«Sportis»: Die Fans müssen mitgrölen können
04.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Haben Sie es von Anfang an darauf angelegt, eine Fan-Hymne zu komponieren, ein Stück, das massenkompatibel ist?
Linhof: Wir wollten «den» WM-Song machen, die Marseillaise des deutschen Fußballs. In Deutschland gibt es ja nur sehr wenige Fußballgesänge, mal abgesehen von dem Einzeiler «Steht auf, wenn ihr Deutsche seid» und «Deutschlaaand, Deutschlaaand». Damit kann man sich nicht mit englischen Chorälen messen. Die sind ja teilweise sehr anspruchsvoll, zum Beispiel «Youll never walk alone».
Linhof: Einen Fußballfan im Zustand der kollektiven Ekstase darf man nicht überfordern. Das Singen von Liedern ist auch nicht so tief im Deutschen drin. Das fängt schon in der Familie an, wo wenig gesungen wird. Im Stadion ist das jetzt anders.
Netzeitung: Warum?
Linhof: Weil alle Fans vom FC Deutschland sind. Anfangs haben mich die Rufe «Steht auf, wenn ihr Deutsche seid» etwas irritiert, aber jetzt nicht mehr. Das ist frei von Nationalismus.
Netzeitung: Als Sie das Lied komponiert haben, war nichts zu spüren von Euphorie und kaum jemand hat angenommen, dass das Nationalteam «mit der Leidenschaft im Bein» Weltmeister werden könnte. Warum haben Sie eine Ahnung gehabt?
Linhof: Keiner war damals mit der Mannschaft verbunden, keiner hat den Mut aufgebracht zu sagen: Wir schaffen das. Jeder hat das Team niedergemacht und dabei vergessen, dass es elf junge Kerle sind, die dieses Turnier angehen. Wir haben jedoch daran geglaubt, dass sie ein gutes Turnier spielen. Also haben wir getextet: «Doch wir haben Träume und Visionen und in der Hinterhand 'nen Master Plan.» Vor zwei Monaten sind wir dafür belächelt worden. Jetzt singt es jeder.
Linhof: Alle Seiten. Wir waren die Naiven. Wir haben uns gegen die Paul-Breitner-Fraktion gestellt und gegen die Franz-Beckenbauer-Abteilung. Das war wie bei Jürgen Klinsmann: Wir haben an etwas geglaubt, was unmöglich erscheint. Er hat gegen alle Widerstände seine Vision entwickelt, sein Programm durchgezogen. Selbst die hinterfotzige «Bild»-Zeitung konnte ihm nichts anhaben. Wie viele kippen bei einem solchen Beschuss um? Und was passiert nun?
Netzeitung: Verraten Sie es uns.
Linhof: Viele, die vorher die größten Kritiker waren, springen auf den Zug auf, werden zu den größten Fans und klopfen Klinsmann auf die Schulter, weil er den Deutschen den Negativismus ausgetrieben hat. Und er hat, mit Verlaub, auf die alten Säcke im DFB geschissen und seinen eigenen Plan durchgezogen. Respekt.
Netzeitung: Hat sich Jürgen Klinsmann bei Ihnen schon für die musikalische Untermalung der WM bedankt?
Linhof: Nein, aber wir sind in Kontakt mit etlichen hochrangigen Funktionären des DFB.
Netzeitung: Tatsächlich?
Linhof: Wir haben ein paar Freunde in der Nationalmannschaft, zum Beispiel Philipp Lahm. Mit dem schafkopfen wir manchmal.
Netzeitung: Gab es schon einen Anruf von Jack White bei den Sportfreunden Stiller, eine Beschwerde darüber, dass Sie ihm die WM-Hymne entrissen haben?
Linhof: Das Oliver-Pocher-Lied «Black and White» ist ja von Jack White. Mit ihm hatten wir keinen Kontakt, aber mit dem DFB. Vor einem Jahr wurden wir gefragt, ob wir den WM-Song schreiben wollen. Wir haben nein gesagt, weil wir ihn selbstbestimmt machen wollten. Dann gibt es noch Grönemeyers Song, ein gutes Lied, aber kein Mitgröllied.
Linhof: Ich finde Grölen großartig. Sich in den Armen liegen und krakeelen, das macht sauviel Spaß. Das geht mit unserem Stück.
Netzeitung: Macht Sie die WM-Hymne reich?
Linhof: Wir werden nicht zu Milliardären. Das Lied verkauft sich, aber darauf haben wir nicht geschielt. So etwas funktioniert nicht, wenn man nur auf den kommerziellen Erfolg aus ist. Wir haben das Lied gemacht, weil wir Fußballfans sind. Und weil wir uns auf die WM gefreut haben.
Netzeitung: In Ihrem grenzenlosen Optimismus sehen Sie Deutschland wohl auch im Finale?
Linhof: Selbstverständlich. Soll ich darauf hoffen, dass Italien, diese Berlusconis und Mafiosi ins Endspiel kommen, ein Land, das unseren Torsten Frings ausgeschlossen hat.
Linhof: Egal, die Deutschen sollen einfach gewinnen. Mit 3:1. Es muss kein berauschendes Spiel werden. Sie dürfen sich meinetwegen ins Finale eiern.
Das Interview mit Rüdiger Linhof führte Markus Völker.

