16.06.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Angela Merkel beim Spiel Brasilien- Kroatien.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Ein «Phänomen» sei Fußball für sie, das sie «verstehen lernen» wolle, sagte Kanzlerin Merkel noch kürzlich. Nun sieht man sie jubelnd in WM-Stadien.
Spätestens seit dem WM-Fußballspiel Deutschland gegen Polen scheint klar: Auch die deutsche Kanzlerin kann sich der Fußball-Begeisterung nicht entziehen. Sekundenlang zielte die TV-Kamera auf die Prominenten-Tribüne, als Angela Merkel freudig aufschreiend
fast richtig die Arme in die Höhe riss. Da war gerade das vermeintliche Tor gefallen, das dann wegen Abseits aber gar nicht galt.
«Auch die Kanzlerin schreit für Deutschland» titelte «Bild» entsprechend. Die Kanzlerin sagte dem Blatt: «Es war ein unglaublich spannender Abend - auch für mich!» Sie habe «90 Minuten mitfiebern und auch mitleiden» können.
Ein spontaner Jubelschrei hier, ein erwartungsvoller Blick dort, ein entspanntes Lächeln in die Runde - von der Zurückhaltung der Kanzlerin, die kurz zuvor im Gespräch mit dem «Stern» Fußball lediglich kühl als «Phänomen» bezeichnet hatte, ist nicht mehr viel übrig.
War Merkel beim Eröffnungsspiel Deutschland - Costa Rica zunächst noch mit den vertraut leicht nach unten hängenden Mundwinkeln fotografiert worden, wurde wenig später schon das erste sehr offene Lächeln registriert. Und bei der WM-Vorrundenbegegnung Brasilien - Kroatien gab es dann viele Bilder von einer gelöst wirkenden Frau, die Kroatiens Ministerpräsidenten Ivo Sanader in dessen spontanen Reaktionen auf das Spiel in nichts nachstand.
Eine Kanzlerin im WM-Fieber. Eine Kanzlerin, die das Tor in der Nachspielzeit der Partie Deutschland - Polen als «Erlösung» bezeichnet und damit deutlich macht: Sie ist dabei; mit Leib
und Seele. So unverkrampft, wie sie es vielleicht noch nicht einmal selbst von sich gedacht hätte.
Ist sie doch bekannt dafür, ganz anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder Fußball möglichst von sich fern zu halten. Bälle, die sie als CDU-Chefin und spätere Kanzlerin ab und zu mal auf Veranstaltungen gereicht bekommen habe, habe sie zum Beispiel stets so linkisch in die Hände genommen, als wisse sie nicht, wohin damit, erinnert der «Stern».
Nun kommentiert «Bild»: «Die Nation wundert sich, wie König Fußball diese sonst immer so kontrolliert wirkende Regierungschefin verändert hat.»