23.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Wer gibt die Richtung vor: Löw (l.) oder Ballack?
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Für Bundestrainer Joachim Löw wird es immer schwieriger, seine Autorität zu wahren, ohne den Kapitän dabei über Bord gehen zu lassen. Die festgefahrene Situation zerrt bei allen Beteiligten an den Nerven.
Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist die von Kapitän Michael Ballack angeheizte Debatte um die Nationalmannschaft zu einer ernsten Gefahr geworden. Der DFB und Löw suchen daher intensiv nach einer Lösung, wie man den «ernsten Vorgang sauber aus der Welt schaffen» kann, wie es Verbands-Präsident Theo Zwanziger formulierte.
Ballack: DFB muss sich mit Chelsea absprechenIm Machtkampf mit dem Bundestrainer hat Ballack derweil mit einem süffisanten Kommentar den nächsten Zug gemacht. «Ich freue mich, dass der Trainer wieder den Dialog mit mir sucht. Und ich freue mich genauso auf unser Gespräch», sagte der von Löw wegen seiner öffentlichen Kritik zum Rapport nach Deutschland bestellte Ballack der «Bild»-Zeitung (Donnerstag-Ausgabe). Einen Gesprächstermin gebe es noch nicht, ließ Ballack verlauten und fügte hinzu: «Ich bin jedenfalls jederzeit zu diesem Vier-Augen-Gespräch bereit.» Die Terminsuche schob der 32-jährige Wahl-Engländer dabei dem Verband zu. Das müsse der DFB «mit meinem Arbeitgeber Chelsea London besprechen», erklärte Ballack.
Löw steckt in der Zwickmühle. Einerseits kann er die via Zeitungsinterview geäußerte Kritik an seinem Kurs und seinen Personalentscheidungen nicht dulden, will er seine Autorität nicht verlieren. Andererseits weiß der Bundestrainer natürlich, dass Ballack als derzeit einziger deutscher Superstar auf internationalem Parkett ein wichtiger sportlicher Faktor auf dem Weg zum angestrebten WM-Gewinn 2010 ist.
Jeder Halbsatz eine Regierungserklärung«Das Problem dieser Grundsatz-Diskussion ist jetzt, dass sie öffentlich ausgetragen wird», bemerkte DFB-Sportdirektor Matthias Sammer. Jeder Halbsatz, jede Geste der beiden Persönlichkeiten gilt ab sofort als eine Art Regierungserklärung im deutschen Fußball: Es geht auch um Macht.
Sammer sieht Ballacks Versuch, wieder mehr Einfluss auf die Entwicklung im deutschen Nationalteam zu bekommen, als zu weitgehend: «Diese beiden Persönlichkeiten dürfen sich nicht auf eine Stufe stellen. Ein Trainer ist immer etwas Außergewöhnliches», sagte der Europameister von 1996 und ergänzte: «Diese Diskussion ist unnötig wie ein Kropf. Vor allem wie Jogi Löw jetzt in Erklärungsnot gekommen ist, ist nicht dienlich. Natürlich müssen wir da eine Reaktion zeigen. Grundsätzlich gilt es, die Autorität des Trainers zu schützen.»
Rauswurf? Demontage? - Alles ist möglichDem räumt auch Zwanziger oberste Priorität ein. «Jogi Löw ist für uns als Bundestrainer unverzichtbar», stellte er klar. Für Ballacks Verhalten zeigte der DFB-Präsident kein Verständnis. «Ich bin von seinem Stil arg enttäuscht. Er muss, erst recht als Kapitän, die gemeinsam vereinbarten Spielregeln beachten, die für die Funktionsfähigkeit des Teams unerlässlich sind. Er hat in massiver Weise gegen einen Verhaltenskodex verstoßen, der bei der Nationalmannschaft ganz oben in der Liste steht», übte Zwanziger in einem Interview mit der «Frankfurter Rundschau» (Donnerstag-Ausgabe) heftige Kritik an dem England-Legionär.
Dennoch werden Löw und die DFB-Verantwortlichen um eine WM-Lösung mit dem aufmüpfigen Ballack kämpfen, denn dessen Rolle als Antreiber und Aufrüttler im Team kann so schnell kein anderer Spieler übernehmen. Ein Rauswurf wie bei Kevin Kuranyi ist aus diesem Grund eher unwahrscheinlich. Bliebe die Möglichkeit, Ballack die Kapitänsbinde wegzunehmen - als letzte Warnung und Signalwirkung. Dies käme allerdings einer Demontage des Leitwolfs gleich.
Arne Friedrich hat auch was zu sagenDem bläst mittlerweile auch der Wind aus den Nationalmannschafts-Reihen entgegen. «Das war nicht professionell. Missstände gehören intern diskutiert, nicht über die Medien», sagte Arne Friedrich vom Bundesligisten Hertha BSC dem Internetportal der «Berliner Morgenpost». Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge forderte eine geräuschlose Beilegung der Differenzen: «Ich glaube, es ist wichtig, dass Michael Ballack akzeptiert, dass er da über das Ziel hinausgeschossen ist und sich beim Bundestrainer dafür entschuldigt.» (nz/dpa)