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  • Ballack: «Klinsmann tut uns gut»
    20. Jun 2006 08:12

    Michael Ballack (r.) und Oliver Neuville Arm in Arm.
    Bild vergrößern
    Foto: dpa
    Die Patriotismus-Diskussion in der deutschen Politik lässt Michael Ballack kalt. Der Kapitän der Fußball-Nationalelf freut sich über Fans in Schwarz-Rot-Gold, wie er im Interview sagte.
     
    Bilderschau:
    Michael Ballack wünscht sich, dass Stürmer Lukas Podolski im letzten WM-Gruppenspiel gegen Ecuador am heutigen Dienstag (16 Uhr/live ARD) endlich trifft. «Dann wird er sicher wieder explodieren wie beim Confed-Cup», sagte der Kapitän der deutschen Elf. Der Mittelfeldspieler glaubt, dass Bundestrainer Jürgen Klinsmann besonders die jungen Spieler hervorragend motivieren kann.

    Frage: Wie nehmen Sie die WM außerhalb Ihrer eigenen Spiele wahr?

    Mehr in der Netzeitung:
  • Trainergespann kündigt Rotationen an 18. Jun 2006 10:59, ergänzt 19:30
  • Neuville: «Man unterschätzt mich» 16. Jun 2006 13:39, ergänzt 14:12
  • Frings verletzt sich beim Training 19. Jun 2006 20:48, ergänzt 22:01
  • Klinsmann hält sich bedeckt 19. Jun 2006 12:47, ergänzt 13:23
  • Klose dankt Klinsmann für sein Gespür 19. Jun 2006 08:23, ergänzt 11:11
  • Michael Ballack: Ich schaue mir fast alle Spiele im Fernsehen an. Ich nehme das Geschehen auf und lasse es sacken. Ich gehe nicht danach, ob wir im weiteren Turnierverlauf auf diese Mannschaft treffen könnten. Ich vergleiche die Spielweise der anderen Teams aber schon mit der der eigenen Elf.

    Frage: Die WM-Euphorie in Deutschland entfachte in der Bundesrepublik eine Patriotismusdiskussion. Kritiker halten das für aufkeimenden Nationalismus. Was empfinden Sie, wenn Sie die vielen deutschen Fahnen auf den Autos sehen?

    Ballack: Ich finde das schön. Ich denke, das sollte im Land des Gastgebers auch so sein. Das zeigt, dass die Leute Fußballfans sind und mitfiebern. Mehr nicht. Wir Spieler erwarten, dass das Stadion bei unseren Auftritten schwarz-rot-gold gefärbt ist. Warum sollen die Zuschauer in Zivil kommen?

    Frage: Ist bei einem Ausscheiden der deutschen Nationalelf im Achtelfinale alles in Frage zu stellen?

    Michael Ballack
    Bild vergrößern
    Foto: dpa
    Ballack: Entscheidend ist, wie sich die Mannschaft präsentiert. Jetzt haben wir zwei Siege auf dem Konto und mit Polen einen etwas stärkeren Gegner bezwungen. Das hat die von uns erhoffte Euphorie entfacht. Ein Beispiel dafür ist für mich Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ich weiß nicht, wann sie das letzte Mal öffentlich so aus sich herausgegangen ist. Natürlich werden wir immer an unserem Spiel gemessen. Wenn stärkere Gegner kommen, müssen wir das anerkennen. Die Stimmung innerhalb eines Turniers kann sich freilich schnell ändern.

    Frage: Wie ist derzeit der Kontakt zu Chelsea London, Ihrem neuen Arbeitgeber?

    Ballack: Der hält sich noch in Grenzen. Meine Lebensgefährtin ist allerdings damit beschäftigt, eine Wohnung zu finden. Ich konzentriere mich voll auf die Weltmeisterschaft.

    Frage: Können Sie sich mit starken Leistungen auch bei Chelsea positionieren?

    Ballack: Jedes Spiel ist wichtig. Eine WM ist vor einem Vereinswechsel natürlich ein absoluter Höhepunkt. Sie ist ein riesiger Präsentierteller. Ich schaue jetzt speziell auf Akteure, die bei Chelsea spielen. Und sicher haben die nun auch ein besonderes Auge auf mich.

    Frage: Sind Sie noch genauso unbekümmert und in der Form wie bei der WM 2002 in Japan und Südkorea?

    Ballack: 2002 hatte ich große Probleme mit einer Fußverletzung, die mich während des gesamten Turniers beeinträchtigt hat. Jetzt fühle ich mich trotz meines Ausfalls beim Spiel gegen Costa Rica gesund. Unbekümmert bin ich immer noch. Schon damals wurden große Erwartungen in mich gesetzt. Das hat sich nicht großartig geändert. Ich setze mich jedoch nicht selbst unter Druck, auch wenn ich jetzt Kapitän bin. Ich versuche immer, eine gewisse Lockerheit zu behalten.

    Frage: Wie sehen Sie die Diskussion um die Zukunft des Bundestrainers, der selbst Joachim Löw als idealen Nachfolger ins Gespräch gebracht hat?

    Ballack: Das beschäftigt mich nicht unbedingt. Das Turnier, das für uns hoffentlich vier Wochen dauern wird, hat eine zu große Bedeutung. Was darüber hinausgeht, ist noch weit weg. Zumal eine Ära über zwei oder vier Jahre fast kein Zeitraum mehr ist. Es wird häufig nur noch von Turnier zu Turnier gedacht. Da gehören Trainerdiskussionen zwangsläufig dazu.

    Frage: Würden Sie als Kapitän Jürgen Klinsmann empfehlen, sein Werk in fortzusetzen?

    Ballack: Neben dem Erfolg muss auch eine Tendenz da sein. Eine WM im eigenen Land ist natürlich ein Riesending. Der Bundestrainer hatte zwei Jahre Zeit, das Team darauf vorzubereiten. Ob dieser Zeitraum ausgereicht hat, wurde oft bezweifelt. Auf jeden Fall ist unsere Mannschaft entwicklungsfähig. Ihr wird eine gute Zukunft vorausgesagt. Viele Spieler haben ihren Zenit noch gar nicht erreicht. Jürgen Klinsmann ist sehr gut für sie. Er bringt sie weiter. Mich würde es freuen, wenn Jürgen Klinsmann weiter machen würde. Er tut dem deutschen Fußball gut.

    Frage: Haben die 24 Monate als Bundestrainer Jürgen Klinsmann möglicherweise so viel Kraft gekostet, dass er gar nicht weiter machen will?

    Ballack: Das weiß ich nicht. Das muss er selbst entscheiden. Aber es ist doch erst seine erste Trainerstation. So wie er sich bei uns bewegt, gehe ich davon aus, dass er die Herausforderung bestehen will. Auch wenn der Job des Bundestrainers einer der stressigsten überhaupt ist. Er hat die Power, um weiterzumachen.

    Frage:Was hat Klinsmann bei Ihnen bewirkt?

    Ballack: Für mich ist es schön zu sehen, wie eine in ihren spielerischen Mitteln begrenzte Mannschaft über die Motivations- und Fitness-Schiene geformt werden kann. Er hat auf anderem Weg versucht, die Mannschaft nach oben zu führen. Selbst die älteren sind dadurch nochmals aufgeblüht.

    Frage: Machen Sie Ihr Kapitänsamt von der Tätigkeit Klinsmanns abhängig?

    Ballack: Ich schätze ihn als Trainer. Es hat mich gefreut, dass er mich zum Spielführer ernannt hat. Sollte es irgendwann mal einen anderen Bundestrainer geben, würde ich mich freuen weiterhin Kapitän zu sein.

    Frage: Wie oft denken Sie darüber nach, mit dem WM-Finale 2002 wegen einer Gelbsperre und dem Eröffnungsspiel 2006 wegen einer Verletzung zwei historische Spiele verpasst zu haben?

    Ballack: Das ist schon vergessen. Inzwischen bin ich wieder richtig im Turnier.

    Frage: Eine weitere Verwarnung könnte Sie das Achtelfinale kosten. Wäre es sinnvoll, Sie gegen Ecuador zu schonen?

    Ballack: Ich habe doch schon gegen Costa Rica pausiert. Ich kann doch nicht nur auf der Bank sitzen...

    Frage: ...können Sie trotz dieser drohenden Sperre gewohnt offensiv taktieren?

    Ballack: Das lässt sich schon vereinbaren. Vielleicht müssen die anderen dann mehr in die Zweikämpfe gehen. Nein im Ernst: Wir wollen Erster werden. Dennoch können wir uns die Dinge nicht am Dienstag so zurechtlegen, wie England oder Schweden, die erst nach uns spielen.

    Frage: Fehlt Stürmer Lukas Podolski momentan die nötige Lockerheit zum Torerfolg?

    Ballack: Es gibt nur ein Heilmittel. Er muss endlich treffen. Ich hoffe, dass dies bald passiert. Wir kennen sein Potential.

    Frage: Ruud van Nistelrooy ist zwar im Gegensatz zu Ihnen ein Stürmer: Könnte er Sie dennoch als «Marke» bei Bayern München ersetzen?

    Ballack: Auf jeden Fall. Er ist ein Topspieler mit einem Topnamen. Er ist ein Fußballer, der für fast jede Mannschaft der Welt eine Verstärkung sein kann. Wenn der FC Bayern ihn bekommen könnte, werden die Münchner sicher die Gelegenheit nutzen.

    Aufgrund der vielen Anfragen gibt es während der WM nur die Möglichkeit von Pool-Interviews. Mehrere Medien finden sich fürs Gespräch mit dem jeweiligen Spieler oder Trainer zusammen. Am Interview mit Michael Ballack war für die Netzeitung Matthias Koch beteiligt.




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