«Die Übergänge sind fließend»:
Geschlechtsbestimmung komplex und langwierig
20.08.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Chromosomen
Foto: Indigo Instruments
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
So einfach, wie man im ersten Moment denken mag, ist die genaue Bestimmung des Geschlechts eines Menschen nicht. Es geht nicht mehr nur um die Feststellung von X- und Y-Chromosomen, so eine Wisschenschaftlerin der Berliner Charité.
Das Geschlecht eines Menschen ist nach Auskunft der Berliner Genetikerin Prof. Heidemarie Neitzel nicht so leicht zu bestimmen, wie es gemeinhin scheint. «Man kann das nicht immer so einfach determinieren, die Übergänge zwischen Mann und Frau sind fließend», erläuterte die Leiterin der Zytogenetik an der Berliner Universitätsklinik Charité im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Ausschlaggebend sei nicht allein das in der Regel nur bei Männern vorkommende Y-Chromosom. «Vor 20 bis 30 Jahren hätte man gesagt, wenn ein Y da ist, ist jemand männlich. Heute wissen wir, dass es nicht mehr so klar ist.»
So gebe es Männer ohne und Frauen mit Y-Chromosom. «Wir kennen heute Gene, bei denen eine einzelne Mutation dafür sorgt, dass jemand mit einem Y-Chromosom sich zur weiblichen Seite entwickelt», erläuterte Neitzel. Auch die Untersuchung des Hormonspiegels sei nicht unbedingt eindeutig. «Es gibt Beispiele, wo Androgene wie Testosteron in männlicher Dosierung vorhanden sind, aber von den Zellen nicht erkannt werden. Diese Menschen sind physiologisch und psychologisch weiblich», berichtete die Forscherin vom Institut für Humangenetik.
Unklarheiten sind «häufiger als man denkt»Die Untersuchung der inneren Geschlechtsorgane bringt nach den Worten der Expertin ebenfalls nicht unbedingt ein eindeutiges Ergebnis. «Es gibt beispielsweise Mischgewebe zwischen Eierstöcken und Hoden.» Unklarheiten bei der Geschlechtszugehörigkeit kämen auch bei Neugeborenen immer wieder vor. «Das ist häufiger als man denkt.»
Die Bestimmung des Geschlechts einer Person in Zweifelsfällen sei eine interdisziplinäre Aufgabe für Gynäkologen, Genetiker, Endokrinologen und Psychologen, betonte Neitzel. «Realistischerweise dauert so etwas mehrere Wochen bis Monate.» Auf jeden Fall müsse bei der 800-Meter-Läuferin Caster Semenya, deren Geschlechtszugehörigkeit nach ihrem WM-Gold angezweifelt worden war, «wie bei jedem Menschen das Selbstbestimmungsrecht gewahrt werden», betonte Neitzel. «Sie muss, nach einer ausführlichen interdisziplinären Beratung, mit den Untersuchungen einverstanden sein und das Einverständnis schriftlich erklären.» (dpa)