Zidanes bitterer Abgang
19. Jun 2006 09:10
 |  Zinedine Zidane (l.) | | Foto: AP |
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Die Franzosen müssen nach einem zu Unrecht aberkannten Tor das Vorrunden-Aus befürchten. Beim entscheidenden Spiel gegen Togo am Freitag fehlt zudem Zidane - selbstverschuldet.
Von Markus Wanderl, LeipzigWer einmal in La Castellane gewesen ist, und dort mit den Menschen über Zinedine Zidane gesprochen hat, weiß, wie es am Sonntagabend in jenem Einwandererviertel im Norden von Marseille zugegangen sein muss, als «Zizou» in der 89. Minute das Feld verlassen musste. Auch manch einem der alten Weggefährten wird es wohl die Kehle zugeschnürt haben bei Zidanes Abgang.
Zidane gedemütigt
Ihr «Zizou», dessen Eltern einst aus dem Norden Algeriens eingewandert waren, hätte in der Tat ein besseres Los verdient als ausgewechselt zu werden. Kurz vor dem Abpfiff. Gedemütigt vom französischen Nationalcoach Raymond Domenech. Womöglich im letzten Spiel für Frankreich.
Das Spiel lief schief für Frankreich, den Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000. Nicht nur des Abgangs von Zidane wegen, der Domenech beim Verlassen des Feldes keines Blickes würdigte. Sondern weil das 1:1 (1:0) gegen Südkorea das Vorrunden-Aus für die Franzosen bedeuten könnte. Nur ein Sieg mit zwei Toren Unterschied gegen Togo am Freitag brächte die Equipe Tricolore ins Achtelfinale. Den ersten Platz in der Gruppe kann sie ohnehin nur noch mit Schützenhilfe der Gruppengegner erreichen. Eine heikle Konstellation, in welche die französische Auswahl nie wieder geraten wollte, nachdem sie bereits 2002 in der WM-Vorrunde gescheitert war. Nach einem sang- und klanglosen 0:2 im abschließenden Gruppenspiel gegen Dänemark.
Hilflos vor vier Jahren Vor vier Jahren in Japan und Südkorea hatte Zidane in den ersten beiden Spielen wegen einer Verletzung zunächst passen und mit ansehen müssen, wie «Les Bleus» das Auftaktspiel gegen den Senegal vergeigten (0:1) und sich dann mit einem 0:0 gegen Uruguay begnügen mussten. Fürs dritte, entscheidende Spiel hatte sich Zidane damals viel vorgenommen. Aber auch er konnte nicht verhindern, dass seine Mannschaft den Dänen unterlag und ausschied.Zidane ist bei Weltmeisterschaften - natürlich bis auf jene von 1998, als er sein Team im Finale gegen Brasilien mit zwei Toren zum Titel führte - nicht das Lieblingskind des Schicksals gewesen. Aber er hat das Glück auch manches Mal mit den Füßen getreten. So wie er sich bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land vor acht Jahren im zweiten Spiel zu einem Revanchefoul hinreißen ließ und deshalb erst im Viertelfinale wieder auflaufen durfte, hatte der dreifache Fifa-Weltfußballer des Jahres (1998, 2000, 2003) nun auch gegen Südkorea einen Aussetzer.
Für Jähzorn bestraft Gerade hatte Thierry Henry, Schütze des 1:0-Führungstreffers (9.), einen wunderbaren Pass von Zidane nicht zum 2:1 verwertet (85.), da überkam den Mannschafts-Kapitän wieder einmal der Jähzorn. Chul Young Kim bekam das Knie Zidanes im Gesäß zu spüren, und Schiedsrichter Jose Ramirez aus Mexiko blieb nichts anderes übrig, als Gelb zu zeigen. Die zweite gelbe Karte war das, nach der Karte im Spiel gegen die Schweiz. Damit steht fest: Gegen Togo fällt Zidane aus.Hatte er den Ärger über das späte Ausgleichstor (81.) von Ji-Sung Park (Manchester United) nicht verdaut, nachdem die Franzosen doch bis dahin das Spiel ohne zu glänzen kontrolliert und keine gute Chance des Teams von Dick Advocaat zugelassen hatten? Hatte sich die Wut über das zu Unrecht von Referee Ramirez aberkannte Kopfballtor von Patrick Vieira (29.) nicht gelegt? Oder waren Zidane einfach die Gäule durchgegangen? Ihm, der die Aura eines in sich ruhenden Mönches hat. Ihm, von dem es heißt, er könne abseits des Spielfeldes keiner Mücke etwas zuleide tun.
Wortlose Flucht Klären ließ sich das nicht mehr in dieser Nacht. Von Zidane hieß es später, er sei durch einen Hinterausgang entschwunden. In der Mixed-Zone, in der sich zum Beispiel Willy Sagnol, Patrick Vieira und die meisten anderen Teamkollegen den bohrenden Fragen der Journalisten stellten, war von Zidane jedenfalls nichts mehr zu sehen.Sagnol sah man dort den misslungen Abend aus Sicht des französischen Teams am deutlichsten an. Mit hängendem Kopf sprach er sich und seinem Team Mut zu: «Mit 2002 ist das nicht vergleichbar. Wir haben jetzt auch noch nicht verloren wie damals. Togo hat nicht eine solche Mannschaft wie Dänemark.» Der beste Spieler der Franzosen, Henry, versuchte sich an einer Deutung der Fehlentscheidung von Schiri Ramirez: «Als wir noch Weltspitze waren, wäre die Entscheidung für uns ausgefallen Aber wir sind es nicht mehr», sagte Henry. «Die Dinge laufen einfach nicht mehr so, wie wir das wollen.» Ob die Absenz von Zidane gegen Togo für ihn fatal sei, wurde er noch gefragt. «So ist das nun mal», sagte Henry lapidar.
Vorhang auf für Ribery Der in Frankreich wenig geliebte Domenech («Ich bin schwer enttäuscht, schwer enttäuscht»), dem schon die potentiellen Nachfolger, die Ex-Nationalspieler Laurent Blanc und Didier Deschamps, im Nacken sitzen, wird gegen Togo das Team umstellen müssen. Zumal auch der formstarke Lyoner Abwehrspieler Eric Abidal Gelb-gesperrt fehlen wird. Zidane nicht dabei, auch Abidal nicht dabei: das dürfte eine neue Chance sein für Frank Ribery von Olympique Marseille. Auf dem 23 Jahre alten Ausnahmespieler aus der Normandie ruhen ohnehin die Hoffnungen des französischen Fußballs. In der Vorbereitung überzeugte Ribery ein ums andere Mal im überalterten französischen Team, weshalb er gegen die Schweiz in der Startformation stand. Gegen Südkorea wurde er nur eingewechselt (59.). Am Freitag könnte er im für Frankreich alles entscheidenden Spiel gegen Togo im französischen Mittelfeld die endgültige Wachablösung einleiten - an Zidanes 34. Geburtstag.
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