23.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Zwei ungefährliche Knötchen: Michael Ballack
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die deutsche Nationalmannschaft scheint zum Biotop für neureiche Egomanen zu verkommen, befürchtet Markus Lotter . Teil dessen ist auch Michael Ballack, der mit seiner unsäglichen Kritik sein Renommee aufs Spiel setzt.
Ein Mimosenhaufen wäre diese Nationalmannschaft mittlerweile, schier unglaublich, es werde viel zu viel gesprochen, Mund halten, Fußball spielen, hat Franz Beckenbauer am Dienstagabend geschimpft. Und wenn Franz Beckenbauer, der Großmeister der Plauderei, spricht und dabei sagt, dass zu viel gesprochen wird, soll das schon was heißen.
Zu viel gesprochen hatte dieses Mal Michael Ballack, nicht mit dem Bundestrainer, wie es sich für den Kapitän der DFB-Auswahl an sich gehört, sondern zur Strafe mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Weil der böse Bundestrainer Joachim Löw den armen, kranken Fußballprofi eben nach seiner harmlosen Fußoperation (Entfernung von zwei ungefährlichen Knötchen) unverschämte 48 Stunden lang nicht angerufen und mit dem Bekenntnis getröstet hatte, dass der Capitano ganz toll ist, nein, dass der Capitano der wichtigste Nationalspieler der Welt ist.
Dreiste AussagenAus dem Lazarett sprach Ballack im Sinne von Oliver Kahn, Kevin Kuranyi, Torsten Frings und vor allem für sich: als Bundestrainer habe man den verdienten Nationalspielern mit Respekt und Loyalität zu begegnen. Den von Löw vor den Länderspielen gegen Russland und Wales geschürten Konkurrenzkampf halte er für bedenklich. Dreiste Inhalte, mit denen vor kurzem erst Frings genervt hatte. Ballacks Interview ist kalt wie Hundeschnauze und hat die Allianz gegen Löw begründet. Eine Allianz der Frechheit.
In einem Punkt allerdings, nämlich genau im Denkfehler der Argumentationslinie des Denkers Ballack, möchte man dem 32-jährigen Mittelfeldspieler beipflichten. Es war wahrhaft nicht fair und clever, Oliver Kahn so zu behandeln, wie Jürgen Klinsmann das vor der Weltmeisterschaft 2006 getan hat. Denn, mal ehrlich, was hätte Klinsmann uns und Joachim Löw, seinem Nachfolger, nicht alles erspart, wenn er im deutschen Tor alles beim Alten gelassen hätte. Wir wären vielleicht nicht nur Dritter bei der WM im eigenen Land, Jens Lehmann nicht so wichtig geworden. Lehmann wäre fürs Erste Ersatztorhüter geblieben, Ballack Ersatzkapitän und Frings der Ersatz vom Ersatzkapitän. Alles schön und ruhig.
Reich, aber nicht vermögendAber nein, so sind die Immer-IchIchIch-AGs im Kreis der Nationalmannschaft immer mächtiger und vorlauter geworden, gemanagt von der ersten Ich-AG des deutschen Fußballs, wie Karl-Heinz Rummenigge Oliver Bierhoff getauft hat. Ein Biotop für altkluge Neureiche ist hier scheinbar entstanden, mit finanziell unabhängigen und sorgenfreien Egomanen, bei denen der Sinn fürs Ganze abhanden gekommen ist, bei denen Kritik nur die Eitelkeit, nicht den Ehrgeiz provoziert. Wie das mit den Neureichen eben oftmals so ist, reich, verwöhnt, aber keineswegs vermögend.
Vier deutsche Fußballspieler dürfen sich Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft nennen: Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus. Will Michael Ballack sich in den kommenden Jahren möglicherweise diesen Titel noch verdienen, sollte er künftig ganz still sein, ganz toll fit sein und für Deutschland die kommenden zwei Europameisterschaften und die kommenden drei Weltmeisterschaften gewinnen. Mindestens. Bei der WM 2018 wäre Ballack 42 Jahre alt. Manch ein gestandener Profi und manch ein verdienter Nationalspieler braucht einfach ein bisschen länger, um zu begreifen.
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».