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  • Klinsmann-Berater: Rücktritt reifte bei WM
    14. Jul 2006 10:06

    Jürgen Klinsmann (l.) und sein Nachfolger als Bundestrainer Joachim Löw
    Bild vergrößern
    Foto: dpa
    Jürgen Klinsmanns Entschluss, als Bundestrainer zurückzutreten, stand bereits während der WM fest, behauptet sein Berater Roland Eitel. Im Interview mit der Netzeitung spricht Eitel über die Details des Abgangs.
     
    Roland Eitel ist Schwabe, so wie sein Freund und Geschäftspartner Jürgen Klinsmann. Der ehemalige Redakteur und der ehemalige Bundestrainer kennen sich seit fast zwanzig Jahren. 1988 schrieb Eitel Klinsmanns Biographie: «Mein Weg nach oben». Später beriet der 48-Jährige den Wahl-Amerikaner in Medienfragen und hielt für ihn vor der WM die Stellung in Deutschland, wenn sich Klinsmann in den USA aufhielt.

    Mehr in der Netzeitung:
  • Löw steht schwerer Start bevor 13. Jul 2006 14:57, ergänzt 18:09
  • Internationale Presse spendet Klinsmann Lob 13. Jul 2006 13:19
  • Beckenbauer versteht Klinsmann 12. Jul 2006 16:43
  • Klinsmann bleibt unabhängig 12. Jul 2006 08:48, ergänzt 14:36
  • Schwalbe zum Abschied 12. Jul 2006 13:03, ergänzt 13:58
  • Stimmen zum Klinsmann-Rücktritt 12. Jul 2006 12:51
  • Löw neuer Fußball-Bundestrainer 12. Jul 2006 11:39, ergänzt 12:38
  • Die Chronologie der Ära Klinsmann 12. Jul 2006 12:05
  • Von Klinsmanns Rücktritt will Eitel angeblich erst am vergangenen Montag erfahren haben, also kurz bevor alle Welt davon erfuhr. Überrascht hat ihn der Entschluss des sieben Jahre jüngeren Freundes dennoch nicht. Denn Klinsmann mache keine halben Sachen, sagt Roland Eitel. Im Interview mit der Netzeitung spricht Eitel über Klinsmanns einsamen Entschluss, die Gründe für seinen Rücktritt und die Zukunft des ehemaligen Fußball-Bundestrainers.

    Netzeitung: Herr Eitel, Sie sind Berater, Biograph und nicht zuletzt Freund von Jürgen Klinsmann. Bedauern Sie seinen Rücktritt als Fußball-Bundestrainer?

    Roland Eitel: Als Inhaber einer PR-Agentur bedaure ich es. Als Freund kann ich es natürlich nicht bedauern.

    Netzeitung: Sie haben ihm also zum Rücktritt geraten?

    Eitel: Bei so einer gewichtigen Sache gibt es keine Beratung. Bei Jürgen Klinsmann so oder so nicht. Diese Entscheidung musste er alleine für sich treffen. Man redet vorher über die Konsequenzen, aber die Entscheidung trifft er.

    «Nach der WM war die Entscheidung gefallen»

    Netzeitung: Hat er vor seinem Entschluss die Familie miteinbezogen?

    Eitel: Er hat bestimmt mit seiner Frau geredet. Aber die hatte ja schon gesagt, wenn er weitermachen will, hätte es immer eine Lösung gegeben.

    Netzeitung: Also eine einsame Entscheidung.

    Eitel: Ja.

    Netzeitung: Dafür war es ein ziemlich schneller Entschluss.

    Eitel: Ich denke, das hat sich über die Wochen entwickelt. Ich habe mit ihm darüber nicht gesprochen, aber da bin ich mir ziemlich sicher. Im Schwarzwald, wohin er sich gleich nach der WM zurückgezogen hat, war die Entscheidung jedenfalls schon gefallen.

    «Wusste erst Montag Bescheid»

    Netzeitung: Mal Hand aufs Herz. Wann wussten Sie, dass Jürgen Klinsmann dieses Projekt WM 2006 nur als zeitlich begrenzte Aufgabe betrachtet?

    Eitel: Letzten Endes auch erst Montagmorgen. Aber es hat mich nicht überrascht, um es mal so zu formulieren. Ich habe es geahnt, ohne dass er sich geäußert hätte. Wenn Sie Bilder angucken vom Amtsantritt, und wenn Sie Bilder von heute sehen, dann sehen Sie, dass es einfach gezehrt hat. Das war sicher der Hauptgrund.

    Netzeitung: Für manchen Beobachter macht vieles - selbst die Stabübergabe an Joachim Löw - den Eindruck, als sei das Projekt WM 2006 bis ins Letzte durchgeplant. Sie selbst äußerten einmal, Klinsmann sei einer, der nichts dem Zufall überlässt. Kann man davon ausgehen, dass auch die Planung des Rücktritts viel weiter zurückreicht, als die Öffentlichkeit denkt?

    Eitel: Das halte ich für ausgeschlossen. Es gab nie Äußerungen in diese Richtung. Erster Teil der Planung war, dass Jürgen Klinsmanns Philosophie fortgesetzt wird. Und wenn sich jetzt alles in einem überschaubaren Rahmen gehalten hätte und er sich nicht so ausgepowert hätte, dann hätte er das selber gemacht. Allerdings war es sein Wunsch, dass der DFB die Philosophie beibehält. Und dann ist natürlich Joachim Löw der erste Ansprechpartner gewesen.

    «Killer-Klinsi»

    Emotional erschöpft: Jürgen Klinsmann
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    Foto: dpa
    Netzeitung: Sie haben in einer Zeitung gesagt, Jürgen Klinsmann sei leicht zu berechnen. Nur habe ihn keiner verstanden. Was haben Sie damit gemeint?

    Eitel: Da gibt es einige Beispiele. Er wurde in der Vergangenheit beispielsweise immer wieder als Abzocker bezeichnet. Wenn er allerdings ein Abzocker wäre, hätte er jetzt einen hoch dotierten Beratervertrag beim DFB ausgehandelt. Aber das ist einfach seine Ehrlichkeit: Entweder ich mache etwas ganz. Oder ich mache es gar nicht.

    Ein anderes Beispiel: Killer-Klinsi. Der, der wahllos Leute rausschmeißt und so weiter. Man hat nie verstanden, über zwei Jahre nicht, dass alles, was er macht, nur dazu dient, diese WM zu testen, zu simulieren und die Leistung zu optimieren. Wenn ich alleine daran denke, wie gut das Torhüter-Thema behandelt wurde, wie leistungs- und imagefördernd sich das ausgewirkt hat, für beide letzten Endes. Im Grunde war das doch sensationell und hätte mit Sepp Maier so nicht gelöst werden können. Da hatte Andreas Köpke einen großen Anteil.

    «Wo wurde Kraft verbraucht»

    Netzeitung: Wäre es nicht Ihre Aufgabe, aber auch die seine gewesen, sich der Öffentlichkeit besser zu vermitteln?

    Eitel: Das sind unterschiedliche Ausgangspositionen. Jürgen Klinsmann hat immer wieder absolut den Fußball in den Mittelpunkt gestellt und keine Image bildenden Maßnahmen. Er hat immer gesagt: Bevor ich noch mit dem oder dem rede, um mein Image zu verbessern, rede ich lieber mit Podolski, Mertesacker oder Metzelder. Das Entscheidende ist, dass wir gut abschneiden und nicht, dass uns in der Vorbereitung jeder versteht.

    Netzeitung: Klinsmann hat am Mittwoch seinen Rücktritt damit begründet, er fühle sich ausgebrannt. Sie werden in der «Süddeutschen Zeitung» zitiert: «Er konnte nicht mehr. Es war emotional einfach zuviel für ihn». Kennt Deutschland damit die Gründe für Klinsmanns Abschied.

    Eitel: Ja.

    Netzeitung: Die massive Kritik vor der WM bis hin zu Rücktrittsforderungen hat keine Rolle gespielt?

    Eitel: Die spielte natürlich eine Rolle. Wenn er sagt, das Ganze hat zuviel Kraft gekostet, ist die nächste logische Frage: Wo wurde unnötig Kraft verbraucht? Und das sind natürlich auch diese Punkte, die Sie ansprechen. Zum Teil geht das ja weiter, es gibt ja immer noch Angriffe von Bundesliga-Vereinen, Trainern oder Spielern. Da fragt man sich schon einmal: Haben die keine eigenen Probleme. So dargestellt zu werden als erfolgreicher Bundestrainer – das hat natürlich genervt.

    Andererseits zeigt das halt auch den Stellenwert des Fußballs in unserer Gesellschaft. Und Klinsmann ist keiner, der weinerlich reagiert hat. Er hat seine Linie konsequent verfolgt. Wer das tut, muss auch mit den Folgen leben. Die Kritik hat ihn nicht aus den Schuhen gehauen, um Gottes Willen.

    «Er würde morgen anfangen»

    Jürgen Klinsmann nach der Halbfinal-Niederlage gegen Italien
    Bild vergrößern
    Foto: dpa
    Netzeitung: Von emotionaler Erschöpfung, wie Sie sie erwähnt haben, kann man sich allerdings erholen. WM-OK-Chef Franz Beckenbauer hatte ihm geraten, sich mit seiner Entscheidung etwas Zeit zu lassen.

    Eitel: In fünf Wochen, am 16. August ist das nächste Spiel, dann beginnt die Qualifikation für die Europameisterschaft. Es bleibt ja kaum Zeit, das Geschehene aufzuarbeiten, Konsequenzen zu ziehen. Also, da ist er viel zu konsequent, viel zu akribisch und viel zu ehrgeizig.

    Netzeitung: Das erste Spiel einfach mal laufen zu lassen und zu sagen die Welle trägt uns noch, kam nicht in Frage?

    Eitel: Für Jürgen Klinsmann beginnen die Aufgaben des Bundestrainers nicht erst, wenn sich die Mannschaft trifft. Den Beweis hat er ja jetzt angetreten. Ich glaube nicht, dass sich einer seiner Vorgänger so mit der Materie auseinandergesetzt hat und auch so nah an der Mannschaft war wie er. Auch wenn er räumlich vielleicht entfernt war. Selbst wenn das nächste Spiel erst am 12. September wäre, würde er morgen mit der Vorbereitung anfangen. Das ist ja das gewesen, was ihm am meisten wehgetan hat. Dass man in den zwei Jahren gleichgesetzt hat: Jürgen Klinsmann ist gleich Kalifornien, ist gleich Sonne, gleich Strand.

    Netzeitung: Klinsmanns Kraftaufwand. Merkt man an diesem Punkt, dass er als Trainer noch unerfahren war? Dass ihn die vergangenen zwei Jahre ein Übermaß an Kraft gekostet haben und er mit seinen Kräften nicht ökonomisch genug haushalten konnte.

    Eitel: Ich glaube nicht, dass das eine Frage des Alters oder der Erfahrung ist, sondern der Anteilnahme. Wie er das Amt ausgeübt hat. Er ist einfach emotional sehr stark beteiligt gewesen. Das waren ja auch für ihn völlig neue Situationen. Er hat noch nie als Trainer ein Elfmeterschießen erlebt. Er hat noch nie ein Pflichtspiel erlebt. Vor der WM waren ja alle Spiele Freundschaftsspiele.

    «Kein Vereinstrainer»

    Netzeitung: Haben Sie eine Vorstellung, welche Rolle Jürgen Klinsmann im deutschen Fußball spielen könnte, wenn er will?

    Eitel: Jürgen Klinsmann wird dem deutschen Fußball sicherlich nicht verloren gehen. Aber ich habe keine Ahnung. Ich bin mir nur sicher: Er wird kein Vereinstrainer - jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.

    Netzeitung: Dass Joachim Löw eine Interimslösung ist, das schließen Sie aus.

    Eitel: Dass Jürgen Klinsmann zurückkommt? Das schließe ich aus, hundertprozentig. Schon alleine, weil Joachim Löw Erfolg haben wird.

    Das Interview mit Roland Eitel führte Marc Ellerich




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