Klinsmann bleibt unabhängig
12. Jul 2006 08:48, ergänzt 14:36
 |  Jürgen Klinsmann | | Foto: dpa |
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Jürgen Klinsmann hat sich für seine Familie und die USA entschieden. Der ehemalige Fußball-Bundestrainer kündigte an, mindestens ein halbes Jahr auszusetzen und vorerst kein Engagement anzunehmen.
Von Dorothea JantschkeAls Jürgen Klinsmann mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft das WM-Spiel um Platz drei gewonnen hatte, war die Euphorie im Land groß. Der Bundestrainer zog sich nur wenige Augenblicke nach dem Abpfiff aber schon merklich zurück. Er werde seine jungen Spieler nach der Weltmeisterschaft weiter «begleiten», sagte er an jenem denkwürdigen Samstag in Stuttgart, es sei aber nicht klar ob als «Kontaktperson oder Trainer».
Ansprechpartner in den USA
Klinsmann hat sich für «Kontaktperson» entschieden, den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Nacht zu Mittwoch von seinem Rücktritt in Kenntnis gesetzt und Assistent Joachim Löw als seinen Nachfolger installiert. «Er hat ohnehin bereits den Löwenanteil der Arbeit gemacht. Er war mehr als mein Assistenztrainer», sagte Klinsmann am Mittwoch in Frankfurt am Main. «Wir waren Partner.» Er selbst wolle den Spielern als Ansprechpartner erhalten bleiben, außerdem könne Löw auf dem Weg zur Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz auf seine Unterstützung bauen.
Der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger hatte am Dienstagabend im Schwarzwald versucht, Klinsmann umzustimmen. «Ich hatte Joachim Löw, Oliver Bierhoff und Andreas Köpke aber schon am Montag von meiner Entscheidung in Kenntnis gesetzt», sagte Klinsmann. Mit seiner Zeit als Bundestrainer geht auch die Ära von DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder zu Ende, der im Verband für die Nationalmannschaft verantwortlich gewesen war. Er verabschiedete sich am Mittwoch unter Tränen von Klinsmann, den er seit dessen Jugendzeit kennt.
 |  Debbie Klinsmann | | Foto: AP |
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Klinsmann machte vor allem private Gründe geltend: «Es ist mein großer Wunsch, zu meiner Familie und in die Normalität zurückzukehren», sagte er. Ehefrau Debbie habe ihm die Entscheidung komplett selbst überlassen. Doch er verspüre das tiefe Bedürfnis nach der Nähe seiner Lieben. Mindestens ein halbes Jahr will Klinsmann sich nun Zeit nehmen, um mit Debbie und den Kindern Jonathan (9) und Leila (5) Zeit zu verbringen. «Ich werde vorerst kein Engagement annehmen», sagte Klinsmann. Die letzten zwei Jahre hätten ihn außerdem viel Kraft gekostet, nach dem WM-Aus im Halbfinale sei er «in ein Loch gefallen». «Ich wäre nicht imstande, diese Arbeit mit derselben Power und Energie fortzuführen», nannte Klinsmann einen weiteren Grund für seinen Rücktritt.
Klinsmanns Kontrakt war bis nach der WM datiert gewesen. Der Bundestrainer hatte aber nie einen Hehl daraus gemacht, dass er im Falle eines Misserfolges sofort zurücktreten würde. Der dritte Platz bei der WM war allerdings eine Art «unvollendete Mission». Viele hofften, dass der 41-Jährige sie bis zur Europameisterschaft 2008 oder gar bis zum nächsten Weltturnier in vier Jahren zu Ende führt.
Doch Klinsmann bewahrte einen kühlen Kopf und ließ sich nicht von der allgemeinen Euphorie beeindrucken. Der Wahl-Kalifornier, der auf die positive Bilanz von 20 Siegen, acht Unentschieden und sechs Niederlagen in 34 Partien zurückblicken kann, hat nicht vergessen, welche Widerstände er vor der WM zu überwinden hatte. Als Klinsmann vor zwei Jahren das Amt von Teamchef Rudi Völler übernahm, war er nach Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel gerade einmal dritte Wahl gewesen. Sein Konzept überzeugte den DFB kurz nach der völlig verkorksten EM in Portugal – jedenfalls kurzfristig. Denn jegliche seiner Maßnahmen wurde in den folgenden Monaten mehr als argwöhnisch beäugt.
Matthäus darf querschießen
Gegen sich hatte Klinsmann aber vor allem auch die Boulevardzeitung «Bild». Bereits als Spieler hatte er sich dem Blatt als Informationsquelle verweigert. Während seiner zweijährigen Amtszeit schrieb die Zeitung mithilfe von Klinsmann-Gegnern wie Lothar Matthäus («Der Jürgen ist ein Killer. Er geht über Leichen») immer wieder heftig gegen den ungeliebten Starrkopf an. Die von Klinsmann engagierten amerikanischen Fitnesstrainer sowie die von ihm im großen Stile angesetzten Leistungstests waren aber auch anderen Medien anfangs nur ein Schmunzeln wert.Was Klinsmann zugestanden bekam, waren Joachim Löw als Assistenztrainer, Oliver Bierhoff als Teammanager und Andreas Köpke als Torwarttrainer (Oliver Kahns Coach Sepp Maier hatte er nach fast 20 Jahren in Diensten des DFB suspendiert). Zu Beginn des Jahres versuchte Klinsmann Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als Sportdirektor zu verpflichten, was der Verband verhinderte. Ein Fußball-Fremdling im eigenen Haus, ging dem DFB zu weit. Dem Bundestrainer wurde Matthias Sammer vor die Nase gesetzt.
60 Prozent gegen Klinsmann
Von da an ging es abwärts - mit der Stimmung und den Ergebnissen. Als Klinsmann im Februar bei einem WM-Trainerworkshop in Düsseldorf nicht erschien, reagierte die Öffentlichkeit empört. Vor allem die «Bild» verlieh Klinsmann das Image des arroganten Mannes, der für den Beruf nicht nach Deutschland umziehen wollte. Dass er sich bis wenige Wochen vor der WM nicht zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann als erstem Torwart entschied, spaltete die Nation. Als die Nationalmannschaft dann Anfang März auch noch ein Testspiel in Italien 1:4 verlor, sprachen sich in Umfragen 60 Prozent der Deutschen für seine Demission aus. Klinsmann durchschritt die Talsohle. Er kam aus den USA nach Deutschland, brachte von dort neue Ideen und Trainer mit nach Deutschland, und er ging in die USA zurück. Klinsmann bleibt unabhängig. Für die deutschen Nationalspieler, deren Durchschnittsalter bei nur etwa 23 Jahren liegt, war Klinsmann weniger ein Trainer als ein Motivator. Während Löw Taktikschulung und Trainingsprogramm übernahm, fungierte Klinsmann als Leitfigur.
Einem Ex-Weltklassestürmer, der 1990 Weltmeister und 1996 Europameister wurde, einst bei Inter Mailand, dem FC Bayern München, den Tottenham Hotspurs und in Monaco sein Geld verdiente, folgt ein junges, hungriges Team bedingungslos. Klinsmann muss sich aber fragen lassen, ob es unter Löw - dem ehemaligen Coach des VfB Stuttgart und von Austria Wien - mit eben solcher Leidenschaft Leistung bringt.