in Berlin: Ausgelassenes Tanzen und stilles Gedenken28. Jun 2008 17:35  |  Bunt gekleidet wird an Polizeieinsätze gegen Homosexuelle erinnert | Foto: dpa |
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Sie erschienen als Engelchen und Teufelchen, ließen halbnackt die Hüften kreisen oder tanzten in Jeans – zahlreiche Schwule und Lesben gingen in Berlin zum 30. Mal bei der Parade zum Christopher Street Day auf die Straße.
Erstmals war der bunte Umzug im Osten der Hauptstadt gestartet. Die Teilnehmer – vielfach in bunten und aufwendigen Kostümen – zogen bei Regen über den Boulevard Unter den Linden und wollten die Parade am frühen Abend an der Siegessäule beenden. Am Vormittag hatten Politiker sowie Lesben- und Schwulenverbände an einer Gedenkfeier am neuen Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen teilgenommen.
Einer von ihnen ist Rudolf Brazda. Der 95-Jährige war wegen seiner Homosexualität von 1941 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt. Am Samstag war der Mann aus Süddeutschland in Berlin, am Denkmal und bei der Parade. «Ein schreckliches Leben war das», sagte Brazda, dem während des Gedenkens Trauer und Schmerz deutlich ins Gesicht geschrieben standen. Auf die Frage, wie er sich heute fühle, meinte Brazda: «Ich muss sagen, ich fühle mich im Paradies in der Demokratie.» Später saß der 95-Jährige auf dem CSD-Wagen des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg.
«Hass Du was dagegen?» Der CSD will an die Ereignisse in New York am 28. Juni 1969 erinnern. Damals hatten sich Homosexuelle in der Christopher Street erstmals gegen Polizeiwillkür gewehrt.
Das Motto des CSD an seinem 30. Geburtstag in Berlin lautete «Hass du was dagegen?». Damit wollten die Veranstalter auf die fast tägliche Gewalt gegen Homosexuelle aufmerksam machen. Detlef Mücke, Gründer der Gruppe Schwule Lehrer in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sagte: «Wir stellen fest, dass «schwule Sau» als Schimpfwort immer mehr zunimmt.» Oftmals wüssten Schüler aber gar nicht, was «schwul» eigentlich bedeute.
Teilnehmer waren bei ersten Paraden teilweise vermummt
Mücke sagte, er habe bereits an den ersten Paraden in den 70er Jahren in Berlin teilgenommen – seinerzeit noch vermummt, aus Angst vor Repressalien. Rund 30 Jahre später versteckten sich die CSD-Teilnehmer nicht mehr. Schaulustige zückten ihre Fotoapparate, viele Paare hielten sich demonstrativ an den Händen.
Bei der Gedenkfeier am Tiergarten forderte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) ein aktives Gedenken. «Es geht um eine Kultur der Humanität, der Anerkennung.» Es habe lange gedauert, bis es das Ende Mai eröffnete Mahnmal für Homosexuelle in Deutschland gegeben habe. Die Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg, Petra Rosenberg, forderte eine Gleichstellung aller Opfergruppen. Die Schauspielerin Maren Kroymann legte eine Rose nieder, um an diskriminierte Lesben zu erinnern. Alle Redner wiesen auf die heute noch vorhandene Diskriminierung von Homosexuellen hin.
«Homophobie ist Gift für das Klima im Land» Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte: «Es gibt viele Gründe zu feiern.» Aber noch immer würden Homosexuelle zum Beispiel beim Adoptionsrecht benachteiligt. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck erklärte: «Die Lesben und Schwulen in Deutschland haben den Stillstand bei der Gleichstellung endgültig satt.» Die Ehe müsse auch für schwule und lesbische Paare möglich werden. Die Bundesregierung müsse sich stärker für Menschenrechte von Homosexuellen engagieren. «Homophobie ist Gift für das Klima im Land.» (Leticia Witte, dpa)
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