Ahnungslose WM-Experten
06. Jul 2006 11:12
 |  Paul Breitner. Foto: dpa |
|
An ein Finale Italien gegen Frankreich hat vor der Fußball-WM wohl niemand so recht geglaubt. Selbst die «Chef-Kritiker» lagen mit ihren Prognosen voll daneben.
Von Thomas Prüfer und Thomas Borchert«Kaiser Franz» war diesmal etwas zu optimistisch, doch vor allem die «Chef-Kritiker» des deutschen Fußballs lagen mit ihren WM-Prognosen zum Teil voll daneben. Während Beckenbauer vor WM-Beginn «wegen des Heimvorteils das Finale optimistisch eingeplant» hatte, müssten allen voran Lothar Matthäus und Paul Breitner bei Jürgen Klinsmann & Co. eigentlich Abbitte leisten. Denn vor der Heim-Weltmeisterschaft hatten sie der gegen Italien knapp am Final-Einzug gescheiterten deutschen Mannschaft nicht viel zugetraut - und die mögliche Euphorie im Lande offenbar unterschätzt.
WM 2006 «kommt zu früh»
«Dass die deutsche Mannschaft das Land aus dem Stimmungstief holen kann, geht gar nicht», hatte Breitner in der «ZDF-WM-Show» vorausgesagt. Aufgabe der Spieler sei es, Fußball zu spielen, nichts anderes. «Wenn wir unter die ersten Acht kommen, ist das ein ehrenwertes Ergebnis.» Das Gerede vom Titel sei «weltfremd.» In einer dpa-Umfrage kurz vor der WM legte er nach: «2006 kommt für das junge Team zu früh. Es wird ein Meilenstein sein auf dem Weg, in zwei, vier oder sechs Jahren wieder zu den Besten der Welt zu gehören.» Klinsmann sei mit der Titel-Vorgabe klar übers Ziel hinausgeschossen: «Auch der Heim-Vorteil macht aus einem durchschnittlichen Team keinen Weltmeister.»Matthäus sagte via «Sportbild» voraus, «dass wir im Achtelfinale ausscheiden». Nachdem der Rekord-Nationalspieler dementsprechend das Aus gegen Schweden und dann Argentinien (Viertelfinale) ankündigte, kam zum Italien-Spiel unerwartet die Kehrtwende: «Die Begeisterung in Deutschland ist jetzt so groß, dass die Nationalelf verpflichtet ist, zu gewinnen», orakelte Matthäus - und tippte 2:1 statt 0:2. Auch Christoph Daum irrte. Er warnte davor, die Vorrunde schon als gewonnen abzuhaken. Zudem sei die DFB-Elf eine «Ballack plus zehn» - total abhängig vom Kapitän. Das ist im Prinzip zwar richtig, doch Klose & Co. klopften auch ohne ein Ballack-Tor an die Tür zum Finale.
Matthäus: «Nowotny einbauen» Für den unbeirrt seinen Weg gehenden Klinsmann erwies es sich auch nicht unbedingt als falsch, selbst gut gemeinte Personal-Ratschläge zu ignorieren. So warb Matthäus mit Nachdruck dafür, «den erfahrenen Nowotny einzubauen»: Der spielte dann zwar keine einzige Minute, aber immerhin entpuppte sich die deutsche Abwehr auch nicht wie befürchtet als Hühnerhaufen. Matthäus sprach sich auch für den Dortmunder Kehl und gegen den Bremer Frings aus, der sich dann allerdings bis zu seiner Sperre im Halbfinale zum besten deutschen Akteur aufschwang. Generell kam es zu vielen Fehleinschätzungen. So tippten in einer dpa-Umfrage 24 der 32 WM-Trainer auf Brasilien als Champion. Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge fragte sich gar, «was passieren muss, damit Brasilien nicht Weltmeister wird?» Beckenbauer antwortete: Der Top-Favorit werde sich den Titel ebenso wenig nehmen lassen wie Ronaldinho den Aufstieg zum Star der WM. Brasiliens Idol Pele wartete ebenso vergeblich auf «eine Menge guter WM-Spiele» wie Bayern-Manager Uli Hoeneß auf «viele Tore» hoffte.
Experten sind «Störenfriede» Dass es wie immer bei «König Fußball» ein Heer von Bundestrainern gibt, die die richtige Taktik und Aufstellung kennen, brachte sogar einen besonnenen Mann wie Thomas Doll in Rage. Der Ex-Nationalspieler und Trainer des Hamburger SV bezeichnete in seiner «Kicker»-Kolumne die «so genannten Experten», die nach einem schwächeren Spiel «gleich wieder erzählen, wer alles untauglich ist», als Störenfriede. Doll weiter: «Das kommt nicht selten auch von Leuten, die nach ihrer aktiven Karriere noch nicht viel auf die Stange gebracht haben.» Da passt es ins Bild, dass ausgerechnet Nicht-Fußballer der WM-Realität sehr nahe kamen. So erwartete Schwimmstar Antje Buschschulte «spannende Spiele und Deutschland im Ausnahmezustand.» Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, den - anders als Klinsmann - der DFB als Sportdirektor nicht haben wollte, urteilte vor dem WM-Start: «Ich traue der deutschen Mannschaft durchaus das Erreichen des Halbfinales zu.» Ex-Tennisstar Boris Becker merkte an: «Wenn wir gute Gastgeber sind, lassen wir einer anderen Nation den Vortritt.» Und Frankreichs Staatschef Jacques Chirac hatte zumindest halbwegs Recht, als er vor vier Wochen die «Equipe Tricolore» als Finalisten tippte: «Unklar ist nur, ob Deutschland oder Brasilien gegen Frankreich spielt.» (dpa)
|