28.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Die verunglückte Messerschmidt in Berlin
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In Berlin ist ein Oldtimer von der Rollbahn abgekommen; in Eisenach starben bei einem Unfall mit einer alten Maschine zwei Menschen. Für den Luftsicherheits-Experten Heinz Bartsch höchste Zeit, derlei Spektakel zu verbieten. Mit Video
Die Geschichte von Flugschauen ist eine Geschichte der Unfälle. Als gleich am Eröffnungstag der Internationalen Luft und Raumfahrtsausstellung (Ila) in Berlin eine Messerschmidt 109 von der Rollbahn abgekommen ist, wurde die Maschine leicht beschädigt, aber glücklicherweise niemand verletzt.
Oft gehen Unfälle auf Flugschauen weniger glimpflich zu Ende. 1983 wurde nach dem Absturz eines Starfighters eine ganze Familie getötet, im April starb eine Frau bei der Flugschau in Eisenach, weil eine Propellermaschine von der Rollbahn abkam. Bei schlimmsten Flugschau-Unglück Deutschlands starben 1988 in Ramstein 70 Menschen.
Die
Netzeitung sprach mit Heinz Bartsch über den Sinn und Unsinn von Flugschauen. Bartsch befasst sich seit zwölf Jahren mit dem Thema Flugsicherheit. Er ist emeritierter Universitätsprofessor und langjähriger Direktor des Instituts für Arbeits- und Sozialwissenschaften an der BTU Cottbus. Eine seiner Fachdisziplinen in universitärer Lehre und Forschung war das Thema «Flugsicherheit aus arbeitswissenschaftlicher Sicht». Er schreibt Fachbeiträge für das Flugsicherheits-Portal Aerosecure.
Netzeitung: Herr Bartsch, auf den Flugschauen in Berlin und Eisenach ist es zu Zwischenfällen mit alten Flugzeugen gekommen. Wie sicher ist es, alte Flugzeuge auf Flugschauen zu präsentieren?Heinz Bartsch: Es ist sicherlich gefährlich. Alte Flugzeuge stellen ein besonderes Risiko dar. Wenn es heute zu Flugzeugunfällen kommt, dann wurden sie in 75 Prozent der Fälle durch menschliches Versagen ausgelöst. Vor 25 Jahren war die Relation genau umgekehrt, das heißt technische Probleme haben zu den Unfällen geführt. Natürlich muss man auch bei den alten Maschinen differenzieren. Wie sicher die Flugzeuge sind, hängt auch von der Wartung und der Nutzungsdauer ab. Generell sind die Sicherheitsstandards bei alten Maschinen aber geringer. Ich würde generell davon abraten, solche alten Maschinen bei Flugschauen fliegen zu lassen.
Netzeitung:Warum kommt es selbst mit modernen Maschinen bei Flugschauen derart häufig zu Unfällen?
Heinz Bartsch: Der Automatisierungsschub bei modernen Maschinen ist derart groß, dass die Qualifikation der Piloten vielfach nicht Schritt gehalten hat. Piloten sind in vielen Fragen überfordert, es kann schwierig sein, sich schnell an neue Situationen anzupassen. Bei den Flugschauen werden dann meistens auch noch besonders waghalsige Manöver geflogen. Auch kann die Luftverkehrsdichte bei einer solchen Schau ungewohnt hoch sein.
Netzeitung: Es sind aber nicht immer alte Maschinen, die solche Unglücke herbeiführen. Sind nicht die Flugschauen das eigentliche Problem?
Heinz Bartsch: Ich persönlich würde Flugschauen abschaffen. Ich denke heute gibt es weniger gefährliche Möglichkeiten, um Marketingstrategien umzusetzen. Natürlich gibt es Sicherheitsexperten bei diesen Shows. Aber auch die können Fehleinschätzungen unterworfen sein. Bei den existierenden Shows sollten die Veranstalter selbst vielleicht Grenzen setzen und besonders gefährliche Manöver nicht fliegen lassen.
Das Interview führte Caroline Benzel
Augenzeugen-Video des Ramstein-Unglücks