04. Jul 2004 18:19, ergänzt 19. Feb 2007 10:05
Zu einem Artikel in der Sonntagsausgabe der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», vom 4. Juli 2004.
In der Sonntagsausgabe der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom 4. Juli werden unter der Überschrift «Die Zukunft war gestern – Die Netzeitung ist ein Symbol für den Niedergang des Online-Journalismus», jede Menge unwahre Tatsachenbehauptungen über die journalistische Qualität der Netzeitung verbreitet. Im Kern wird in dem Artikel die These vertreten, dass die Netzeitung nichts anderes ist als ein «kleines Häufchen» von «Tagelöhnern», mit denen «Journalismus simuliert» werde. Als Stütze der Beweisführung dient dem Autor kein einziger (!) namentlich genannter Gesprächspartner.
Die Netzeitung wird auf die unwahren Tatsachenbehauptungen angemessen reagieren – weil wir die 50 regelmäßigen journalistischen Mitarbeiter im In- und Ausland sowie dutzende weitere gelegentliche Autoren und Gastautoren nicht verunglimpfen lassen wollen. Wir wollen auch unsere Nachrichtenagenturen würdigen: Wer wie die Netzeitung den englischen, deutschen und französischen Dienst von AP, die ddp, ddp-vwd, epd und den Sportinformationsdienst bezieht, hat eine solide Grundlage für die Berichterstattung.
Darüber hinaus wurde die Netzeitung dank der hohen Qualität unserer Redakteure und Mitarbeiter in den vergangenen drei Jahren über 3.000 mal in Print- und elektronischen Medien zitiert. Dieser Erfolg freut uns, zumal auch die FAZ zu jenen Medien gehört, die die Netzeitung immer wieder zitieren.
Wir werden uns jedoch nicht die unabhängige Berichterstattung verbieten lassen. Wir werden weiter kritisch über Herrn Frank Schirrmachers neues Buch berichten, weil wir viele Thesen, die darin formuliert sind, für sehr problematisch halten.
Das Buch des FAZ-Herausgebers, in dessen Verantwortungsbereich der Artikel vom Sonntag fällt, wurde im «Spiegel» vorabgedruckt – was für ihn erfreulich sein mag, jedoch nicht ein Denk- und Schreibeverbot in allen anderen Medien zur Folge haben kann.
Wir werden auch weiterhin kritisch über die Berichterstattung des «Spiegel» selbst schreiben; wir haben dies beispielhaft getan, indem wir eine abgelehnte «Spiegel»-Titelgeschichte zum Thema Windenergie publiziert haben. Das Internet bietet die Chance, Journalisten unabhängig von den Interessen großer Verlage und mächtiger Chefredakteure zu Wort kommen zu lassen – ein Glück!
Wir werden weiterhin über Zusammenhänge in den Medien berichten, etwa über die Laudatio des «Spiegel»-Chefredakteurs für Frank Schirrmacher anlässlich der Verleihung der «Goldenen Feder».
Wir werden allerdings nicht die Netzeitung als Medium für persönliche Rachefeldzüge instrumentalisieren – das ist etwas, was «Old Media» manchmal so unsympathisch erscheinen lässt. Das Internet hat hier frischen Wind gebracht, der allen guttut.
Die Netzeitung konnte in den vergangenen Monaten große Erfolge vorweisen: Erreichen des break-even im Dezember 2003, Umsatzsteigerung von 90 Prozent im ersten Quartal 2004, Überspringen der Millionen-Leser-Grenze bei den Unique Visitors (Leser) im Mai 2004 – und das alles nach nur drei Jahren im Markt. Wir sind gegen den Trend überproportional gewachsen und freuen uns, dass diese Entwicklung anhält.Die Realität erfüllt ganz sicher den einen oder anderen der Mitbewerber mit Sorge und mit Neid. Eine gewisse Gelassenheit wäre in dieser Situation besser. Das Internet wird die Medienlandschaft noch stärker verändern, als dies bisher bereits geschehen ist.
Ich empfehle zur Lektüre die hervorragende Studie von Peter Glotz über das Verhältnis von Online- und Printmedien. Darin enthalten ist auch eine wissenschaftliche Fallstudie, die das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen über die Netzeitung erstellt hat. In der gründlich recherchierten und durchaus kritischen Arbeit kann sich der Leser einen objektiven Eindruck über Arbeitsweise und Strategien der Netzeitung verschaffen.
Dr. Michael Maier,
Chefredakteur
PS vom Montagabend: Ich habe eben erst die heutige «Frankfurter Allgemeine Zeitung» gelesen. Darin geben die Kollegen aus dem Politik-Ressort eine souveräne Antwort auf den Sonntags-Artikel. Sie zitieren auf Seite 2 die Netzeitung als Quelle in dem Artikel «Herkules: FDP warnt vor Schadenersatz». Vielen Dank!
Lesehinweis: Peter Glotz, Robin Meyer-Lucht (Hg.), «Online gegen Print. Zeitung und Zeitschrift im Wandel». UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2004. 240 Seiten, 50.70 Franken.