Klinsmann beharrt auf WM-Titel
01. Jul 2006 09:15, ergänzt 13:16
 |  Jubel beim deutschen Team | | Foto: dpa |
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Die deutsche Nationalmannschaft macht dank Jens Lehmann gegen spielstärkere Argentinier den nächsten Schritt in Richtung Titelgewinn. Oliver Kahn sorgt am Rande des Spiels für bewegende Momente.
Von Markus Wanderl, Berlin
David Odonkor ist im 100-Meter-Sprint fast nicht zu schlagen. Das ist nicht neu. Und vermutlich hätte der Dortmunder die kolportierte 10,7-Sekunden-Bestzeit am Freitagabend unterboten, wenn nicht Jens Lehmann die Person der allgemeinen Begierde gewesen wäre. Am Mittelkreis hatte Odonkor die Beine in die Hand genommen, um seinem Torwart nach 50 Metern im Affenzahn als erster Teamkollege um den Hals zu fallen. Alle Spieler, und bald darauf auch der gesamte Betreuerstab, stürzten auf Lehmann zu, der nicht zu fassen schien, was er beim Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen die Argentinier vollbracht hatte.
Kurzer Stopp
In der Mixed-Zone, in der sich die Spieler mit den Journalisten im Vorbeigehen übers Spiel austauschen, hielt Lehmann nur kurz an, um endlich wieder seines Weges zu gehen. «Ich freue mich riesig, vor allem für die Fans. Ich gehe jetzt nach Hause und bereite mich aufs nächste Spiel vor», sagte er. Man erinnerte sich an seinen Fernsehtauftritt nach dem verlorenen Champions-League-Finale vom 17. Mai mit Arsenal London, in dem er früh die Rote Karte gesehen hatte. Als er danach über seine Gefühle sprechen sollte, hatte er auch nur stammeln und mit viel Mühe und Not einige Sätze heraus bringen können, so angespannt war er noch gewesen.Damals hatte Lehmann miterleben müssen, wie sein Team ohne ihn am Ende unterlag. Gegen Argentinien stand Lehmann bis zum Schluss zwischen den Pfosten und war am Ende Garant für den 4:2-Erfolg im Elfmeterschießen gegen die von vielen Experten favorisierten Argentinier. Der zweimalige Weltmeister (1978 und 1986) muss nun die Heimreise antreten, während sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Dienstag in Dortmund gegen Italien (21 Uhr, ZDF und Premiere) um den Einzug ins Finale messen wird.
1:1 nach 120 Minuten Nach 90 Minuten hatte es durch Kopfballtore von Roberto Ayala (49.) und Miroslav Klose (80.) 1:1 gestanden. Nachdem die Argentinier auch in der Verlängerung ihre Feldvorteile nicht in Tore umgesetzt hatten, weil weiterhin der «der letzte Pass nicht zustande kam», so der unmittelbar nach Spielende von seinem Amt zurückgetretene Trainer Jose Pekerman, musste das Elfmeterschießen als finaler Akt herhalten. Ayala - der nach seinem Führungstor infolge eines gegen Klose gewonnen Kopfballduells 70 Minuten zuvor kurzzeitig noch unter einem Haufen Mannschaftskameraden verschwand - scheiterte an der deutschen Nummer eins, und der eingewechselte Esteban Cambiasso auch. Cambiasso, für Riquelme eingewechselt, weinte bitterlich.Bei Ayalas und Cambiassos Elfer tauchte Lehmann erfolgreich in die linke Ecke ab. Vor dem Schuss von Cambiasso hampelte er dermaßen auf der Linie herum, dass der Inter-Spieler am liebsten beigedreht hätte, um den Schuss einem Teamkollegen zu überlassen. «Wir haben dieses Vertrauen in unseren Ausnahmetorhüter stets gehabt», sagte Klinsmann. Lehmann habe schon immer ein Elfmeter entschärfen können, und «jetzt hat er wieder zwei weg gemacht». Der Bundestrainer durfte sich endlich bestätigt fühlen, mit dem Arsenal-Keeper die richtige Wahl für diese WM getroffen zu haben. In den vier Turnier-Partien zuvor hatte sich der 36 Jahre alte Essener kaum auszeichnen können.
Pure Nervenstärke Lob verdienten sich auch die Schützen, die «schon vor dem Spiel festgelegt» worden waren, wie Klinsmann sich ausdrückte. Es war beeindruckend, wie der für Klose eingewechselte Oliver Neuville als Erster den Ball vom Elfmeterpunkt aus versenkte. Wie der in der zweiten Halbzeit der Verlängerung von Krämpfen fast außer Gefecht gesetzte Michael Ballack das Leder sicher ins Netz trat. Und auch Lukas Podolski und abschließend der ebenfalls später für den Bastian Schweinsteiger ins Spiel gekommene Tim Borowski trafen vor 72.000 Zuschauern im ausverkauften Berliner Olympiastadion mit traumwandlerischer Sicherheit. Die deutsche Nationalmannschaft kann scheinbar im Elfmeterschießen nicht verlieren. Das ist eine der Botschaften für den (die) kommenden Gegner.
Vati Kahn
 |  Oliver Kahn (l.) und Jens Lehmann | | Foto: dpa |
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Zu den bewegenden Augenblicken des Abends trug auch Oliver Kahn bei. Oft hat Bundestrainer Klinsmann in den letzten Wochen betont, wie wichtig die Anwesenheit des im Team allseits respektierten Torwarts sei. Lauter Jubel brandete im Stadion auf, als Kahn vorm Elfmeterschießen den am Boden sitzenden Lehmann aufsuchte, um ihm Mut zuzusprechen und Glück zu wünschen. Die Szene ließ sich auch auf den unterm Dach installierten Großleinwänden gut mitverfolgen, und es war ein Wunder, dass das Stadion nicht ob der Tränen der Rührung mal so eben absoff. Kahn tätschelte seinen Konkurrenten, redete auf ihn ein, während beide einander die Hand hielten. Das war noch nicht alles. Denn Kahn hatte einen zweiten Auftritt.Als Lehmann nach dem Spiel die Gratulanten-Schar abgeschüttelt hatte, um sich schnellen Schrittes auf den Weg Richtung Kabine zu machen, schien ihn niemand aufhalten zu können. Kahn aber stellte sich dem Mann in den Weg, der ihn aus dem Tor verdrängt hat, um ihn kurz zu umarmen. Als Klinsmann später um eine Bewertung jener Szenen gebeten wurde, sagte er: «Wir haben Olivers Verhalten mitbekommen. Das war nicht überraschend für uns. Die Mannschaft hat einen unglaublichen Zusammenhalt. Zwar will jeder spielen, aber jeder gönnt’s dem anderen auch.» Klinsmann war «unheimlich stolz auf die Mannschaft», der nach sechs Jahren endlich der ersehnte Sieg gegen eine so genannte große Fußball-Nation gelang, und dann auch noch beim bestmöglichen Anlass: der WM im eigenen Land. Man müsse ja bedenken, sagte Klinsmann, dass teilweise fünf U-21-Nationalspieler auf dem Platz gestanden hätten. Eine junge Mannschaft, weshalb die Hektik in der ersten Halbzeit durchaus entschuldbar gewesen sei, so der Bundestrainer. Er selbst habe auch nach dem 0:1-Rückstand nie die Sorge gehabt, dass wir ein Problem haben. «Wir wussten, wir kommen zurück», sagte Klinsmann.
Feldvorteile für die «Albiceleste»
Die Argentinier erspielten sich nach engagiertem Beginn der deutschen Elf nach gut einer halben Stunde 63 Prozent Ballbesitz, am Schluss waren es noch 58 Prozent. Was der Albiceleste über die gesamten 120 Minuten fehlte, war jedoch der Zug zum Tor. Riquelme hatte nicht seinen besten Tag und wurde in der 72. Minute ausgewechselt. Er sei ihm ein «bisschen müde» erschienen, sagte Pekerman, der sich in der Pressekonferenz wegen seiner Auswechslungen rechtfertigen musste. So verbrachte Argentiniens Jungstar Lionel Messi den Abend auf der Bank, weil Pekerman in der 79. Minute den 1,90 Meter großen Julio Cruz dem angeschlagenen Hernan Crespo vorzog. Javier Saviola fand sich erst gar nicht in der Startelf wieder. Für ihn spielte Carlos Tevez solide. «Wir glaubten, dass Cruz uns helfen kann. Vielleicht hätten wir am Flügel den Ball erkämpft, und wir hätten niemanden gehabt, der im Strafraum für Gefahr sorgt. Wir hatten dort manches Mal ein Problem», sagte Pekerman. Bitter für die Argentinier war, dass sich Torwart Roberto Abbondanzieri, der sich als Elfmeter-Killer einen Namen gemacht hat, verletzt auswechseln lassen musste (71.). Ersatzmann Leonardo Franco machte zwar keine Fehler, gegen die deutschen Schützen beim Elfmeterduell allerdings auch keinen Stich.
Torchancen Mangelware Dass die Argentinier trotz vieler gefälliger Kombinationen keine Torchancen heraus zu spielen vermochten, war vor allem auch das Verdienst von Torsten Frings, dem überragenden deutschen Spieler, auch wenn der ebenfalls defensiv hart arbeitende Michael Ballack zum «Player of the Match» ernannt wurde. Frings bearbeitete Riquelme bis zu dessen Auswechslung wo es nur ging und räumte überhaupt im defensiven Mittelfeld ab, was abzuräumen war. Hinten überraschten Christoph Metzelder und Per Mertesacker mit einer Fähigkeit zur Antizipation, die ihnen vor Wochen noch kaum jemand zugetraut hatte. Allein in der ersten halben Stunde schnappte Metzelder Crespo drei Mal den Ball vor der Nase weg.
 |  Torhüter Jens Lehmann hält zwei Elfmeter | | Foto: dpa |
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Hertha-Verteidiger Arne Friedrich machte im Heimatstadion seine Sache im Rahmen dessen, was er kann, besser als zuletzt, während sich Philipp Lahm neben einigen gelungenen Aktionen auch den einen oder anderen Fehlpass erlaubte und nicht ganz so sicher im Dribbling wirkte. «Was Torsten Frings heute geleistet hat, war schon beeindruckend», hob Klinsmann seinen defensiven Mittelfeldspieler besonders hervor. Der Bundestrainer verlieh aber gleichzeitig seiner Hoffnung Ausdruck, dass das Ende der Leistungskraft noch nicht erreicht sei. Klinsmann glaubt, dass die Spieler ihre Grenzen erst am 9. Juli ausloten werden, dem Tag des Endspiels. Und als ob das jemand vergessen hätte, machte Klinsmann noch einmal deutlich: «Wir wollen Weltmeister werden.»Dafür müsse aber «das Spiel nach vorn wieder besser werden», forderte Ballack. Lukas Podolski hatte keine Tormöglichkeit, Klose auch nur die, welche zu seinem zehnten WM-Tor geführt hat. Wenn man es genau nimmt, hatte Ballack die einzige Großchance des Spiels, als er bereits in der 15. Minute einen Kopfball knapp über das Tor setzte. Später blieb ein vielversprechender Schuss des zukünftigen Chelsea-Profis in der argentinischen Abwehr hängen. Ballack war sich mit Klinsmann einig, dass der Sieg der wenigen, aber klareren Torchancen wegen verdient gewesen sei. Pekerman war anderer Meinung, auch seine Spieler, die nach Abschluss des Elfmeterschießens einen in der Form lange nicht erlebten Tumult auf dem Rasen verursachten, in deren Folge die Fäuste flogen und zum Beispiel Teammanager Oliver Bierhoff die Flucht ergreifen musste. Er hatte wohl Mertesacker schützen wollen, der einen Tritt erhalten haben soll.
Betroffenheit nach Rücktritt Pekerman sah fußballerisch in der eigenen Mannschaft das bessere Team, weil sie die Partie «größtenteils dominiert» habe. «Argentinien spielte wie ein Favorit», lobte Pekerman, «das Glück war heute aber auf der Seite der Deutschen.» Betroffenheit machte sich bei den argentinischen Journalisten breit, als Pekerman nach der Niederlage seinen Rücktritt erklärte. Auch sie hatten an diesem Abend stets das Gefühl gehabt, dass mit der Albeceleste «das bessere Team, das nur die Tore nicht gemacht hat» (Pekerman), ausgeschieden war.Der argentinische Verband muss sich also auf Trainersuche begeben. Der Deutsche Fußball-Bund wiederum kann nun mehr denn je auf den Verbleib von Klinsmann hoffen. Der Wahl-Kalifornier hat mit dem Halbfinal-Einzug das Minimum dessen erreicht, was er als Ziel ausgegeben hatte. Die Grundlage, weiter im Amt zu bleiben, ist gegeben.
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