netzeitung.deDanckert moniert Boßdorfs Desinformationspolitik

 Herausgeber: netzeitung.de

Hagen Boßdorf (Foto: ARD<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hagen Boßdorf
Foto: ARD
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die ARD-Intendanten werden sich mit der umstrittenen Absetzung des Reporters Hajo Seppelt befassen. Unterdessen empfiehlt SPD-Politiker Danckert Sportkoordinator Boßdorf, seine Desinformationspolitik zu überdenken.

Von Grit Hartmann

Wenn ein Satz mit dem Wörtchen «eigentlich» beginnt, ist er häufig nicht so ganz ernst gemeint. «Eigentlich», sagt Peter Danckert, der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, habe er sich vorgenommen, «zu dem Fall nichts zu sagen.»

Der Fall – der umstrittene und von ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf vorbereitete Ausschluss des Schwimm-Experten Hans-Joachim Seppelt von der Live-Berichterstattung des ARD-Fernsehens - sei nämlich so gelagert, dass Äußerungen aus der Politik «wie ein Eingriff in die Pressefreiheit aussehen könnten», meint SPD-Mitglied Danckert.

«Finde es nicht richtig»
Deshalb zieht der Jurist im Gespräch mit der Netzeitung eine Trennlinie zwischen dem Politiker und dem Privatmann Danckert. Nur als solcher hat er eine Meinung, eine ziemlich eindeutige: «Ich finde es nicht richtig, einen Fachjournalisten, den man nominiert hat für die Deutschen und die Europameisterschaften, jetzt zurückzuziehen – aus Gründen, die offensichtlich nichts mit seiner fachlichen Kompetenz zu tun haben.»

Damit zeigt sich der Privatmann Danckert gut informiert: Erst um den Jahreswechsel bestätigten die Sportchefs der ARD-Anstalten die Nominierung ihrer Fachreporter. Seppelt, Redakteur beim Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB), wurde als Live-Kommentator für die Schwimm-Höhepunkte das Jahres durchgewinkt, ohne Beanstandungen seiner Arbeit.

Der Eingeladene wusste nichts
Sportkoordinator Boßdorf hatte hingegen zuletzt verbreitet, es habe Kritik an Seppelt gegeben. Nicht der einzige Widerspruch, in den sich der programmverantwortliche Sportexperte der ARD verstrickte: Er behauptete, RBB-Sportchef Hans-Jürgen Pohmann sei mit Seppelts Ablösung einverstanden gewesen; der widersprach heftig. Außerdem gab Boßdorf zum Besten, er selbst habe Seppelt, der «künftig die Berichterstattung in der ARD zum Thema Doping profilieren» solle, zur Mitarbeit an einer Sendung dazu eingeladen. Der «Eingeladene» wusste davon allerdings nichts.

Boßdorf bemühte sich dann, derlei wahrheitswidrige Behauptungen als «Missverständnisse» hinzustellen. Privatmann Danckert nimmt ihm das nicht ab, statt dessen sagt er: «Ich würde Herrn Boßdorf raten, seine Desinformationspolitik zu überdenken und dann einzustellen.»

Deutliche Worte an den Mann, der einst von der Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter «Florian Werfer» geführt wurde – auch das nach seiner Darstellung ein Missverständnis, von dem er zu DDR-Zeiten nichts mitbekommen haben wollte. Vielen gilt die Ablösung Seppelts als Affäre mit handfestem sportpolitischem Hintergrund. Der Schwimm-Experte, ein Fachmann auch auf den Gebieten von Doping und Staatssicherheit, übte intern häufig Kritik an der einseitig auf Quote bedachten Programmpolitik Boßdorfs.

Bestandteil eines Prozesses
Eine seiner Äußerungen wurde öffentlich und vom Heidelberger Doping-Aufklärer Werner Franke in einem Prozess verwendet. Der endete damit, dass Franke weiter behaupten darf, die ARD klammere etwa in ihrer Berichterstattung über Radsport-Events die Drogenkriminalität bewusst aus. Live-Kommentator der Tour de France war bekanntlich lange Jahre Hagen Boßdorf.

Seppelt also hat sich in der Münchner Programmdirektion nicht beliebt gemacht. Programmdirektor Günter Struve will sich zu dem Vorgang dennoch nicht äußern. Ein Sprecher teilte auf Anfrage lediglich mit: «ARD-Interna sollen ARD-Interna bleiben.» Die Öffentlichkeit sieht das erfreulicherweise anders. Die letzte von zahlreichen Erklärungen kam vom «Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte im Land Brandenburg». Der Verein sprach sich für den Verbleib Seppelts vor der Kamera aus und fragte: «Will eine Mehrheit der ARD-Sportchefs tatsächlich signalisieren, dass die Berichterstattung von Journalisten, die für Unabhängigkeit, Geradlinigkeit und damit Klartext stehen, unerwünscht ist?» Die rhetorische Frage – Seppelts Ablösung wurde offiziell in einer Sitzung der Sportchefs Ende Mai beschlossen – ist schon beantwortet.

Nach Informationen der Netzeitung war die Entscheidung indes ungewöhnlich gut vorbereitet. Boßdorf soll dem Reporter, der Seppelt ersetzen wird, schon vorher einen «freien Kommentatorenplatz» am Beckenrand angekündigt haben.

Dubios und undurchsichtig
Die klarste Botschaft übermittelte der Deutsche Journalisten-Verband Berlin: Die Hintergründe für Seppelts Absetzung seien «dubios und undurchsichtig», hieß es in der Erklärung. Ein kritischer Live-Kommentator solle «abgestraft werden, weil er im eigenen System der ARD auf Defizite in der Sportberichterstattung hingewiesen hat». Der DJV sieht Boßdorfs Glaubwürdigkeit «erheblich erschüttert». Kernsatz: «Man stelle sich vor: ein Stasi-Informant bleibt ARD Sportchef, ein kritischer Sportkommentator aber wird vom Live-Kommentar verbannt. Das sollte sich die ARD nicht leisten.»

Was sich die ARD leisten will, werden die Intendanten bei ihrer Sitzung am kommenden Montag und Dienstag entscheiden. In Straßburg steht nicht nur die Causa Seppelt, sondern auch die Verlängerung von Boßdorfs Arbeitsvertrag über März 2007 hinaus an. RBB-Intendantin Dagmar Reim ließ schon verlauten, Seppelt gehöre ins ARD-Team für die Schwimm-EM, und Boßdorfs Gegenargumente halte sie für «nicht nachvollziehbar». Pikant an der Geschichte ist aber: Sollte der Arbeitsvertrag des Sportkoordinators nicht verlängert werden, könnte Boßdorf einen Anspruch auf Rückkehr zum RBB geltend machen – denn dessen Teilvorgänger ORB hatte den Chefredakteur in die Programmdirektion weggelobt.

Im RBB will man dem Vernehmen nach Boßdorf nicht, es droht also möglicherweise eine juristische Auseinandersetzung. Das klingt nach einer komplizierten Entscheidung. Eigentlich. Denn als im Februar die Intendanten Boßdorf trotz unvollständiger Angaben über seine Stasi-Verstrickung im Amt hielten, hieß es, nun dürfe aber «nichts mehr passieren“.