Metzelder ist zurück
27. Jun 2006 08:32, ergänzt 11:19
 |  Christoph Metzelder und Torsten Frings (r.). | | Foto: dpa |
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Beim WM-Testspiel gegen Argentinien vor vier Jahren lief Christoph Metzelder erstmals von Beginn an für die DFB-Elf auf. Seine lange Leidenszeit will er mit einem Erfolg gegen Maradonas Erben abschließen.
Von Markus Wanderl, BerlinAm 17. April 2002 publizierte die «Süddeutsche Zeitung» ein großes Interview mit dem argentinischen Trainer Carlos Bilardo, in dessen Amtszeit 1986 der zweite WM-Titel der Südamerikaner fiel. In Deutschland gingen die meisten Experten vier Monate vor dem WM-Turnier in Japan und Südkorea davon aus, dass das DFB-Team in Asien keine große Rolle würde spielen können. Sie waren sogar der Meinung, die Leistungskraft des DFB-Teams genüge nicht einmal fürs Überstehen der Vorrunde.
Respekt gesunken
Auch Bilardo, der mit Argentinien bei der WM 1990 in Italien seinen zweiten WM-Titel verpasst hatte, weil «Deutschland in allen Belangen vollkommener war als wir», hielt vom deutschen Fußball zwölf Jahre nach dem Triumph von Rom nicht mehr allzu viel. «Deutschland hat zur Zeit wohl keine Spieler-Generation, die es erlauben würde, zur WM zu fahren und zu sagen: Wir sind reif für den Weltmeistertitel», teilte er trocken mit.
Es fehle vor allem, so die Analyse von Bilardo, an einem Mittelfeldspieler, der mal den Ball in den eigenen Reihen halten könne. Das Spiel der Deutschen sei zu sehr beschränkt auf: «rennen, rennen, rennen.» Gespannt sei er allenfalls auf Michael Ballack. Und auf Kahn. Natürlich. «Den guckst Du an und denkst: Gegen den machst Du nie ein Tor.»
Metzelder unbekannt Christoph Metzelder jedenfalls erwähnte Bilardo im Interview mit keiner Silbe. Kein Wunder. Metzelder, damals 21 Jahre alt, sollte am Abend des 17. April im WM-Testspiel gegen Argentinien das erste Mal von Beginn an für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen.Es gab nicht viel Positives vom deutschen Spiel gegen die «Gauchos» zu berichten, den WM-Favoriten der vergangenen und nächsten fünfzig Jahre. Nur zwei deutsche Spieler durften nach der Partie mit sich im Reinen sein. Neben Torsten Frings ausgerechnet der Abwehrnovize von Borussia Dortmund, Christoph Metzelder, der an jenem Frühjahrsabend mit seiner Zweikampfstärke den Grundstein für einen Stammplatz bei der WM knapp zwei Monate später legte.
Interview bei schwülem Klima Von dort gibt es eine wunderbare Erinnerung. An einem der schwülen Sommertage auf der koreanischen Hochzeitsinsel Jeju stand Metzelder am Eingang der als Pressezentrum umfunktionierten Turnhalle. Er gab der französischen Sportzeitung L’Èquipe ein Interview. Lässig stand Metzelder da. In kurzer Hose, Shirt, Badelatschen und in der Hand eine bei Weltmeisterschaften unvermeidliche Flasche eines beliebten Getränks. Um die beiden Gesprächspartner hatten sich Grüppchen gebildet. Die Atmosphäre war gelöst, 11.000 Kilometer weit weg von der Heimat. Man aß, trank auch Coca-Cola, plauderte und erhaschte einige Sätze von Metzelder. Er redete wie er spielte: abgeklärt, souverän, kontrolliert, mit fester Stimme - eine symbolhafte Szene für den Betrachter war das. Wie herrlich muss das Fußballerleben bei guter Gesundheit sein? Immerhin hatte die deutsche Auswahl zu diesem Zeitpunkt bereits die Vorrunde erfolgreich hinter sich gebracht und wartete einigermaßen siegessicher auf die Achtelfinal-Partie gegen Paraguay in Seogwipo. Und es sollte ja noch viel weitergehen. Während die ach so hoch gelobten Argentinier um Gabriel Batistuta in der Vorrunde das sensationelle Aus ereilte, wurde Deutschland nach der Finalniederlage gegen Brasilien mindestens so überraschend Turnier-Zweiter – mit Metzelder als fester Größe. Nur gegen Paraguay hatte er nach einer Stunde das Feld verlassen müssen. Verletzungsbedingt, das ist das Stichwort.
Langer Leidensweg Denn nach der WM landete Metzelder nicht bei den «Galaktischen» von Real Madrid, und auch nicht bei Manchester United. Für den Prototypen einer neuen Generation, von der sich der deutsche Fußball eine neue Blüte erhoffte, begann ein langer Leidensweg. «Was mir passiert ist, ist das Schlimmste, was einem Leistungssportler passieren kann. Irgendwann hat man keine Kraft mehr», sollte Metzelder später sagen.Die Pein begann mit dem Spiel gegen Arminia Bielefeld im März 2003. Metzelder zog sich eine Verletzung an der rechten Achillessehne zu und fiel nach einer Operation für den Rest der Saison aus. Ein halbes Jahr später stellte sich die operierte Sehne erneut als angerissen heraus. Eine zweite OP war notwendig. Kurz zuvor war der erst 22 Jahre alte Fußball-Profi zum BVB-Kapitän ernannt worden.
EM ohne «Metze» An der Europameisterschaft in Portugal konnte Metzelder nach Problemen im Heilungsprozess nicht teilnehmen. Dabei hatte ihm allein die Aussicht darauf in den quälenden Wochen der Reha Kraft gegeben. Als es im Mai 2004 erneut Probleme mit der Achillessehne gab, war von Karriereende die Rede. Um eine neuerliche OP kam „Metze“, wie er von seinen Mitspielern genannt wird, zwar herum. Er absolvierte aber kein einziges Saisonspiel. Zu Beginn der Spielzeit 2004/05 war für ihn immer noch nicht an Fußball zu denken. Erst 630 Tage nach dem ersten Malheur gab es das Comeback: das Spiel mit den Regional-Amateuren vom BVB im November 2004 bezeichnet Metzelder bis heute als „das wichtigste meiner Karriere“. Als es zum ersten Bundesliga-Einsatz in der Startelf Ende Januar 2005 kam, schien sich das Blatt für Metzelder zu wenden.
Klinsmanns Liebling Sein letztes Länderspiel hatte Metzelder im Februar 2003 bestritten, als ihn Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Oktober 2005 für die Länderspiele in der Türkei und in China berief. Und es kam noch besser für den gebeutelten Innenverteidiger. Im März 2006 teilte ihm Klinsmann mit, dass er ihn fest für die WM einplane. Metzelder hatte in der zurückliegenden Rückrunde nur vier Bundesliga-Spiele von Beginn an mitgemacht, weil BVB-Coach Bert van Marwijk einen anderen vorzog. Derzeit muss Metzelder oft an das WM-Turnier in Asien zurück denken, als ihn die italienische Fachzeitschrift «Guerin Sportivo» zum weltbesten Fußballer unter 23 Jahren kürte. Auch die derzeitige Begeisterung der Fans, die der «Mannschaft wie vor vier Jahren schon ungeheuren Auftrieb gibt», hat daran ihren Anteil. «Der Mythos der Turniermannschaft lebt» für Metzelder in diesen Tagen längst weiter. Überragend wie manches Mal vor vier Jahren spielt Metzelder bisher noch nicht wieder, aber weitgehend zuverlässig, trotz seines gegen die Schweden verursachten Elfmeters. Gegen Argentinien, «die vielleicht einzige Mannschaft, die hervorragende Einzelkönner hat und auch als Team hervorragend funktioniert», wie Metzelder urteilt, soll nun am Freitag (17 Uhr) der nächste Schritt in Richtung WM-Titel gelingen. Nicht nur, dass sich Metzelder einst im Spiel gegen den zweimaligen Weltmeister den Stammplatz in der Nationalelf sicherte. Auch von der Pechsträhne zwischen den WM-Turnieren 2002 und 2006 ließe es sich mit einem Erfolg noch ein wenig mehr entfremden.
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