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  • Lehmann: «Muss nicht therapiert werden»
    22. Mai 2006 15:30, ergänzt 16:36

    Jens Lehmann beim Training in Genf
    Bild vergrößern
    Foto: dpa
    Jens Lehmann hat sein bitteres Champions-League-Erlebnis verdrängt. Im WM-Trainingslager in der Schweiz erzählte der Nationaltorwart, warum er von der jungen deutschen Mannschaft so viel erwartet.
     
    Von Dorothea Jantschke, Genf

    Als Jens Lehmann sich im Presseraum des Stadions von Servette Genf niederlässt, verfolgen seine Blicke schmunzelnd ein kleines, blondes Mädchen. Die Vierjährige ist mit einer winzigen Digitalkamera ausgestattet und schießt ungelenk, aber fleißig Bilder vom deutschen Nationaltorwart. Die Mutter, eine Schweizer Pressefotografin, hat kurzfristig den Auftrag erhalten, die deutschen Gäste zu fotografieren und so schnell keinen Babysitter mehr für ihr Töchterchen gefunden.

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    Nur wenige Augenblicke hat Lehmann Zeit, um die Szene zu genießen. Vielleicht denkt der 36-Jährige an seine eigenen Kinder. Tochter Lieselotta ist erst vor zwei Monaten zur Welt gekommen und hält die Familie in ihrem Londoner Domizil in Atem. Dann beginnt die Pressekonferenz. Als erstes spricht Lehmann über seine Familie. Nach der 1:2-Niederlage im Champions-League-Finale gegen den FC Barcelona am vergangenen Mittwoch hatte der Arsenal-Keeper drei Tage Zeit, um im Kreis seiner Lieben zu entspannen. «Jetzt bin ich allerdings froh, dass es mit dem Training losgeht», sagt er.

    Endspiel immer noch Thema

    Als er am Sonntagabend in Genf ankam, war sein Champions-League-Erlebnis durchaus noch einmal Thema unter den Nationalspielern. Allerdings, so Lehmann, habe man nur über die Auslegung der Regel diskutiert. In jenem Endspiel hatte der Torwart einen der bittersten Momente seiner Karriere erlebt, als er in der 18. Minute wegen einer Notbremse an Torjäger Eto'o mit Rot vom Platz gestellt worden war. Bis zu diesem Zeitpunkt war Lehmann im Arsenal-Tor 12:44 Stunden unbezwungen gewesen.

    «Fußball-Spiele», sagt er, «finden in so kurzen Abständen statt». Es habe bis zum Finale viele glückliche Momente gegeben, die «ich wegen der fehlenden Zeit kaum genießen konnte». Nun habe er auch keine Zeit, sich über den vergebenen Titel zu ärgern. «Die meisten Spieler der deutschen Nationalmannschaft haben bis zum Ende der Saison mindestens ein Negativerlebnis gehabt», erklärt Lehmann. Auch bei der WM werde es 31 Mannschaften geben, die am Ende mindestens ein Negativerlebnis zu verkraften haben werden.

    Ob das nicht eine Art von Verdrängen sei, fragt einer. Aber Lehmann hält dagegen. Bei Arsenal gebe es – genau wie beim DFB – einen Psychologen. Mit beiden habe er schon wegen etlicher Dinge gesprochen. «Aber ich muss nicht therapiert werden», sagt Lehmann.

    Frühstück mit Kahn

    Es ist Lehmanns erster Auftritt im Kreise der Nationalmannschaft, seit Bundestrainer Jürgen Klinsmann ihn im April zur Nummer eins im deutschen Tor ausrief. Somit traf der Londoner auch erstmals auf Konkurrent Oliver Kahn, für den die Degradierung zum Ersatzkeeper eine schwere Niederlage gewesen war. «Wir haben zusammen gefrühstückt», erzählt Lehmann, die Themen seien aber eher belangloser Natur gewesen. Das Erlebnis zu besprechen, sei nicht geplant. «Sollte ich das Bedürfnis haben, irgend etwas aufzuarbeiten, werde ich es nach der WM tun», sagt Lehmann.

    Beim ersten harten Training der WM-Vorbereitung am Montag zeigten sich beide Torwarte hochprofessionell. Dass Lehmann alle Aufmerksamkeit zuteil wurde, machte deutlich, wer neuerdings der interessante Mann ist. «Es motiviert mich noch mehr», sagt Lehmann zu seinem neuen Stellenwert. Wer im Testspiel gegen die Servette-Junioren am morgigen Dienstag sowie in den Länderspielen gegen Luxemburg (am Samstag in Freiburg), gegen Japan (am 30. Mai in Leverkusen) sowie gegen Kolumbien (am 2. Juni in Mönchengladbach) zwischen den Pfosten steht, haben die Trainer noch nicht festgelegt. Torwarttrainer Andreas Köpke gab aber einen Hinweis: «Es ist jetzt wichtig, dass die Abwehr sich einspielt, und zur Abwehr gehört der Torhüter nun mal dazu.»

    Glaube an den großen Wurf

    Lehmann darf also davon ausgehen, die Länderspiele zu bestreiten. Viel Zeit bis zum WM-Auftaktspiel am 9. Juni bleibt nicht mehr. «Ich glaube nicht, dass man von mir Wunderdinge erwartet», sagt er. Die Rolle des ersten Mannes ist ihm aus Bundesliga und Premier League vertraut, nur in der Nationalmannschaft dauerte es gut zwei Jahre, um an Kahn vorbei zu ziehen. Der 36-Jährige hat auch keine Probleme damit, die Rolle des Motivators zu übernehmen. «Ich glaube fest an den ganz großen Wurf», sagt er – und analysiert sogleich, woher der Optimismus kommt.

    Die deutsche Mannschaft werde immer als sehr jung beschrieben. «Das ist sie aber gar nicht.» Bei Arsenal sei er es gewöhnt, mit jeweils drei oder vier 18- bzw. 19-Jährigen auf dem Platz zu stehen. «Das ist jugendlich», sagt Lehmann. Die DFB-Auswahl habe hingegen eine gute Mischung. «Jeder ist in der Lage, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen», erläutert Lehmann. Um das Zusammenspiel und den Zusammenhalt zu perfektionieren, bleiben nur noch 18 Tage Zeit. Nun ist es an Lehmann, seinen Einfluss auf die häufig noch unsicheren jüngeren Spieler geltend zu machen. Ihren Respekt hat er sich in der vergangenen Saison auf jeden Fall verdient.




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