«Klinsmänner» feiern wie die Weltmeister:
Nationalmannschaft feiert die ganze Nacht
09.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Vor dem Steigenberger-Hotel am Stuttgarter Bahnhof war der Verkehr längst zusammengebrochen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hatte ihr Quartier noch gar nicht erreicht, da scharten sich bereits Tausende Fans auf der Straße zusammen, um einen Blick auf ihre WM-Helden zu erhaschen. Der Bus mit der Aufschrift «Für Deutschland durch Deutschland» bahnte sich seinen Weg nur langsam durch die schwarz-rot-goldene Masse. Drinnen tanzten und sangen die Spieler und droschen gegen die Scheiben draußen freuten sich die Menschen über so viel pure Lebenslust.
Die Begeisterungsfähigkeit der Menschen während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland wird in den kommenden Jahren mit der EM 2008 und der WM 2010 nicht zu toppen sein. Aber die Leistung ist es. Wie eine unvollendete Symphonie steht dieser dritte Platz im Raum. «Wir alle haben noch Steigerungsmöglichkeiten», sagte der zweifache Torschütze Bastian Schweinsteiger nach dem Spiel und sprach an, was sich viele wünschen: Eine Fortsetzung dessen, was in den vergangenen Wochen unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann geboten wurde.
Für den Bundestrainer ist das Ergebnis nicht optimal. Die zwei anderen möglichen Szenarien wären weitaus einfacher zu handhaben gewesen: Bei einem katastrophalen Ausscheiden hätte Klinsmann sich nach zwei Amtsjahren verabschieden können, ohne dass ihm jemand eine Träne nachgeweint hätte. Im Falle des Finaleinzugs wiederum hätte er argumentieren können, dass dieser Erfolg nicht mehr zu überbieten gewesen sei. Drittbeste WM-Mannschaft geworden zu sein, ist aber sehr wohl noch zu überbieten. Das weiß auch Klinsmann. «Bei Olympischen Spielen trittst Du auch nicht mit dem Ziel an, Bronze zu holen. Du willst Gold», gestand er am Samstagabend ein.
Kapitän Michael Ballack kündigte unterdessen an: «Wir werden jetzt Einzelgespräche mit dem Trainer führen und versuchen, ihn zum Bleiben zu überreden.» Getan haben werden sie das die ganze Nacht bei Sekt, Bier und Cocktails. Klinsmann selbst kündigte nach der Siegerehrung an: «Wir werden auf keinen Fall schlafen und von der Feier direkt nach Berlin zur Fanmeile aufbrechen». Für die fast durchgängig sehr jungen Spieler dürfte eine schlaflose Nacht kein Problem darstellen.
Das Spiel, eines der besten «Kleinen Finals» in der WM-Geschichte, war am Ende des langen Turniers sehr kräftezehrend. Die Freude im Anschluss daran dürfte aber als Wachmacher gewirkt haben. Für alle denn alle (bis auf den dritten Torwart Timo Hildebrand) konnten letztlich auf mindestens einen WM-Einsatz verweisen. Mit Marcell Jansen als linkem Verteidiger, Jens Nowotny in der Innenverteidigung für die verletzten Robert Huth und Per Mertesacker sowie Oliver Kahn im Tor stellte Klinsmann am Samstagabend drei Spieler auf, die während der WM bisher noch nicht zum Einsatz gekommen waren. Mike Hanke und Thomas Hitzlsperger wurden später noch eingewechselt.
Nach dem Abpfiff überließ Klinsmann die große Bühne seinen Männern: «Sie sind letztlich diejenigen, die spielen», sagte er. Er selbst zog sich gemeinsam mit dem gesamten Betreuerstab zum Spielertunnel zurück. Dort bauten die fast 20 Männer sich wie in Erwartung eines frisch vermählten Paares vor der Kirchentür auf und feierten jeden einzelnen Spieler beim Verlassen des Stadions. Nun bleibt nur zu hoffen, dass Klinsmann seine Ehe mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) erneuert und nicht nach zwei Jahren schon die Scheidung einreicht.

