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  • Nationalmannschaft feiert die ganze Nacht
    09. Jul 2006 09:23, ergänzt 12:11

    Jürgen Klinsmann (M.) mit Bernd Schneider (l.) und Jens Nowotny
    Bild vergrößern
    Foto: dpa
    Die deutschen Nationalspieler haben in der Nacht nach ihrem letzten WM-Spiel kein Auge zugetan. Sie feierten aber nicht nur, sondern bestürmten außerdem Jürgen Klinsmann, Fußball-Bundestrainer zu bleiben.
     
    Von Dorothea Jantschke, Stuttgart

    Vor dem Steigenberger-Hotel am Stuttgarter Bahnhof war der Verkehr längst zusammengebrochen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hatte ihr Quartier noch gar nicht erreicht, da scharten sich bereits Tausende Fans auf der Straße zusammen, um einen Blick auf ihre WM-Helden zu erhaschen. Der Bus mit der Aufschrift «Für Deutschland durch Deutschland» bahnte sich seinen Weg nur langsam durch die schwarz-rot-goldene Masse. Drinnen tanzten und sangen die Spieler und droschen gegen die Scheiben – draußen freuten sich die Menschen über so viel pure Lebenslust.

    Guter Fußball und Emotionen

    Mehr in der Netzeitung:
  • Klinsmann-Elf beendet WM mit Sieg 08. Jul 2006 20:01, ergänzt 09. Jul 2006 00:03
  • Kahn erklärt Rücktritt aus Nationalelf 08. Jul 2006 23:22, ergänzt 09. Jul 2006 00:03
  • Deutschland feiert Rang drei 08. Jul 2006 14:14, ergänzt 09. Jul 2006 00:01
  • Ballack will Gespräch mit Klinsmann 08. Jul 2006 15:37, ergänzt 23:03
  • DFB-Spieler lassen sich feiern 08. Jul 2006 18:32
  • Selbst Maradona schwärmt von Italienern 08. Jul 2006 11:01, ergänzt 14:15
  • Lippi bestreitet Wechselabsichten 08. Jul 2006 14:13
  • Was die Mannschaft im Verlauf der Weltmeisterschaft so beliebt hat werden lassen, war nicht nur guter Fußball. Sondern auch diese Fähigkeit, Emotionen zu zeigen. Gut zwei Stunden zuvor hatten die Spieler im Stadion eine Ehrenrunde gedreht, sich feiern lassen und Fahnen geschwenkt. Nur die Trophäe fehlte – aber eigentlich auch nicht. Mit dem Ziel Weltmeister zu werden ins Turnier gestartet, ist Platz drei nun plötzlich ebenso viel wert wie der Titel. «Man muss sich mal überlegen, was gewesen wäre, wenn wir Weltmeister geworden wären», war Oliver Kahn nach dem 3:1 gegen Portugal überwältigt von der Stimmung..

    Die Begeisterungsfähigkeit der Menschen während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland wird in den kommenden Jahren mit der EM 2008 und der WM 2010 nicht zu toppen sein. Aber die Leistung ist es. Wie eine unvollendete Symphonie steht dieser dritte Platz im Raum. «Wir alle haben noch Steigerungsmöglichkeiten», sagte der zweifache Torschütze Bastian Schweinsteiger nach dem Spiel und sprach an, was sich viele wünschen: Eine Fortsetzung dessen, was in den vergangenen Wochen unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann geboten wurde.

    Für den Bundestrainer ist das Ergebnis nicht optimal. Die zwei anderen möglichen Szenarien wären weitaus einfacher zu handhaben gewesen: Bei einem katastrophalen Ausscheiden hätte Klinsmann sich nach zwei Amtsjahren verabschieden können, ohne dass ihm jemand eine Träne nachgeweint hätte. Im Falle des Finaleinzugs wiederum hätte er argumentieren können, dass dieser Erfolg nicht mehr zu überbieten gewesen sei. Drittbeste WM-Mannschaft geworden zu sein, ist aber sehr wohl noch zu überbieten. Das weiß auch Klinsmann. «Bei Olympischen Spielen trittst Du auch nicht mit dem Ziel an, Bronze zu holen. Du willst Gold», gestand er am Samstagabend ein.

    «Schaun mer mal»

    Während der Übergabe der Medaillen durch Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler – so erzählte Klinsmann später – drohte ihm der Letzte in der Kette der Gratulanten, Franz Beckenbauer: «Mach bloß weiter, Jürgen». Klinsmann antwortete mit des Kaisers Lieblingsspruch: «Schaun mer mal». Der 41-Jährige will Zeit. «Ich habe meine Gefühlswelt noch nicht ordnen können», sagte er nach dem Spiel in seiner Heimat Stuttgart. «Es rasen einem tausend Gedanken durch den Kopf. Ich brauche ein paar Tage.»

    Kapitän Michael Ballack kündigte unterdessen an: «Wir werden jetzt Einzelgespräche mit dem Trainer führen und versuchen, ihn zum Bleiben zu überreden.» Getan haben werden sie das die ganze Nacht bei Sekt, Bier und Cocktails. Klinsmann selbst kündigte nach der Siegerehrung an: «Wir werden auf keinen Fall schlafen und von der Feier direkt nach Berlin zur Fanmeile aufbrechen». Für die fast durchgängig sehr jungen Spieler dürfte eine schlaflose Nacht kein Problem darstellen.

    Das Spiel, eines der besten «Kleinen Finals» in der WM-Geschichte, war am Ende des langen Turniers sehr kräftezehrend. Die Freude im Anschluss daran dürfte aber als Wachmacher gewirkt haben. Für alle – denn alle (bis auf den dritten Torwart Timo Hildebrand) konnten letztlich auf mindestens einen WM-Einsatz verweisen. Mit Marcell Jansen als linkem Verteidiger, Jens Nowotny in der Innenverteidigung für die verletzten Robert Huth und Per Mertesacker sowie Oliver Kahn im Tor stellte Klinsmann am Samstagabend drei Spieler auf, die während der WM bisher noch nicht zum Einsatz gekommen waren. Mike Hanke und Thomas Hitzlsperger wurden später noch eingewechselt.

    Leidenschaftlicher Bundestrainer

    «Er hat alle spielen lassen. Das sind Gesten, die Jürgen Klinsmann bei den Fans so beliebt machen», erläuterte Ballack später. Faszinierend fanden die Zuschauer aber auch die vielen Kleinigkeiten, die den Charakter des Bundestrainers zeigen. Bei den drei Toren für Deutschland (zwei Weitschüsse von Schweinsteiger 56./77. und ein Eigentor von Petit nach einem Schweinsteiger-Freistoß 61.) jubelte der Bundestrainer an der Seitenlinie jedes Mal so leidenschaftlich als wäre es der Treffer zum Titelgewinn.

    Nach dem Abpfiff überließ Klinsmann die große Bühne seinen Männern: «Sie sind letztlich diejenigen, die spielen», sagte er. Er selbst zog sich gemeinsam mit dem gesamten Betreuerstab zum Spielertunnel zurück. Dort bauten die fast 20 Männer sich wie in Erwartung eines frisch vermählten Paares vor der Kirchentür auf und feierten jeden einzelnen Spieler beim Verlassen des Stadions. Nun bleibt nur zu hoffen, dass Klinsmann seine Ehe mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) erneuert und nicht nach zwei Jahren schon die Scheidung einreicht.




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