Lehmann: «Muss nicht therapiert werden»
22.05.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Als Jens Lehmann sich im Presseraum des Stadions von Servette Genf niederlässt, verfolgen seine Blicke schmunzelnd ein kleines, blondes Mädchen. Die Vierjährige ist mit einer winzigen Digitalkamera ausgestattet und schießt ungelenk, aber fleißig Bilder vom deutschen Nationaltorwart. Die Mutter, eine Schweizer Pressefotografin, hat kurzfristig den Auftrag erhalten, die deutschen Gäste zu fotografieren und so schnell keinen Babysitter mehr für ihr Töchterchen gefunden.
«Fußball-Spiele», sagt er, «finden in so kurzen Abständen statt». Es habe bis zum Finale viele glückliche Momente gegeben, die «ich wegen der fehlenden Zeit kaum genießen konnte». Nun habe er auch keine Zeit, sich über den vergebenen Titel zu ärgern. «Die meisten Spieler der deutschen Nationalmannschaft haben bis zum Ende der Saison mindestens ein Negativerlebnis gehabt», erklärt Lehmann. Auch bei der WM werde es 31 Mannschaften geben, die am Ende mindestens ein Negativerlebnis zu verkraften haben werden.
Ob das nicht eine Art von Verdrängen sei, fragt einer. Aber Lehmann hält dagegen. Bei Arsenal gebe es genau wie beim DFB einen Psychologen. Mit beiden habe er schon wegen etlicher Dinge gesprochen. «Aber ich muss nicht therapiert werden», sagt Lehmann.
Beim ersten harten Training der WM-Vorbereitung am Montag zeigten sich beide Torwarte hochprofessionell. Dass Lehmann alle Aufmerksamkeit zuteil wurde, machte deutlich, wer neuerdings der interessante Mann ist. «Es motiviert mich noch mehr», sagt Lehmann zu seinem neuen Stellenwert. Wer im Testspiel gegen die Servette-Junioren am morgigen Dienstag sowie in den Länderspielen gegen Luxemburg (am Samstag in Freiburg), gegen Japan (am 30. Mai in Leverkusen) sowie gegen Kolumbien (am 2. Juni in Mönchengladbach) zwischen den Pfosten steht, haben die Trainer noch nicht festgelegt. Torwarttrainer Andreas Köpke gab aber einen Hinweis: «Es ist jetzt wichtig, dass die Abwehr sich einspielt, und zur Abwehr gehört der Torhüter nun mal dazu.»
Die deutsche Mannschaft werde immer als sehr jung beschrieben. «Das ist sie aber gar nicht.» Bei Arsenal sei er es gewöhnt, mit jeweils drei oder vier 18- bzw. 19-Jährigen auf dem Platz zu stehen. «Das ist jugendlich», sagt Lehmann. Die DFB-Auswahl habe hingegen eine gute Mischung. «Jeder ist in der Lage, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen», erläutert Lehmann. Um das Zusammenspiel und den Zusammenhalt zu perfektionieren, bleiben nur noch 18 Tage Zeit. Nun ist es an Lehmann, seinen Einfluss auf die häufig noch unsicheren jüngeren Spieler geltend zu machen. Ihren Respekt hat er sich in der vergangenen Saison auf jeden Fall verdient.

