Experiment in französischer Schule:
Zehn Tage lang keine Glotze
29.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
«Wir haben den Fernseher in den Keller gestellt», sagt die Mutter des elfjährigen Francis. Für Antony, 9 Jahre alt, ist es nicht so einfach. «Wenn ich nicht mit dem Computer spiele, langweile ich mich». Er hält trotzdem durch und hat ein wichtiges Fußballspiel am Wochenende im Radio verfolgt.
«Es ist für uns die Gelegenheit, beim Essen wieder miteinander zu reden», sagt eine Mutter etwas beschämt, weil sie gemerkt hat, «dass ich fernsehsüchtig bin». «Die Kinder haben jetzt mehr zu erzählen, weil sie mit Freunden spielen oder Ausflüge machen», sagt eine Lehrerin. Im Unterricht scheinen die Kinder «ruhiger und ausgeruhter, auf jeden Fall fröhlicher».
«Wir haben einen Nerv unserer Gesellschaft getroffen», erklärt Xavier den unerwarteten Erfolg. Den meisten Menschen sei bewusst, dass ihr Leben vom Bildschirm beherrscht wird. Der Versuch vieler Eltern, übermäßigen Bildschirm-Konsum ihrer Kinder mit Verboten einzudämmen, bringe auch nicht viel.
Völlig unerwartet traf den Direktor das gewaltige Interesse der Medien. Wie ein Bienenschwarm fielen Fernsehteams aus Frankreich und den Nachbarländern über die Grundschule her. «Es kamen auch Anrufe aus Brasilien und Japan», erzählt er. Weil sein Telefon ständig klingelte, hat eine Mutter die Rolle der Telefonistin übernommen.
Wie es nach den zehn Tagen weitergehen wird, weiß Xavier auch nicht. «Wir wollen das Fernsehen nicht abschaffen, wir haben auch keine Revolution gestartet, doch wir hoffen auf eine positive Dynamik. Es geht darum, die Abhängigkeit vom Fernseher zu verringern und besser auszuwählen, anstatt ohne Sinn und Verstand alles zu konsumieren, was uns vorgesetzt wird». (Petra Klingbeil, dpa)

