Kahn zieht die Massen in seinen Bann
09. Jul 2006 09:38, ergänzt 18:49
 |  Oliver Kahn lässt sich feiern. | | Foto: dpa |
|
Nie zuvor in seiner Karriere ist Oliver Kahn so gefeiert worden wie nach dem «Kleinen Finale» der WM. Der Torwart beschrieb sein letztes Länderspiel als «den wohl emotionalsten Moment».
Von Dorothea Jantschke, Stuttgart
Nach dem Schlusspfiff sank Oliver Kahn in seinem Fünf-Meter-Raum auf den Boden. Körperlich und seelisch völlig erschöpft, schien der Nationaltorwart einfach nur allein sein zu wollen. Nur für einen Moment, um darüber nachzudenken, was ihm vor und während der Fußball-Weltmeisterschaft wiederfahren war. Und auch darüber, was er den Fans gleich verkünden würde: Seinen Rücktritt. «Ein besseres letztes Länderspiel kann man nicht haben», sagte Kahn nach dem 3:1 der deutschen Mannschaft gegen Portugal im «Kleinen Finale».
Noch nie so gefeiert worden
So wie im Stuttgarter WM-Stadion war Kahn noch nie zuvor in seiner Karriere gefeiert worden – auch nicht bei Heimspielen des FC Bayern. Jede noch so kleine Aktion des zweiten deutschen Torwartes wurde von 52.000 Zuschauern mit «Olli, Olli»- Rufen quittiert. Aber schon viel früher, genau gesagt um 20.13 Uhr und damit mehr als eine dreiviertel Stunde vor dem Anpfiff, hatten die Ovationen des Publikums begonnen. Zu diesem Zeitpunkt betrat Kahn den Platz, um sich aufzuwärmen. «Wir wussten vor dem Spiel nicht, dass es sein letztes sein sollte», sagte Michael Ballack später.Kahn genoss die Liebeserklärungen der Menschen und zahlte es ihnen mit einer Weltklasseleistung zurück. «Was der Olli heute noch mal gehalten hat, war grandios», sagte der zweifache Torschütze Bastian Schweinsteiger. Besonders erwähnenswert sind ein Freistoß von Cristiano Ronaldo sowie ein satter Schuss von Deco, die Kahn in der zweiten Halbzeit beide dank seiner bekanntermaßen herausragenden Reaktion auf der Linie parierte. Beim Versuch, den Ball ins Aus zu köpfen, hätte Christoph Metzelder seinem Keeper nach etwa 70 Minuten beinahe ein Eigentor verpasst, doch auch diesmal war Kahn zur Stelle. Dass Nuno Gomes zwei Minuten vor Schluss nach einer Flanke von Luis Figo zum 1:3 einköpfte, wird Kahn nicht gefallen haben. In seinem letzten Spiel wollte der «Titan» ohne Gegentor bleiben. Doch als der Schiedsrichter abgepfiffen hatte, wurde Kahn die Wichtigkeit des Tores für Figo bewusst. Der Weltstar der Portugiesen absolvierte ebenfalls sein letztes Ländespiel – ohne Erfolg. Traurig schlich Figo über den Stuttgarter Rasen, bis Kahn zu ihm herüberlief, einige Worte der Anerkennung sprach und ihn umarmte.
Erste Glückwünsche von Lehmann Als Figo längst in der Umkleide verschwunden war, ging die Feier für Kahn erst richtig los. «Das war wohl das emotionalste Erlebnis meiner Karriere», sagte Kahn später. Bevor der 37-Jährige auf die Ehrenrunde ging, holte er sich die Glückwünsche des ersten Torwartes Jens Lehmann ab. Der hatte vor dem Spiel zugestimmt, Kahn dieses letzte Match «zu schenken». Jürgen Klinsmann hatte den Wechsel angeregt. Nur wenige Wochen vor der WM hatte der Bundestrainer Kahn vom «Titanen» zur Nummer zwei hinter Jens Lehmann degradiert. Dass der Bayern-Torwart dennoch zur Mannschaft hielt, sich als zweiter Mann sechs WM-Spiele lang auf die Bank hockte und Jens Lehmann Held werden ließ, brachte ihm viele Sympathien ein. Nicht nur einfach symbolisch, sondern für die Fans von höchstem emotionalen Wert war Kahns Aktion vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien im Viertelfinale, als er Lehmann Tipps gab und ihm viel Glück wünschte. Kahn selbst sagt: «Die Kameradschaft in dieser Mannschaft ist der absolute Höhepunkt. So was habe ich noch nie zuvor in einer Mannschaft erlebt.» Das Spiel um Platz drei war das 86. Länderspiel des Mannes, der mit der Nationalelf keinen einzigen Titel erringen konnte. Sein größter Erfolg und zugleich seine größte Niederlage war das WM-Finale 2002 gegen Brasilien, das aufgrund eines Kahn-Fehlgriffs verloren ging. Am Samstag in Stuttgart mag Kahn die ein oder andere Szene noch einmal durch den Kopf gegangen sein. Am Ende konnte er aber sagen: «Ich bin jetzt mit mir im Reinen.»
|