Messi muss bei Gala-Show Geduld üben
17. Jun 2006 09:59, ergänzt 14:00
 |  Lionel Messi (r.) auf dem Weg zu seinem Tor. | | Foto: dpa |
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Während der Jungstar bis 20 Minuten vor Schluss auf der Bank schmorte, legten seine argentinischen Landsleute einen mitreißenden Gala-Auftritt hin. Für einen der unterlegenen Serben war es ein besonders fürchterlicher Fußballtag.
Von Felix Meininghaus, GelsenkirchenWer diesen Jungen auf der Bank sitzen sieht, wie er da so traurig auf das Spielfeld blickt, möchte ihn am liebsten in die Arme nehmen und ihm tröstend über den Kopf streicheln: Lionel Messi würde so gerne spielen, wenn man ihn denn ließe. Doch sein Trainer José Nestor Pekerman (56) hat andere Vorstellungen. Zumindest derzeit.
Größte Talent des Weltfußball
Im ersten Spiel gegen die Elfenbeinküste ließ er seinen Jungstar zuschauen, und auch in der gestrigen Partie gegen Serbien-Montenegro durfte der 18-jährige nicht von Beginn an mitmachen. Dabei gilt Messi, der die argentinische Auswahl zum Sieg bei der U-20-WM führte und mit dem FC Barcelona die Champions League gewann, als größtes Talent des Weltfußballs. Vor Rückschlägen in seiner noch jungen Laufbahn bewahrt ihn das nicht. So wurde Messi beim Champions-League-Finale zwischen Barca und Arsenal von Trainer Frank Rijcard nicht berücksichtigt, und auch einen Platz in der hochkarätig besetzten Stammformation Argentiniens sichern ihm seine außergewöhnlichen Fähigkeiten nicht. Immer wieder hat Pekerman betont, dieses Juwel «nicht verheizen», sondern behutsam aufbauen zu wollen. Vermisst hat Messi im Spiel gegen die Serben niemand. Gegen ihren bedauernswerten Kontrahenten vom Balkan dokumentierten die Argentinier vor 52.000 Zuschauern in der ausverkauften Schalker Arena eindrucksvoll, dass sie auch ohne ihr Wunderkind zu herausragenden Leistungen fähig sind.
Maradona feuert an Angefeuert von ihrem berühmtesten Fan, Diego Armando Maradona, der seine Jungs im Argentinien-Trikot mit feurigen «Vamos» («Auf geht`s»)-Rufen antrieb, gewannen die Südamerikaner das ungleiche Kräftemessen mit spielerischer Leichtigkeit 6:0 (3:0). Damit verurteilten sie die Serben, die bereits ihr Auftaktspiel gegen Holland verloren hatten, zur Heimreise nach der Gruppenphase. Wie schon im Eröffnungsspiel durften auch gegen die Serben Hernan Crespo und Javier Saviola für Argentinien stürmen, dahinter zog Roman Riquelme die Fäden. Dieses Trio und ihre Mitstreiter zeigten in der ersten Halbzeit einen ball- und kombinationssicheren Tempofußball, wie ihn in dieser Qualität bei dieser WM bislang kein anderes Team zelebriert hat. Bereits in der sechsten Minute gelang Maxi Rodriguez von Atletico Madrid nach feiner Vorarbeit von Saviola die Führung. «Es kam unserem Spiel entgegen, dass das erste Tor so früh gefallen ist», sagte Pekerman, «dadurch ist es leichter geworden als erwartet.» Das Sahnestück der unglaublich starken ersten Hälfte des zweifachen Weltmeisters war jedoch das 2:0: Mit ihrem traumwandlerisch sicheren Direktspiel sezierten die Argentinier die serbische Deckung, die in zehn WM-Qualifikationsspielen lediglich einen Gegentreffer hatten hinnehmen müssen, nach allen Regeln der Kunst.
Sieben Stationen zum Traumtor Von Saviola lief der Ball über Riquelme, Cambiasso, Crespo zurück zu Cambiasso, der ihn aus sieben Metern unter die Latte donnerte. One-Touch-Football in Perfektion über sieben Stationen. Ein Traumtor! Für die Serben, bei denen Kapitän Savo Milosevic als erster Spieler aus dem gesamten ehemaligen Jugoslawien die Schallmauer von 100 Länderspielen durchbrach, wurde die Partie zur größten Demütigungen seit dem 1:6 gegen Holland bei der EM 2000. Trainer Ilija Petkovic sprach hernach von «einem der schlimmsten Resultate unserer Länderspiel-Geschichte». Der Coach, der sich mit den serbischen Medien derzeit einen verbalen Abnutzungskampf liefert, versuchte erst gar nicht, das Versagen seiner Spieler schön zu reden. Er könne sich «für meine Mannschaft nur entschuldigen», sagte Petkovic und flüchtete sich in Sarkasmus: «Normalerweise gehören zu einem Fußballspiel zwei Mannschaften. Heute war das mal anders.» Vor allem für den Schalker Mladen Krstajic, der sich so auf seinen Auftritt in der heimischen Arena gefreut hatte, wurde das Spiel zum Debakel. Vor dem 0:3 durch Rodriguez ließ sich der Manndecker von Saviola den Ball wie ein Schuljunge stibitzen. Die Rache folgte keine Minute später: An der Mittellinie säbelte Krstajic seinen wieselflinken Gegenspieler um und sah dafür Gelb.
Show geht nach Pause weiter Die Serben konnten sogar von Glück sagen, dass der italienische Schiedsrichter Roberto Rosetti einem regulären Treffer von Crespo wegen angeblicher Abseitsstellung die Anerkennung verweigerte und stattdessen den Schützen verwarnte, weil der die Aktion nach seinem Pfiff nicht abgebrochen hatte. Nach dem Seitenwechsel ging die Argentinien-Show im Ruhrgebiet munter weiter. An einer weiteren wunderbaren Kombination beteiligte sich sogar Außenverteidiger Juan Sorin mit einem Hackentrick, doch Saviola scheiterte aus kurzer Entfernung an Torhüter Dragoslav Jevric. Dagegen fielen die phlegmatischen Serben nur durch übertriebene Härte auf. So musste Kezman die Partie vorzeitig beenden, nachdem er Javier Mascherano mit einem rüden Knochenbrecher-Foul niedergestreckt hatte und dafür mit der Roten Karte bestraft wurde. In Überzahl spielten die Argentinier ihren desolaten Gegner erst Recht an die Wand. Für Ivan Ergic, Profi beim FC Basel, war es «fast eine Erniedrigung. Ich hatte das Gefühl, sie können ein Tor machen, wann immer sie wollen.»
Bei Einwechslung stürmisch gefeiert Dabei dufte Messi sogar noch knapp 20 Minuten mitmachen. Stürmisch gefeiert von seinen Landsleuten kam er in der 74. Spielminute für den zweifachen Torschützen Rodriguez und durfte sich gleich ein Tor und einen Assist gutschreiben lassen: Vor dem 4:0 legte er Crespo den Ball maßgerecht auf, den 6:0-Endstand erzielte er selbst. Dazwischen traf mit Carlos Tevez ein weiterer eingewechselter Stürmer. Messi hat sich also beim heißen Titelanwärter Argentinien für weitere Einsätze empfehlen können. Doch auch wenn die Konkurrenz in dieser tollen Truppe riesig bleibt, sollte der schmächtige junge Mann die Hoffnung nicht aufgeben. Bereits nächste Woche, wenn er seinen 19 Geburtstag feiert, könnte seine Chance von Beginn an kommen. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass es sich lohnen kann, den Mut nicht zu verlieren. Auch Brasiliens Trainer Ficente Veola verzichtete bei der WM 1958 in Schweden auf seinen Youngster und brachte ihn erst in den K.o.-Spielen. Der Rest ist Legende: Der 17-Jährige Pele schoss die Selecao zum Titel.
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