Problemalter Pubertät: «Was machen wir in unserer Familie falsch?»28. Jun 2008 17:01  |  Feiern statt Pflichten?: Teenager
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Pflichten vernachlässigen, aber alles ausdiskutieren. Pubertierender Nachwuchs treibt seine Eltern in die Raserei oder in die Resignation. Kurse helfen Eltern, mit ihren halbwüchsigen Kindern in der Pubertät besser umzugehen.
Die zwölfjährige Marie vergisst, den Müll zu entsorgen. Die 14-jährige Lisa chattet im Internet, statt Hausaufgaben zu machen. Der 15-jährige Florian kommt zu spät und betrunken von Partys nach Hause. Meistens ähneln sich die Klagen von Eltern, die Andrea Schiffarth zu hören bekommt. Seit fünf Jahren leitet die 45-jährige Sozialpädagogin die Kurse «Starke Eltern - starke Kinder» des Schwelmer Kinderschutzbundes, darunter auch solche, die sich an Eltern Pubertierender wenden.
«Was machen wir in unserer Familie falsch, dass wir uns nicht mehr verstehen?», laute die häufigste Frage am ersten Abend, sagt Schiffarth. Die Eltern von Marie, Lisa und Florian klagen über einen Familienalltag, der nur noch aus Streit und Stress besteht. «Viele Mütter und Väter sind ratlos, wütend und enttäuscht, wenn sie sich zu den Kursen anmelden», sagt Schiffarth.Von der Teilnahme erhoffen sich die Eltern Tipps, wie sie wieder einen Zugang zu ihren oft völlig veränderten Kindern finden. «Es ist ungeheuer anstrengend, dass Lisa kein 'Nein' mehr akzeptiert und alles ausdiskutieren muss», sagt ihre Mutter. Florian sei dagegen introvertiert und erzähle nichts mehr aus seinem Leben, bemängelt sein Vater. Und Marie ist nach Aussage ihrer Eltern «nur noch schlecht gelaunt».
Eigenes Versagen Probleme, die sie endlich offen nennen können. Obwohl viele Eltern die Pubertäts-Kurse als hilfreich empfinden, sind sie im Gegensatz zu Kursen, die sich an Familien von Kindergarten- und Grundschulkindern richten, bundesweit noch nicht so stark verbreitet. «Die Eltern müssen erst ihre Scheu überwinden», beobachtet Paula Honkanen-Schoberth, Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes in Hannover. «Sie werten das Verhalten ihrer Kinder als eigenes Versagen, das sie lieber nicht öffentlich machen wollen.»Dabei nimmt es den Eltern eine ungeheure Last, wenn sie endlich einmal offen über ihre Konflikte reden können», sagt Honkanen-Schoberth. Die finnische Sozialpädagogin hat 1985 den ersten «Starke Eltern - starke Kinder»-Kurs in Aachen geleitet. Sie brachte die Idee aus Finnland mit und entwickelte für den Deutschen Kinderschutzbund ein Konzept, das sich auch an Eltern pubertierender Kinder richtet.
Schnüre ganz kurz Bundesweit arbeiten mehr als 9000 Kursleiter nach Honkanen-Schoberts Konzept. Bisher haben allein bei den örtlichen 288 Kinderschutzverbänden rund 85.000 Eltern an Kursen teilgenommen. Die Seminare bestehen aus zehn bis zwölf Treffen, an denen etwa 16 Mütter und Väter teilnehmen. «Es geht um das ABC der Kommunikation in der Familie, um gewaltlose Erziehungs- und Grenzsetzungsmethoden und um mehr Sicherheit und Freude im Umgang mit den Kindern», erklärt sie.
Bei manchen Eltern pubertierender Kinder beobachtet die 57-jährige, dass sie «die Schnüre ganz kurz» ziehen und damit Grenzüberschreitungen der Kinder herausfordern. Andere resignierten nach dem Motto «Mach doch, was du willst». Letzteres ist nach Ansicht Honkanen-Schoberths gefährlich. «Pubertierende brauchen Grenzen, denn sie geben Orientierung und Geborgenheit.» Die Regeln sollten «unaufgeregt» besprochen und Strafen gemeinsam mit den Kindern festgelegt werden.Verständnis zeigen, die Stärken des Kindes sehen und loben, Geduld haben, lauten die Ratschläge der Sozialpädagoginnen. Bei den Teenagern spielten die Hormone verrückt und sorgten für eine Reihe von Veränderungen im Gehirn. Zwar steige die Intelligenz, aber der Umgang mit Gefühlen, Impulskontrolle und Handlungsplanung seien beeinträchtigt. «Die Verhaltensveränderung ist ein natürlicher Prozess, keine Folge einer grundfalschen Erziehung», beruhigt Honkanen-Schoberth. «Wer mit seinen Kindern im Gespräch bleibt, wird sie nicht verlieren.» (Sabine Damaschke, epd)
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