DFB-Elf 1958: «Duschen, Land verlassen»
23. Jun 2006 10:20
 |  Die deutsche Nationalelf vor dem Titelgewinn 1954. | | Foto: dpa |
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Das WM-Halbfinale von 1958 zwischen Deutschland und Gastgeber Schweden jährt sich am Samstag zum 48. Mal. Die damalige Niederlage der deutschen Auswahl badeten seinerzeit schwedische Bürger hierzulande aus.
Von Markus Wanderl, BerlinGegen Schweden, man mag es kaum glauben, gab es eines der denkwürdigsten und folgenreichsten Spiele einer deutschen Nationalelf: das Weltmeisterschafts-Halbfinale vom 24. Juni 1958. Die Schweden waren Gastgeber, und nach überraschend guten Leistungen stand das Land, in dem damals schon Eishockey und andere Wintersportarten den Ton angaben, in der Vorschlussrunde des Turniers.
Ärger wegen Tickets
Das Halbfinale sollte für die deutsche Mannschaft, die 1954 Weltmeister geworden war, aber in Schweden nicht mehr auf der Höhe ihrer Schaffenskraft gewesen ist, im Desaster enden. Bereits vor dem Spiel war es zu Misstönen gekommen, weil die schwedischen Veranstalter den deutschen Fans keine Plätze reservieren wollten. Karten gab’s schließlich erst, als DFB-Präsident Peco Bauwens mit dem Rückzug der Mannschaft drohte. Auch das Spiel im Göteborger Ullevi-Stadion wurde kein Spaß aus deutscher Sicht. Rote Karte für den frustrierten Düsseldorfer Erich Juskowiak, der vom überragenden schwedischen Mittelstürmer Kurt «Kurre» Hamrin ein ums andere Mal vernascht worden war. Der 54er-Held Fritz Walter musste mit einer schweren Verletzung mit der Bahre vom Platz getragen werden und sollte nie mehr ein Spiel für die deutsche Auswahl bestreiten. Schließlich das Resultat: 1:3 - nach einer 1:0-Führung.
Bankett ohne DFB-Tross Ihren Teil zum Ergebnis beigetragen, zumindest wurde das später in Deutschland mancherorts so ausgelegt, hatten die schwedischen Fans. Von zahlreichen Megaphonen in Wallung gebracht, schrieen sie sich mit «Heja-Heja»- Schlachtrufen die Seele aus dem Leib und ihre Mannschaft von Torerfolg zu Torerfolg. So fanatisch, dass man in Deutschland zum Urteil kam: unfair. DFB-Boss Bauwens forderte prompt, «dieses Pflaster nicht mehr zu betreten.» Musste ja auch erst einmal nicht mehr sein nach der Niederlage, welche von den deutschen Spielern zumindest einigermaßen klaglos hingenommen wurde. Die deutschen Funktionäre aber befahlen: Duschen, Land verlassen. Beim obligatorischen WM-Abschlussbankett fehlte der deutsche Tross. Gott sei Dank hieß der Fifa-Chef damals noch nicht Sepp Blatter. Sonst wäre die deutsche Auswahl heute noch gesperrt.In der Heimat badeten schwedische Bürger den Zorn eines Teils der Bevölkerung aus. Sie sah in alledem einen ungeheuren Prestigeverlust. War ihr Land nicht erst 1954 mit dem Titelgewinn in der Schweiz endgültig aus den Ruinen des Weltkriegs auferstanden? Jedenfalls gab’s zerschnittene Autoreifen bei entsprechendem Nummernschild zuhauf. War der Tank auf Reserve, sah der Schwede alt aus, denn Benzin wurde ihm verweigert. Hotels wiesen schwedische Gäste ab, schwedischen Künstlern wurde der Auftritt verweigert, Wirte strichen angeblich den «Schwedenhappen» von der Speisekarte. Beim Reitturnier in Aachen wurde die schwedische Flagge entehrt. Kurzum: Es kam zu diplomatischen Spannungen, und die bis dahin so guten sportlichen Beziehungen kühlten so sehr ab, dass es in den folgenden zwölf Jahren nur zu drei Länderspielen zwischen beiden Teams kommen sollte.
Bessere Voraussetzungen Am Samstag jährt sich diese Begegnung (24. Juni 1958) zum achtundvierzigsten Mal. Nicht anzunehmen, dass die Achtelfinalpartie dieses Mal ähnliche Missstimmungen wie noch vor 48 Jahren zur Folge haben wird. Allein die Voraussetzungen sind ganz andere. In den Vorrunden-Spielen gegen Paraguay sowie Trinidad und Tobago leuchteten die Stadien im Gelb der schwedischen Trikots. Auch beim Spiel gegen England waren die schwedischen Anhänger in großer Zahl vertreten. WM-Tickets, so scheint es, haben sie also genug bekommen.
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