Dutzende von Nachbeben:
China rechnet mit steigenden Opferzahlen
13. Mai 2008 19:53
 |  Helfer suchen in zerstörten Gebäuden nach Überlebenden | Foto: dpa |
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Erste internationale Hilfe hat die Betroffenen erreicht. Auch Deutschland und die USA boten Unterstützung bei der Bewältigung der Erdbebenkatastrophe in der Provinz Sichuan an.
Nach dem schweren Erdbeben in China ist die Zahl der Toten bis zum Dienstagabend auf mehr als 12.000 gestiegen. Das Gastgeberland der Olympischen Sommerspiele erwartet weiter steigende Opferzahlen. Tausende Menschen sind noch unter den Trümmern verschüttet und zehntausende obdachlos.
Dutzende von Nachbeben bis zur Stärke von 6,1 erschütterten die schwer betroffene Provinz Sichuan. Die Bergungsmannschaften kämpften gegen die Zeit. «Jede Sekunde ist kostbar», mahnte Regierungschef Wen Jiabao. Mehrere zehntausend Menschen wurden verletzt, brauchten medizinische Hilfe. Dringend werden Trinkwasser, Medizin, Zelte und Nahrungsmittel benötigt. Die Hilfe im Land für die Opfer lief an. China hieß zudem internationale Unterstützung ausdrücklich willkommen.
Schweigeminute beim Fackellauf
Der olympische Fackellauf in China wird angesichts der vielen Opfer seinen Charakter ändern. Die Feiern am Wegesrand und der Aufwand an den Stationen sollen bescheidener ausfallen, kündigte am Dienstag der Sprecher des Organisationskomitees in Peking an.
Der ernstere Charakter des Laufes werde möglicherweise bis Juni beibehalten, wenn das olympische Feuer auch die vom Erdbeben betroffene Provinz Sichuan erreiche. Jeweils zu Beginn des Laufes werde es künftig eine Schweigeminute für die Opfer geben, berichtete das Organisationskomitee.
Keine Auswirkungen auf Olympische Spiele
Entlang der Route könnten die Menschen für die Erdbebenopfer spenden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) kündigte am Dienstag eine Spende von einer Million Dollar (rund 650.000 Euro) für die Opfer und den Wiederaufbau an. Auf die Olympischen Spiele soll das Beben, das bis in die Hauptstadt Peking deutlich zu spüren war, keinen Einfluss haben.
Es waren die folgenschwersten Erdstöße seit dem schweren Beben 1976 in der nordostchinesischen Stadt Tangshan unweit von Peking, wo 242.000 Menschen ums Leben gekommen waren. Während des Bebens hielten sich auch deutsche Urlauber in Sichuan auf. Verletzte gab es aber nicht, berichteten drei deutsche Anbieter von Chinareisen.
Keine Hinweise auf deutsche Opfer
Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte in Berlin, es lägen keine Erkenntnisse über mögliche deutsche Opfer vor. Die deutsche Botschaft in Peking habe aber einen Krisenstab eingerichtet, um zu prüfen, ob Deutsche betroffen seien. Eine 15-köpfige britische Reisegruppe galt in der Nähe des Pandareservats Woolong als vermisst. Unter den Opfern des Bebens sind auch Touristen. Ein Erdrutsch begrub einen Reisebus in Maoxian und tötete 37 Insassen. Mehr als 2000 Touristen steckten in der Präfektur Aba fest. Wie viele Ausländer betroffen waren, ist unklar.Erste Hilfe für die Opfer rollte an. Ärzteteams und Helfer wurden nach Sichuan entsandt. Die Fluggesellschaft China Eastern Airlines schickte vier Maschinen mit Hilfsgütern und hunderte Mitglieder der Rettungsmannschaften aus anderen Städten in die Provinzhauptstadt Chengdu, deren Flughafen für normale Flüge gesperrt wurde. Die Armee setzte mehrere zehntausend Soldaten ins Katastrophengebiet in Marsch. Die Regierung in Peking stellte 360 Millionen Yuan (heute 33,5 Millionen Euro) für die Katastrophenhilfe zur Verfügung. Das Verwaltungsministerium schickte 60.000 Zelte.
Regierung fordert Blutspenden
Das chinesische Rote Kreuz verbreitete einen Spendenaufruf. Das Gesundheitsministerium in Peking rief zu Blutspenden auf. «Es gibt einen großen Bedarf für Blut in den Erdbebengebieten, und wir hoffen, dass das Volk aktiv spendet», sagte ein Sprecher. Das Ministerium schickte Reserven aus anderen Provinzen nach Sichuan. Ein Sprecher des Außenministeriums bedankte sich für die Ankündigung internationaler Unterstützung. Die Europäische Union, die USA und Deutschland boten Hilfe an. Bundesaußenminister Steinmeier sagte während seiner Russlandreise in Jekaterinenburg, in einem ersten Schritt stelle die Regierung 500.000 Euro bereit. Die USA stellten 500.000 Dollar in Aussicht.
«Ich bin sehr besorgt»
Einen Tag nach dem Erdbeben waren die Straßen in den schwer betroffenen Landkreis Wenchuan, wo das Epizentrum lag, immer noch durch Erdrutsche und Felsbrocken versperrt. Es gab keinen Kontakt zu rund 60.000 Einwohnern in mehreren Orten. «Ich bin sehr besorgt», sagte der Vizegeneralsekretär der Regierung von Aba, He Biao, zur Lage in dem 105.000 Einwohner zählenden Kreis Wenchuan. Gerüchte über fast 19.000 Verschüttete in der Stadt Miyang bestätigten sich nicht.
Mangel an Trinkwasser und Nahrung
Schwer betroffen war der Ort Mianzhu. Dort starben 2000 Menschen, 4800 Menschen waren noch unter Trümmern verschüttet. Wie dramatisch die Lage ist, zeigte die Aussage eines Beamten des Gesundheitsamtes: «Bettlaken und Vorhänge sind zerrissen worden, um als Verbandmaterial benutzt zu werden.»Der Vizeparteichef von Mianzhu, Zheng Zemin, sagte laut Xinhua: «Wir leiden unter einem ernsthaften Mangel an Trinkwasser und Nahrung.» Die Wasserversorgung sei fast ganz unterbrochen. Mehr als 10.000 Obdachlose hätten die Nacht im Freien verbracht. «Die Krankenhäuser sind voll, und Zelte werden benötigt, um die Verletzten zu versorgen», sagte der Parteichef. Im Erdbebengebiet stürzten mehrere Schulen ein und begruben Hunderte von Schülern, ohne dass Aussicht auf Rettung bestand.
Dalai Lama betet für die Opfer
Auch in Peking spürbare Erdstöße der Stärke 3,9 zeigten nach Ansicht der Organisatoren der Olympischen Spiele, dass die Stadien erdbebensicher gebaut wurden. Der Experte der Erdbebenwarte in Peking, Gu Yongxin, sagte der «Chongqing Chenbao», die Wettkampfstätten hätten «den Test bestanden». Sie könnten sogar Beben bis zur Stärke acht aushalten. Der Dalai Lama sprach den Betroffenen sein Beileid aus. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter zeigte sich in einer Mitteilung im nordindischen Dharamsala «zutiefst betrübt über den Verlust vieler Leben» und über die Verletzten. Er bete für die Opfer. Chinas Regierung hatte den Dalai Lama mitverantwortlich für die Unruhen in Tibet Mitte März und die jüngsten chinafeindlichen Proteste gemacht. (dpa)