Seltener Beruf:
Dumping-Flaggen für den Bundestag
14.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Surrend öffnet sich die Dachluke des Nordwestturms, und hindurch schiebt sich der blonde Schopf von Stephan Gaede. Referat ZT 4 Logistik, Plenarassistenzdienst, Frack- und Flaggenstelle. In Klettergurt und schwarzen Jeans stemmt er sich routiniert aufs Turmdach und zwinkert in den Wolkenhimmel. Ist die Flagge über dem Sitzungssaal der FDP-Fraktion an den Rändern ausgefranst? Haben sich Schlaufen am Mast gelöst? Gaede ist zufrieden. Die hier kann noch ein paar Tage hängenbleiben.
Gaede ist 38 Jahre alt und seit vier Jahren Flaggenwart im Bundestag. «Die Türme sind für mich der schönste Arbeitsplatz», sagt er ein bisschen schüchtern. Er mag es, von hier oben zu beobachten, wie die neue US-Botschaft wächst. Das Kanzleramt, der Hauptbahnhof, ganz Berlin liegt ihm zu Füßen. Früher war Gaede Landschaftsgärtner und hat bei Regen und Kälte mit gebücktem Rücken Sportplätze und Siedlungen bepflanzt. «Das ist kein Job bis zur Rente», dachte er sich schon damals. Als er dann arbeitslos wurde, gab ihm ein Nachbar den Tipp, eine Bewerbung auch an den Bundestag zu schicken. 2002 fing er dort beim Botendienst an.
Rund alle vier Wochen tauschen Gaede und seine zwei Kollegen die Flaggen aus. Zu zweit klettern sie dann auf die Türme. Einer holt die Hissleine ein, der andere läuft übers Flachdach, fängt den hinabwallenden Stoff auf und stopft ihn in einen Leinensack. Das klingt simpel, ist es aber nicht. In der Flaggen-Ethik gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Das Tuch darf den Boden nicht berühren, denn das soll Unglück bringen. Auf dem Schlachtfeld war die eigene Fahne schließlich eine lebenswichtige Orientierungshilfe für versprengte Soldaten, erzählt Gaede. Da ließ man sie auch nicht einfach in den Dreck fallen.
Gaede erinnert sich allerdings bisher nur an ein Malheur. An einem stürmischen Pfingstwochenende riss die Flagge auf dem CDU-Turm ab und wehte vermutlich in die Spree. Die Polizei fand sie nicht wieder. Die kurzen, heftigen Böen hatten das Material zermürbt. Gaede spricht von einem «Unfall».
Abgeordnete kommen hier nicht hinauf - dies ist das Reich der Flaggenwarte, Fensterputzer und Techniker. Heizungsrohre und Elektrokabel laufen an der Wand entlang, dazwischen lugt gelbe Isolierwolle hervor, in einem Mülleimer liegen Colaflaschen und auf dem Boden ein paar Kippen. Die Jalousie an den Fenstern kann von unten automatisch bedient werden. Noch zwei Leitern, und Gaede steht wieder im leeren Sitzungssaal und packt seinen Klettergurt zurück in den Aluminiumkoffer.
Hat der Bundestag die Flagge nicht auf Lager, lässt er sie nähen. Die Firma MacFlag besteht aus zwei Räumen in einem Gewerbegebiet im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen. Einer davon ist das Büro von Fred Krenz. Auf dem schwarzen Ledersofa neben dem Glastisch türmt sich ein blauweißer Stoffberg - die Fahne für die Nato- Parlamentarierversammlung.
Der 69-Jährige war früher Elektronikingenieur in Ostberlin. Nach der Wende hat sich der schmächtige Mann mit seiner Flaggenfirma selbstständig gemacht. Am besten zahlen Unternehmen, am Bundestag verdient er wenig. Auf die Ausschreibung damals hat er sich mit «Dumping-Preisen» beworben - «denn so ein Kunde ist gut fürs Image» - und bekommt deswegen Sonderrabatte.
Im Raum nebenan rattern Nähmaschinen mit Pressluftanschluss, aus einem Radio leiert Popmusik, das Fensterbrett ist voller Pflanzen. Drei Näherinnen sitzen inmitten von Säcken mit Stofffetzen, Kisten mit Scheren und Karabinerhaken, Bügeleisen, Garnspulen und breiten Rollen aus Flaggentuch. «Polyestergewirk» nennt Krenz es.
Auch ausgediente Flaggen schickt er zurück an den Bundestag. Dort ist man ratlos, was mit ihnen passieren soll. Bisher werden alte Flaggen in einem Schrank im Lagerraum gehortet. Rund 80 haben sich dort inzwischen angesammelt. Es fehlt die passende Idee, wo die Hoheitssymbole des deutschen Staates unverfänglich eine neue Verwendung finden könnten. Das Thema ist heikel.
Denn ein Projekt schlug vor vier Jahren gründlich fehl: Damals versteigerte der Bundestag eine gebrauchte Flagge im Internet. 3350 Euro zahlte jemand für die Einheitsfahne samt Echtheitszertifikat. Der Käufer: ein Bordell in Halle. Der Ärger: groß. Die Fahne wehte keinen Monat über dem Etablissement. Nach heftiger Kritik und einer Anzeige wegen Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole gab die Inhaberin die Fahne wieder zur Versteigerung frei. «Das Bordell hätte auch bei mir kaufen können, eine schöne, eine neue Fahne», sagt Krenz. Und wesentlich preiswerter. Es klingt fast ein bisschen beleidigt. (Heike Sonnberger, dpa)

