Netzeitung Logo
 
Aktuelles  »  Sport  »  WM 2010
DruckenVersenden
 

Gewaltwelle vor der Fußball-WM in Südafrika: 

«Wir freuen uns auf Hooligans»

28. Mai 2008 11:50
Üben für die WM 2010: Südafrikas Polizei bereitet sich auf das Turnier vor
Bild vergrößern
Südafrika versinkt im Chaos. Marodierende Mobs töten immer mehr Menschen. Die Behörden sind überfordert. Martin Krauß berichtet über teure «Spielzeuge» der Polizei und den eigenwilligen Weg zu einer sicheren WM 2010.

Von Überfällen, Brandschatzungen und Morden wird zurzeit aus Südafrika berichtet. Die Gewalt ist nicht schlecht für die Fußball-WM, die 2010 in dem Land am Kap stattfindet. Das findet André Pruis, er ist Vizepolizeichef von Südafrika. «Die WM hilft mir, das Budget zu bekommen, um diese Kriminalität zu bekämpfen», sagt er und lächelt breit, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, und den Kopf leicht angehoben.

Pruis sprach am Dienstag auf einer Informationsveranstaltung der südafrikanischen Botschaft in Berlin. «Die Lage ist wieder stabil», verkündete Pruis, aber um das zu verkünden, war er alleine angereist. Die Bürgermeister von Durban und Johannesburg, die ursprünglich auch in Berlin über den Stand der WM-Vorbereitung sprechen waren zu Hause geblieben – aus naheliegenden Gründen.

Wenn heute Anpfiff wäre ...

Die Diskussion, ob die Gewaltwelle nicht zu einer Verlegung der WM führen sollte, beginnt gerade. «Wenn heute Anpfiff wäre, müsste man sagen: Es geht nicht», sagte Winfried Hermann von den Grünen in einem Zeitungsinterview. Matthias Mülmenstedt, der Afrikabeauftragte des Auswärtigen Amtes, ist zwar davon «überzeugt, dass die WM in Südafrika stattfindet», sieht aber «ein ernsthaftes Problem». Sepp Blatter, Chef des Weltfußballverbandes Fifa, erklärte hingegen: «Wir vertrauen der Regierung, ich vertraue ihr, und die Weltmeisterschaft wird 2010 definitiv in Südafrika stattfinden.»

André Pruis kann mit dieser Debatte nichts anfangen. «Es ist der Traum eines jeden Polizisten, die WM zu haben. Da bekomme ich nämlich alle Spielzeuge, die ich mir wünsche. Wir haben in der Polizei mehr Hubschrauber als viele Länder in ihrer Luftwaffe.»

Pruis ist ein weißer Südafrikaner. Er will in Berlin nur über die funktionierende Sicherheit in seinem Land sprechen. «Was man im Fernsehen sieht, ist nicht das, was wirklich ist», sagt er. «Ich bin oft in Gegenden, über die das Fernsehen schlecht berichtet hat, und wenn ich da bin, sieht man nichts.»

Polizei rüstet auf

Dass seine Polizei jetzt in der Kritik steht, sie habe die Gewalttäter gewähren lassen, will Pruis nicht gelten lassen. «Die meisten Menschen sind doch in die Polizeistationen geflohen», sagt er, «meine Leute haben alles unternommen, die Situation zu stabilisieren.» Die WM ist für ihn eine Chance, alles sicher zu bekommen. Vor wenigen Wochen erst hat die Regierung noch mehr Polizeimittel bewilligt. Drei neue mobile Einsatzzentralen werden errichtet, vier Hubschrauber und drei Überwachungsflugzeuge und 200 mobile Videoüberwachungssysteme werden gekauft. Über 41.000 Polizisten sollen bei der WM für Ordnung sorgen, unterstützt von der Armee.

«Was soziale Spannungen angeht», erklärt Pruis, «darum kümmert sich die Polizei nicht. Ich bin kein Pfarrer, ich bin kein Sozialarbeiter, ich bin Polizist.» Und seinen Job macht er gut, davon ist er überzeugt. «Die Spannungen gibt es nur in wenigen Gebieten», doziert er. «Es gibt in Südafrika über tausend Polizeistationen. Aber über 80 Prozent des Verbrechens findet in der Zuständigkeit von 169 Polizeistationen statt.»

«Feuer ist nicht unser Job»

Zum Beispiel die aktuellen Auseinandersetzungen. «Die Tatsache, dass es jetzt so stabil ist, ist doch meiner Truppe zu verdanken», sagt er. Aber ganze Dörfer stünden doch in Flammen. «Feuer ist nicht unser Job, das ist der Job der Feuerwehr.»

André Prius will und soll, während zehntausende Menschen auf der Flucht vor den ausländerfeindlichen Exzessen sind, Ruhe und Zuversicht ausstrahlen. In den letzten zwei Wochen kamen schon mindestens 56 Menschen um. Junge, arbeitslose Südafrikaner in den Townships entladen ihren Frust auf Gastarbeiter, überwiegend aus Simbabwe und Mozambik, die wie sie in den Armensiedlungen leben.

«Solche Orte sind auf keiner Karte verzeichnet», weiß André Pruis zu berichten. «Das sind informelle Siedlungen, Touristen gelangen dort gar nicht hin.» Aber die Armut dort produziere doch Gewalt, wird Pruis gefragt, es sei ein ganzer Stadtteil ohne Strom. «Mit Elektrizität habe ich nichts zu tun», gibt Pruis lächelnd von sich, «ich bin Polizist, und meine Spielzeuge funktionieren nicht mit Strom, die brauchen Benzin.»

Das offizielle Südafrika ist wild entschlossen, die Probleme zu leugnen. Mal arrogant wie der Polizeichef, mal blumig und diplomatisch. Offizielle Stellen verweisen mit Stolz auf die großen Ereignisse, die seit dem Ende der Apartheid vor 18 Jahren hier stattfanden: 1995 die Rugby-Weltmeisterschaft, 1996 der African Cup of Nations im Fußball, 1999 die Afrikaspiele, 2003 und 2007 Kricket-Weltmeisterschaften.

Trainineren für die Hooligans

«Wovon wir keine Ahnung haben», meldet sich André Pruis wieder zu Wort, «das sind Hooligans. Die sollen ruhig kommen, ich lasse meine Leute dafür trainieren. Das ist eine Herausforderung, meine Leute freuen sich darauf.»

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Sportschauen
Zu weiteren Sportschauen
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Spieltage 5-8 und DFB-Pokal terminiert: 
Die DFL wird flexibel
Nach der schweren Verletzung: 
Ribéry trainiert wieder mit
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.