Experiment in französischer Schule: 

netzeitung.deZehn Tage lang keine Glotze

 Herausgeber: netzeitung.de

Die gewohnten TV-Rituale mussten sich die Kinder abgewöhnen (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die gewohnten TV-Rituale mussten sich die Kinder abgewöhnen
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der erste Erfolg der Aktion steht schon fest: Die Schüler sind «ausgeruhter, auf jeden Fall fröhlicher». Fernsehen dürfen sie nicht, und auch nicht Computer spielen. Damit schaffen sie auch bei ihren Eltern Aha-Effekte.

Schuldirektor Rémy Xavier ist vom durchschlagenden Erfolg der Aktion «Zehn Tage ohne Bildschirm» an seiner Grundschule in Straßburg überwältigt. «Alle machen mit, Lehrer, Eltern und Kinder». Bis diesen Donnerstag verzichten die 260 Schüler der Grundschule am Stadtrand auf Fernsehen, Computer und Computerspiele.

«Wir sind mittlerweile bei einer Erfolgsquote von 90 Prozent», sagt Xavier. Errechnet hat er dies mit Hilfe der Punktetabelle, die jedes Kind selbst ausfüllt. Je länger die Bildschirme ignoriert werden, desto mehr Punkte gibt es.

«Wir haben den Fernseher in den Keller gestellt», sagt die Mutter des elfjährigen Francis. Für Antony, 9 Jahre alt, ist es nicht so einfach. «Wenn ich nicht mit dem Computer spiele, langweile ich mich». Er hält trotzdem durch und hat ein wichtiges Fußballspiel am Wochenende im Radio verfolgt.

Sport statt Glotze
Weil die Aktion «Zehn Tage ohne Bildschirm» gut vorbereitet wurde, gibt es genügend Alternativen zur Bekämpfung der Langeweile. Fahrradtouren und Ballspiele werden von der Schule und Vereinigungen im Stadtteil angeboten und zu Hause werden Gesellschaftsspiele aus der Schublade geholt.

«Es ist für uns die Gelegenheit, beim Essen wieder miteinander zu reden», sagt eine Mutter etwas beschämt, weil sie gemerkt hat, «dass ich fernsehsüchtig bin». «Die Kinder haben jetzt mehr zu erzählen, weil sie mit Freunden spielen oder Ausflüge machen», sagt eine Lehrerin. Im Unterricht scheinen die Kinder «ruhiger und ausgeruhter, auf jeden Fall fröhlicher».

«Wir haben einen Nerv unserer Gesellschaft getroffen», erklärt Xavier den unerwarteten Erfolg. Den meisten Menschen sei bewusst, dass ihr Leben vom Bildschirm beherrscht wird. Der Versuch vieler Eltern, übermäßigen Bildschirm-Konsum ihrer Kinder mit Verboten einzudämmen, bringe auch nicht viel.

Ohne moralischen Zeigefinger
Mit zum Erfolg beigetragen hat auch die Methode. «Wir bieten den Kindern eine Herausforderung, ohne den moralischen Zeigefinger. Das spornt an». Bestes Beispiel ist die Familie des zwölfjährigen Marc. «Die Eltern haben gesagt, wir schauen weiter fern. Das Kind ist standhaft geblieben und hat auch am Wochenende durchgehalten», sagt seine Lehrerin.

Völlig unerwartet traf den Direktor das gewaltige Interesse der Medien. Wie ein Bienenschwarm fielen Fernsehteams aus Frankreich und den Nachbarländern über die Grundschule her. «Es kamen auch Anrufe aus Brasilien und Japan», erzählt er. Weil sein Telefon ständig klingelte, hat eine Mutter die Rolle der Telefonistin übernommen.

Glückwunschbriefe aus dem ganzen Land
Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Glückwunsch-Briefe aus dem ganzen Land, mehrere 100 sind es bislang. Auch ein Brief aus den USA ist dabei. «Wir verzichten auch wochenweise auf Fernseher und Bildschirme», schrieb eine Französin aus New York, die im Internet von dem Straßburger Experiment gelesen hatte. Sie wünschte den Kindern «viel Erfolg».

Wie es nach den zehn Tagen weitergehen wird, weiß Xavier auch nicht. «Wir wollen das Fernsehen nicht abschaffen, wir haben auch keine Revolution gestartet, doch wir hoffen auf eine positive Dynamik. Es geht darum, die Abhängigkeit vom Fernseher zu verringern und besser auszuwählen, anstatt ohne Sinn und Verstand alles zu konsumieren, was uns vorgesetzt wird». (Petra Klingbeil, dpa)