Agrosprit:
Mit einer Tankfüllung vom Sauber- zum Buhmann
16. Mai 2008 19:12
 |  Biodiesel hat sein gutes Image verloren | Foto: dpa |
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Familienvater Lasar fühlt sich als Pionier auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien. Er fährt seit Jahren einen Clio und einen Mercedes mit Elektro- und Rapsmotor. Aber seit kurzem ist nichts mehr, wie es war.
Der Weg zu seinem Haus im Grünen führt über einen rumpeligen Feldweg: Direkt neben der Garage dreht sich ein kleines Windrad, im Garten steht eine Solaranlage. Ulrich Lasar aus Leopoldshöhe bei Bielefeld ist Umweltschützer aus Leidenschaft. «Seit zwölf Jahren beschäftige ich mich mit regenerativen Energien», sagt der 59-jährige Familienvater.
Weil er sich so viele Gedanken über die Umwelt macht, fahren seine Autos, ein alter Renault Clio und ein betagter Mercedes Kombi, auch nicht mit Benzin oder Diesel, sondern mit einem Elektromotor und mit Raps.
«Ich tanke Salat-Öl» bringt keine Bewunderung mehr
Früher erntete der gelernte Ingenieur und Soziologe anerkennende Blicke, wenn er mit dem Aufkleber «Ich tanke Salat-Öl» vorfuhr. «Aber jetzt ist die Stimmung total umgeschlagen», berichtete Lasar. Erst kürzlich wurde er von einem Mann auf einem Parkplatz wüst beschimpft. «Der hat mir vorgeworfen, ich sei für den Hunger in Indonesien verantwortlich», erzählt er. Seit der Debatte über die steigenden Nahrungsmittelpreise gerät auch der Biosprit heftig in die Kritik. SPD-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sprach sich dafür aus, den Einsatz von Getreide und Ölfrüchten für die Agrotreibstoffe vorübergehend auszusetzen. Der rasante Anstieg der Preise für Lebensmittel sei weltweit zu 30 bis 70 Prozent auf die zunehmende Produktion von Öko-Sprit zurückzuführen.
Mais wandert in den Tank statt in den Mund
In Brasilien kritisieren die Kirchen, dass die Produktion von Bio-Treibstoff aus Zuckerrohr die Lebensmittelproduktion verdrängt und die Preise in die Höhe treibt. Eine während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) getroffene Vereinbarung sieht jetzt vor, gemeinsam Kriterien für eine nachhaltige Erzeugung von Biosprit zu erarbeiten. Auch der UN-Sonderberater Jeffrey Sachs warnte. Er ist überzeugt, dass in den «USA bis zu einem Drittel der Mais-Ernte in den Benzintank wandert». Er forderte die USA und die Länder der Europäischen Union auf, die Agrosprit-Produktion zu drosseln. Doch die EU hält an dem Ziel fest, den Anteil bis 2020 auf zehn Prozent zu erhöhen.
Gabriel und Seehofer wollen Anbau ausbauen
SPD-Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und CSU-Landwirtschaftsminister Horst Seehofer betonen dagegen einmütig, weltweit würden nur 1,9 Prozent der Anbauflächen für Energiepflanzen verwendet werden. Zudem gebe es viele Brachflächen, von den 4,2 Milliarden Hektar Anbauflächen auf der Erde würden nur 1,5 Milliarden Hektar genutzt. Argumente, die auch Johannes Lackmann vom Bundesverband Erneuerbarer Energien, vertritt. Er wirft den Kritikern des Biosprits in Umweltorganisationen wie dem BUND und Greenpeace, «ein hohes Maß an Verlogenheit» vor. Es sei ihm völlig unverständlich, «wie ein Thema in so kurzer Zeit kippen kann». Fahrer von Sprit-fressenden «Off-Road-Schlitten», könnten sich die «Hände reiben». Über die Schäden, die die Ölindustrie etwa in Nigeria anrichte, werde kaum noch geredet.
Lobbygruppe will Zertifizierung der Nachhaltigkeit
Dabei plädiert Lackmann für einen «nachhaltigen Anbau» von Raps. Und bei der Produktion von Energiepflanzen in Brasilien müsse es eine «Zertifizierung auf Nachhaltigkeit» geben. Denn natürlich sei es notwendig, die weiterer Zerstörung von Regenwald zu verhindern. Lackmann plädiert daher vor allem für die heimische Produktion. In Deutschland gebe es noch viele Brachflächen, die genutzt werden könnten.Auch Ulrich Lasar bezieht sein Raps-Öl aus heimischer Produktion. Er lehnt es sogar rigide ab, dass der Treibstoffbedarf aus den Entwicklungsländern gedeckt wird: «Das ist für mich eine Form der neokolonialistischen Ausbeutung.» Notwendig sei, Energie einzusparen. Aber wenn das Pflanzen-Öl aus regionalem Anbau stamme, sei dies weiter ein Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz - denn schließlich werde beim Fahren mit Salat-Öl nur wenig klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) produziert. (Michael Ruffert, epd)