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Einschätzungen zur Psyche von Josef F.: 

Lügner, Tyrann und «unzurechnungsfähig»

04. Mai 2008 13:02
Hier herrschte Josef F. jahrelang nach Gutdünken
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Berichte von Verwandten und Bekannten zeigen Josef. F. als Menschen mit regem kriminellen Gehirn und dunkler Vergangenheit. Sein Anwalt will den Inzest-Verbrecher nicht ins Gefängnis stecken, sondern in die Psychiatrie.

Für gelegentliche Bekannte war Josef F. ein netter Kerl, mit dem man gerne mal ein Bier trank, der obszöne Witze erzählte und laut lachte. Nach Berichten ehemaliger Nachbarn hat der 73-jährige Österreicher, der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang im Keller eingesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt haben soll, seine Familie und seinen Haushalt wie ein Diktator geführt. Sein Anwalt hält Josef F. für unzurechnungsfähig.

Der Wiener Anwalt Rudolf Mayer vertritt Josef F. und hat seinen Mandanten bisher zweimal in der Untersuchungshaft getroffen. «Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist Fritzl psychisch krank und damit unzurechnungsfähig», sagte Mayer der «Bild am Sonntag». Der Verteidiger will eine Haftstrafe für den Sexualstraftäter verhindern: «Ich glaube, mein Mandant gehört nicht ins Gefängnis, sondern in eine geschlossene Psychiatrie.»

Die Schwägerin von Josef F. sagte am Samstag, Josef F. habe wegen einer Vergewaltigung im Jahr 1967 eine Haftstrafe von 18 Monaten verbüßt. Seine Frau sei bei ihm geblieben und habe sich stets bemüht, die Familie zusammenzuhalten, so Christine R. Ihre Schwester habe niemals vermutet, dass Josef F. die eigene Tochter in den Keller verschleppen und dort gefangen halten könnte. Die Schwestern hätten oft über das mögliche Schicksal der vermissten Elizabeth gesprochen und auf Bahnhöfen und bei Obdachlosen nach ihr gesucht.

Schwägerin hatte Angst vor ihm

Ihren Schwager beschrieb Christine R. als einen Tyrannen, der eine Atmosphäre der Angst im Haus verbreitet habe. «Wenn er gesagt hat, es ist schwarz, dann war es schwarz, auch wenn es zehn Mal weiß war», sagte sie. Josef F. habe keinen Widerspruch geduldet. Sie selbst habe bei Familienfesten Angst vor ihm gehabt. «In der Familie war er sicher der Herr des Hauses», sagt auch Anton G., der von F. ein Stück Land am Mondsee gepachtet hat. «Er war unflexibel. Er hatte keine Sensibilität. Wenn man krank war, wenn man irgendetwas hatte, war es ihm egal. Eine Regel - und aus!»

«Er war offensichtlich ein Tyrann», sagt Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith. Wenn die Familie immer wieder gehört habe, dass der Keller tabu sei, habe sich niemand getraut, das in Frage zu stellen: «Sein Wort war wie das Wort Gottes.» Um so viele Geburten zu organisieren und sich so viele Alibis auszudenken und dabei eine Atmosphäre zu verbreiten, in der es niemand wage, Fragen zu stellen, müsse man bei wachem Verstand und intelligent sein, erklärt der österreichische Psychiater Reinhard Haller. F. verband dabei seine Betrügereien mit einem autoritären Kontrollsystem. So gelang es ihm, Familienmitglieder und Mieter in seinem Haus von dem Verlies fernzuhalten, in dem er Elisabeth und drei seiner Kinder gefangen hielt.

Ernst, gutaussehend, unmoderne Frisur

F. wurde am 9. April 1935 in Amstetten geboren. Aus seinen jungen Jahren ist nicht viel bekannt. Ein Klassenfoto von einem Schulausflug aus dem Jahr 1951 zeigt den 16-Jährigen als großen und gutaussehenden jungen Mann, ernst, mit dunklem Haar. Ein früherer Klassenkamerad erinnert sich, dass F. als Jugendlicher «ein bisschen anders» gewesen sei. In Erinnerung blieb ihm F.s unmoderne Frisur. Spätere Arbeitskollegen und Arbeitgeber berichten, F., der den Beruf des Elektrikers erlernte, habe sich beruflich Respekt erworben.

Doch es gab auch Warnzeichen. So gibt es Berichte, wonach F. 1960 in Linz festgenommen worden sein soll und möglicherweise sogar im Gefängnis saß. Die österreichische Polizei nimmt dazu keine Stellung. So alte Vorstrafen wären mittlerweile aus rechtlichen Gründen gelöscht, heißt es. Doch Aussagen der Tochter eines früheren Arbeitgebers stützen diese Berichte. F. sei damals trotz seiner kriminellen Vergangenheit angestellt worden, erinnert sich Sigrid R. F. war von 1969 bis 1971 in der Firma ihres Vaters beschäftigt. Worum es bei dieser kriminellen Vergangenheit genau ging, kann sich die Frau nicht mehr erinnern, es habe sich aber wohl um irgendein Sexualdelikt gehandelt. Nachdem er diese Firma verlassen hatte, verkaufte F. Maschinen für eine deutsche Firma in Österreich und war oft unterwegs. Er kaufte eine Gaststätte und einen Campingplatz, den seine Frau Rosemarie von 1973 bis 1996 in den Sommermonaten führte.

«So überzeugend, wie er gelitten hat»

1984 verschwand seine Tochter Elisabeth. «Einmal ist er zu mir gekommen und hat mir gesagt, sie kommt nicht mehr nach Hause. Sie ist bei einer Sekte», erinnert sich Anton G. Elisabeths Vater habe diese Geschichte mit einer derartigen Sicherheit erzählt, dass niemand Verdacht geschöpft habe. «Er war so überzeugend, wie er gelitten hat und wie seine Familie gelitten hat. Es gab keinen Hinweis auf das, was in den letzten Tagen herausgekommen ist», sagt der 57-Jährige.

Am Mondsee wurde F. zwei Mal, 1974 und 1982, der Brandstiftung verdächtigt. Aber in beiden Fällen sei er schließlich wegen Mangels an Beweisen nicht weiter behelligt worden, sagt Gerhard Neuhuber von der Polizeiinspektion Unterach. Während der zweiten Ermittlung habe F. kurz in Untersuchungshaft gesessen. Doch F. blieb in Unterach ein weitgehend Unbekannter.

Wer mit ihm zu tun hatte, wie beispielsweise Anton G., sah praktisch nichts in F.s Charakter, das außergewöhnlich oder gar verdächtig erschien. G. erzählt, er habe sich manchmal in geschäftlichen Angelegenheiten mit F. getroffen. Sie hätten dann Bier zusammen getrunken. «Er hat Witze erzählt, nicht immer die feinsten. Er hat laut gelacht», erinnert sich der Bekannte.

Mitgliedschaft im Angelverein «vielleicht sein Alibi»

Auch in Amstetten lebte F. sein Doppelleben, ohne dass jemand misstrauisch wurde. «Wenn man in eine Reihe 50 Männer stellt, wäre er einer der letzten, dem man ein solches Verbrechen zutraut», sagt Amstettens Bürgermeister Herbert Katzengruber. Weder in Vereinen, in der Kirche noch in der Gemeinde fiel F. auf. Sogar sein Angelverein sagt heute, hinter F. stehe ein Fragezeichen. F. habe seine Beiträge stets bezahlt. «Es gab nie ein Problem mit ihm», erinnert sich ein Vereinsmitglied. «Ob er tatsächlich angeln ging oder nicht, woher soll ich das wissen? Vielleicht war es sein Alibi?» (nz/AP)

 
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