16.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Sie singen vor kreischenden Fans, schießen die meisten Fußballtore in der Bundesliga und bringen Filmfans zum Schwärmen: Polen, die in die Welt hinauszogen, um berühmt zu werden. Wie sie im Ausland ihre Karriere meistern, berichtet Bettina Meier .
Er holt aus, schießt und trifft. Der Ball geht zum zweiten Mal ins Netz und bringt den Sieg für Deutschland in der EM-Vorrunde gegen Polen. Doch statt zu jubeln, hält sich Torschütze Lukas Podolski verlegen die Hände vors Gesicht. Die Geste gilt den Gegnern, die Landsmänner sind, denn Podolski ist Pole. Aus Respekt vor dem eigenen Land wollte er sein Tor nicht überschwenglich feiern.
Berühmt ist Fußballprofi Podolski, der im Jahr 1987 mit seinen Eltern aus dem polnischen Gliwice nach Bergheim bei Köln zog, schon mit 19 Jahren geworden. Da spielte er zum ersten Mal in der deutschen Nationalmannschaft. Mit nur 21 Jahren hatte er als jüngster Spieler 16 Länderspieltore erzielt. Bei der Weltmeisterschaft 2006 schoss er drei Tore für Deutschland, ebenso wie bisher in der Europameisterschaft 2008.
Den Erfolg als aktueller Torschützenkönig in der derzeitigen Nationalmannschaft teilt sich Podolski nur mit Michael Ballack und einem anderen erfolgreichen Polen im deutschen Fußball: Miroslav Klose. Trotz der Fußballkarriere im Ausland ist Podolski seinem Land aber treu geblieben: Neben der deutschen besitzt der auch die polnische Staatsbürgerschaft.
Kreischende Fans und ein StarstudentStatt mit Toren gewann der Bauingenieurstudent Thomas Godoj mit Rockliedern sein großes Finale. Rund 63 Prozent der deutschen Zuschauer wählten ihn im Mai zu Deutschlands fünftem Superstar. Wie Podolski stammt Godoj aus Polen. Mit seinen Eltern und seiner Schwester zog er 1986 aus dem Ort Rybnik nach Recklinghausen in Westfalen. Vor kurzem noch arbeitslos, ist Godoj nun mit Plattenvertrag und kreischenden Fans zu Deutschlands neuem Nachwuchstalent aufgestiegen.
Weniger kreischende Fans, aber nicht weniger Erfolg in Deutschland hat der polnische Dirigent Marek Janowski aus Warschau. Er prägt seit dem Jahr 2002 als künstlerischer Leiter das Rundfunk-Sinfonie Orchester Berlin und arbeitet mit Orchestern in Genf, Pittsburgh, Monte-Carlo und Frankreich zusammen. International bekannt wurde Janowski durch seine preisgekrönten Aufnahmen von Richard Wagners Zyklus Der Ring der Nibelungen mit der Staatskapelle Dresden. Unter den renommiertesten Orchestern Europas und Nordamerikas ist der 1939 geborene Janowski sehr angesehen wegen seiner Effizienz, seinem Gehör und seiner klaren Zeichengebung.
Weltberühmt und auf der FluchtBerühmte Polen leben aber nicht immer in Glanz und Glück: Roman Polanskis Leben gleicht einer Achterbahnfahrt. Beruflich erlangte der Regisseur, der die sowjetische Besatzung Ostpolens 1939 in Krakau miterlebte, Weltruhm in Hollywood mit Filmen wie Rosemaries Baby und Die neun Pforten. Mit Der Pianist gewann er die goldene Palme in Cannes und den Oscar für die beste Regie.
Polanskis Privatleben aber gleicht einer Katastrophe. Als Kind erlebte er die Zeit im Warschauer Ghetto mit, während seine Mutter in Auschwitz starb. 1969, kurz nach der Premiere von «Rosemaries Baby», ermordeten Sektenanhänger seine hochschwangere Frau Sharon Tate. 1978 folgte ein weiteres Fiasko: Polanski bekennt sich schuldig, ein 13-jähriges Mädchen unter Drogeneinfluss sexuell missbraucht zu haben. Er flüchtet nach Frankreich, um einer langen Haftstrafe zu entgehen. Nach seiner Flucht aus den USA, in die er 1963 emigriert war, lebt Polanski nun in Polen und Frankreich. Nicht einmal den Oscar konnte er sich persönlich in den USA abholen: Der Starregisseur wäre verhaftet worden.
Im Schatten von Henry MaskeDurch Höhen und Tiefen boxte sich auch der aus Danzig stammende Dariusz Michalczewski. Der Tiger war 1994 bis 2003 Weltmeister bei der World Boxing Organization und blieb während seiner Profikarriere zwölf Jahre lang ungeschlagen. Obwohl er gut boxte, stand der Pole, der seit 1991 die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, im Schatten von Henry Maske.
Lange Zeit kämpfte er nur beim Bezahlfernsehen Premiere und hatte wenig Publikum. Sein erster Auftritt vor einem Millionenpublikum verlor Michalczewski nach Punkten gegen den Franzosen Christophe Girard. Erst mit dem Sieg gegen Graciano Rocchigiani in der neunten Runde katapultierte sich Michalczewski wieder an die Spitze der Boxchampions. Eine erneute Revanche gegen Rocchigiani hat Michalczewski bisher abgelehnt.
Literaturpapst kann nicht zur RedaktionskonferenzAuch Deutschlands Literaturpapst hat polnische Wurzeln: Marcel Reich-Ranicki stammt aus einem Ort namens Wloclawek, zog aber schon als Kind nach dem Bankrott seines Vaters nach Berlin. Im Jahr 1938 wies ihn Deutschland nach Polen aus, wo er die Sprache neu erlernen musste. Im Warschauer Ghetto überlebte er als Übersetzer. So blieb er bis zur Flucht von den Nazis verschont.
Ranicki lehrte an zahlreichen Universitäten in Deutschland und den USA und gilt heute als einflussreichster deutschsprachiger Literaturkritiker. Berühmt wurde er durch seine Sendung Das literarische Quartett beim ZDF, als Chef der Literaturredaktion der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und als Literaturkritiker der Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit». Dort durfte er seine Bücher zwar selbst auswählen, wurde aber nie zur Redaktionskonferenz eingeladen.
Eingeladen war Anna Walentynowics aus Danzig schon: zum 25 jährigen Jubiläum Polens erster freier Gewerkschaft Solidarnosc und zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Danzig. Walentynowics lehnte ab. Die Kranführerin und Mitbegründerin der Solidarnosc wollte damit gegen die sich wandelnde Politik der Solidarnosc protestieren. Sie war 1980 berühmt geworden, als sich nach ihrer Entlassung durch die Danziger Werft die erste freie Gewerkschaft in Polen gründete. Ihr Leben wurde 2007 vom deutschen Regisseur Volker Schlöndorff im Film «Strajk - Die Heldin von Danzig» verfilmt - als deutsch-polnische Ko-Produktion.