Capello erklärt Englands Kickern das Profileben: Die Lektion der Ketchupflasche19. Nov 2008 10:13  |  Englands italienischer Nationaltrainer Fabio Capello | Foto: AP |
|
Englands italienischer Nationaltrainer Fabio Capello hat in seinem Team aufgeräumt – und zwar nicht nur, was die Ernährung betrifft, hat Barbara Klimke vor dem Spiel gegen Deutschland beobachtet.
Elf Monate ist Fabio Capello als englischer Nationaltrainer im Amt. Aber ein Geheimnis hat er auch vor dem Testspiel gegen die deutsche Mannschaft im Berliner Olympiastadion (Mittwoch, 20.45 Uhr, ZDF) noch nicht gelöst: die Frage, wie es zu seiner Verpflichtung kommen konnte. Auf Platz 15 war England in der Weltrangliste abgesunken, ehe der Italiener den freien Fall stoppen konnte. Vor Jahresfrist kickte die Auswahl des Landes, das sich rühmt, Erfinder des zivilisierten Fußballspiels zu sein, so erbärmlich, dass ihr die Europameisterschaftsteilnahme verwehrt wurde. «Ich kann einfach nicht verstehen, wie England so tief fallen konnte», rätselte Fabio Capello.
War es das Unvermögen seines Vorgängers Steve McClaren, der nach der finalen Qualifikations-Niederlage gegen Kroatien vor einem Jahr buchstäblich im Regen stand, von den Medien verhöhnt als «Trottel mit dem Regenschirm»? War es der verderbliche Einfluss einer Gruppe eitler Spielerfrauen, wie ein Nationalspieler vermutet? Oder lag es am Ketchup? Das zumindest ist Fabio Capellos These.Er hat seit Januar aufgeräumt im Team und im Trainingshotel The Grove, einem schlossähnlichen Domizil in Hertfordshire. Im Speisesaal fing er an. Den Spielern ist seitdem nicht mehr freigestellt, zum Frühstück zu schlurfen, wann es ihnen passt. Gegessen wird gemeinsam. Handys werden zumindest zeitweise ausgeschaltet. Zudem legte der neue Nationaltrainer den Profis «die Vorzüge der mediterranen Küche» dar, die er, wie er im Fifa-Magazin erklärte, für förderlicher hält als das traditionelle englische Fußballermahl: Ketchup und Pommes.
Dass Ernährungswissenschaftler den Speiseplan von Spitzensportlern gestalten, mag in anderen Ländern selbstverständlich sein. In weiten Teilen der Insel aber gilt ein kritischer Blick auf den Teller noch immer als eine Marotte vom Kontinent. Der neue Trainer von Tottenham Hotspur, Harry Redknapp, hat gerade klargestellt, dass der jüngste Höhenflug seines Klubs nicht das Geringste mit Ernährung zu tun habe: «Wer keinen ordentlichen Pass spielen kann, dem ist auch mit einem Teller Nudeln nicht zu helfen.» Rio Ferdinand, derzeit verletzter Verteidiger des Champions-League-Siegers Manchester United, sieht das differenzierter. Capellos Arbeit, teilte er kürzlich mit, sei professionell und ergebnisorientiert. Kurz: Es erinnert ihn an das rigide Trainingsregime von Alex Ferguson in Manchester.
«Wives and Girlfriends» mit dabei Im Gegensatz zum Alltag der Spitzenklubs durfte sich mancher Profi bei der Nationalmannschaft aber offenbar lange wie im Fünf-Sterne-Cluburlaub fühlen; exklusives Damenprogramm inbegriffen. Rio Ferdinand denkt inzwischen mit Schaudern an die Weltmeisterschaft 2006 zurück, als Victoria Beckham und die WAGs, die «Wives and Girlfriends», das Städtchen Baden-Baden einnahmen. «Wir wurden zu einer Art Zirkus», gab er kürzlich zu.
Die Spielerfrauen, die ihr Power-Shopping für so wichtig halten wie ein WM-Vorrundenspiel der Gatten, hätten das Kräfteverhältnis im Team verschoben: «Es wirkte so, als sei da eine Riesen-Show rund um das englische Team im Gange», klagte Ferdinand. «Der Fußball war fast nur noch zweitrangig neben dem Haupt-Event.» Im Grunde also hatten die WAGs ihre Männer im internen Konkurrenzkampf längst besiegt, ehe diese im WM-Viertelfinale gegen Portugal untergingen. Ob die damaligen Trainer, Sven-Göran Eriksson und Steve McClaren, nicht einschreiten konnten oder wollten, ist bis heute unklar.
Rüffel für Liverpool Wie Fabio Capello mit den Spielerfrauen verfahren will, braucht er erst 2010 zu entscheiden, sofern sich die Auswahl für die WM in Südafrika qualifiziert. Die Chancen stehen nach vier Siegen in vier Spielen nicht schlecht. Zunächst aber ist er damit beschäftigt, einigen Klubs ihre Launen auszutreiben. Vor der Abreise nach Berlin hatte er Steven Gerrard ins Quartier bestellt - obwohl der Mittelfeldspieler vom Klub FC Liverpool krankgeschrieben worden war. Gerrard hatte am Wochenende 90 Minuten in der Liga durchgespielt, danach verordnete ihm Liverpool eine Pause wegen Muskelbeschwerden. Capello ließ sich das nicht bieten, zumal er offenbar nicht persönlich von seinem Trainerkollegen Rafael Benítez hörte. Ein Nationalspieler habe sich seinem Nationaltrainer zu erklären, machte er Gerrard klar, ehe er ihn nach Hause schickte. Es war eine Frage des Prinzips. Und Prinzipien nimmt Capello, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, ernst. Das zeigt die Ketchupflasche. Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».
|