Inzest-Drama in Österreich:
Polizei nimmt Bunker-Gefängnis unter die Lupe
30. Apr 2008 22:19
 |  Es gab in dem Verlies Waschmaschine und Herd | Foto: AP |
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Die Ermittler im Inzest-Drama gehen davon aus, dass Josef F. ein Einzeltäter war. In einer Untersuchung des Kellerverlieses enthüllten sie außerdem neue Details. Derweil bietet Natascha Kampusch eine hohe Spende für die Opfer an.
Das Inzest-Verbrechen von Amsdetten ist nach Erkenntnissen der Polizei allein die Tat des 73-jährigen Josef F. gewesen. F. habe keinen Mittäter beim jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch und beim Einkerkern seiner Tochter Elisabeth (42) und der von ihm gezeugten Kinder gehabt. Das sagte Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, am Mittwoch vor Journalisten in Zeillern bei Amstetten. Auszuschließen sei allerdings «aus kriminalistischer Erfahrung nichts».
Die sechs erwachsenen Geschwister Elisabeths hätten mit den Verbrechen aber nichts zu tun. Es gebe auch keine Hinweise, dass der Täter seine anderen Kinder – weder die ehelichen noch die insgesamt sechs überlebenden Inzest- Kinder – missbraucht habe. Allerdings gerät das Vorleben von F. zunehmend ins Blickfeld. Die österreichische Polizei prüft einen ungeklärten Sexualmord aus dem Jahr 1986. Es gebe aber noch keine Hinweise auf einen Zusammenhang, sagte der Polizeichef von Oberösterreich, Alois Lissl, am Mittwoch der Nachrichtenagentur AP. Josef F. könne aber zu der Zeit am Tatort gewesen sein.
Leiche einer jungen Frau gefunden
Laut Lissl wurde vor 22 Jahren die Leiche einer jungen Frau am oberösterreichischen Mondsee gefunden, wo die Frau von Josef F. einen Teil eines Campingplatzes sowie eine Gaststätte betrieben habe. F. werde gefragt, ob er ein Alibi für die Tatzeit habe, sagte Lissl. Laut einem Bericht der österreichischen Nachrichtenagentur APA fanden damals Taucher die in Plastikplanen eingewickelte Leiche eines 17-jährigen Mädchens am Ufer des Sees im Salzkammergut.
Am Mondsee ist F. vor Jahren wegen des Verdachts der Brandstiftung kurzfristig in Haft gewesen, wie Gerhard Neuhuber von der Polizeiinspektion Unterach am Mittwoch sagte. 1974 und 1982 habe es auf den dortigen Liegenschaften F.'s Brände gegeben, in beiden Fällen habe sich der Verdacht der Brandstiftung nicht erhärten lassen. «1982 war F. kurzfristig in Haft wegen des Verdachts der Brandstiftung», sagte Neuhuber.
Bundespräsident nimmt seine Republik in Schutz
Der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer nahm unterdessen die Alpenrepublik gegen Kritik in ausländischen Medien im Zusammenhang mit dem Inzest-Fall in Schutz. Er betonte: «Es ist sicher nichts Abgründig-Österreichisches an diesem Fall.» Das österreichische Entführungsopfer Natascha Kampusch (20) kündigte für die Opfer in dem Inzest-Fall eine Spende von 25.000 Euro an und eröffnete ein Spendenkonto.
Die Polizei brachte am Mittwoch mehr Klarheit in die Umstände, unter denen das Drama beendet werden konnte: Demnach war Elisabeth mit ihren zwei Söhnen aus dem Kellerverlies im Krankenhaus erschienen, um ihre lebensgefährlich erkrankte Tochter Kerstin (19) zu sehen. Nach Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt bereits öffentlich gesucht worden, weil nur die Mutter Auskunft über den Zustand der Tochter geben konnte. Von dem Besuch erfuhr die Polizei durch einen «vertraulichen Anruf» und griff zuerst Elisabeth vor dem Krankenhaus auf. Nachdem diese sich den Polizisten offenbart hatte, wurde auch Josef F. festgenommen. Polzer wollte nicht sagen, woher der Tipp gekommen sei. Die Polizei habe versprochen, die Identität des Anrufers nicht preiszugeben. Alle Opfer werden seit ihrer Freilassung in einer Klinik von Ärzten und Psychologen betreut.
«Das Gefängnis zeigt sich in ganzer Deutlichkeit»
Zu den Ermittlungen am Tatort sagte Polzer: «Das Gefängnis zeigt sich in seiner ganzen Deutlichkeit.» Elisabeth und drei ihrer Kinder seien in ihrem Kellerverlies mit Gefrierschrank, Herd, Waschmaschine und anderen elektrischen Geräten ausgerüstet gewesen. Das habe ihnen erlaubt, dort auch über Wochen ohne weitere Versorgung auszuharren - «vorausgesetzt, dass der Strom aktiv bleibt.» Ein jetzt bekanntgewordenes Privatvideo und Fotos belegen beispielsweise, dass F. zwischendurch Urlaub in Thailand gemacht hat.
Die Tür, die zu dem Verlies führte, war hinter einem Regal verborgen, das zunächst abgebaut werden musste, sagte Polzer. Die Öffnung selbst sei nur etwa einen Meter hoch und 60 Zentimeter breit. Nach bisherigen Erkenntnissen hat F. selbst die Tür mit Blech und Beton verkleidet. Sie sei schon vor Jahren mit einem funkgesteuerten Antrieb ausgerüstet worden. Ursprünglich habe sich die vor 24 Jahren eingekerkerte Elisabeth in einem Raum aufgehalten. Nach der Geburt ihrer Kinder sei das Gefängnis nach und nach vergrößert worden.
Bewohner sollen Beobachtungen prüfen
Polzer forderte alle früheren Bewohner des Hauses an der Ybbstraße in Amstetten auf, Beobachtungen zu überprüfen, die sie in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hätten. Staatsanwalt Gerhard Sedlacek sagte zu Medienberichten über frühere Straftaten F.s, Auskünfte darüber verbiete das österreichische Verjährungsgesetz.
Das österreichische Entführungsopfer Natascha Kampusch, die selbst acht Jahre lang in der Gewalt eines Kidnappers in einem verliesartigen Raum leben musste, rief am Mittwoch zu Spenden für die Inzest-Opfer auf. Kampusch teilte mit, sie sei in engem Kontakt mit dem Anwalt der Opfer, um herauszufinden, wo die Hilfe konkret benötigt werde. Kampusch hatte nach ihrer Flucht im August 2006 die Gründung einer Stiftung erwogen, um einmal Opfern ähnlicher Verbrechen helfen zu können. Auf einem entsprechenden Konto waren in der Folge rund 50.000 Euro gesammelt worden.
Appell an die Medien
Der Arzt Berthold Kepplinger vom Landesklinikum Mostviertel Amstetten appellierte an die Medien, die Privatsphäre der Familie zu respektieren. Die Familie, die sich ja erst jetzt in dieser Form kennengelernt habe, habe in den Räumen des Klinikums eine etwa 80 Quadratmeter große Wohnung bezogen. Der österreichische Bundespräsident Fischer sagte der «Kleinen Zeitung» in Graz angesichts zunehmender Kritik in ausländischen Medien, Gewalt sei ein universales Phänomen. Internationale Medien hatten in den vergangenen Tagen die jüngsten Entführungsfälle und die späte Aufklärung – zum Beispiel im Fall Natascha Kampusch – in Zusammenhang mit nationalen Eigenheiten gebracht. (dpa/AP)