Klinsmann bleibt unabhängig
Als Jürgen Klinsmann mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft das WM-Spiel um Platz drei gewonnen hatte, war die Euphorie im Land groß. Der Bundestrainer zog sich nur wenige Augenblicke nach dem Abpfiff aber schon merklich zurück. Er werde seine jungen Spieler nach der Weltmeisterschaft weiter «begleiten», sagte er an jenem denkwürdigen Samstag in Stuttgart, es sei aber nicht klar ob als «Kontaktperson oder Trainer».
Der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger hatte am Dienstagabend im Schwarzwald versucht, Klinsmann umzustimmen. «Ich hatte Joachim Löw, Oliver Bierhoff und Andreas Köpke aber schon am Montag von meiner Entscheidung in Kenntnis gesetzt», sagte Klinsmann. Mit seiner Zeit als Bundestrainer geht auch die Ära von DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder zu Ende, der im Verband für die Nationalmannschaft verantwortlich gewesen war. Er verabschiedete sich am Mittwoch unter Tränen von Klinsmann, den er seit dessen Jugendzeit kennt.
Die letzten zwei Jahre hätten ihn außerdem viel Kraft gekostet, nach dem WM-Aus im Halbfinale sei er «in ein Loch gefallen». «Ich wäre nicht imstande, diese Arbeit mit derselben Power und Energie fortzuführen», nannte Klinsmann einen weiteren Grund für seinen Rücktritt.
Klinsmanns Kontrakt war bis nach der WM datiert gewesen. Der Bundestrainer hatte aber nie einen Hehl daraus gemacht, dass er im Falle eines Misserfolges sofort zurücktreten würde. Der dritte Platz bei der WM war allerdings eine Art «unvollendete Mission». Viele hofften, dass der 41-Jährige sie bis zur Europameisterschaft 2008 oder gar bis zum nächsten Weltturnier in vier Jahren zu Ende führt.
Doch Klinsmann bewahrte einen kühlen Kopf und ließ sich nicht von der allgemeinen Euphorie beeindrucken. Der Wahl-Kalifornier, der auf die positive Bilanz von 20 Siegen, acht Unentschieden und sechs Niederlagen in 34 Partien zurückblicken kann, hat nicht vergessen, welche Widerstände er vor der WM zu überwinden hatte. Als Klinsmann vor zwei Jahren das Amt von Teamchef Rudi Völler übernahm, war er nach Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel gerade einmal dritte Wahl gewesen. Sein Konzept überzeugte den DFB kurz nach der völlig verkorksten EM in Portugal jedenfalls kurzfristig. Denn jegliche seiner Maßnahmen wurde in den folgenden Monaten mehr als argwöhnisch beäugt.
Was Klinsmann zugestanden bekam, waren Joachim Löw als Assistenztrainer, Oliver Bierhoff als Teammanager und Andreas Köpke als Torwarttrainer (Oliver Kahns Coach Sepp Maier hatte er nach fast 20 Jahren in Diensten des DFB suspendiert). Zu Beginn des Jahres versuchte Klinsmann Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als Sportdirektor zu verpflichten, was der Verband verhinderte. Ein Fußball-Fremdling im eigenen Haus, ging dem DFB zu weit. Dem Bundestrainer wurde Matthias Sammer vor die Nase gesetzt.
Klinsmann durchschritt die Talsohle. Er kam aus den USA nach Deutschland, brachte von dort neue Ideen und Trainer mit nach Deutschland, und er ging in die USA zurück. Klinsmann bleibt unabhängig. Für die deutschen Nationalspieler, deren Durchschnittsalter bei nur etwa 23 Jahren liegt, war Klinsmann weniger ein Trainer als ein Motivator. Während Löw Taktikschulung und Trainingsprogramm übernahm, fungierte Klinsmann als Leitfigur.
Einem Ex-Weltklassestürmer, der 1990 Weltmeister und 1996 Europameister wurde, einst bei Inter Mailand, dem FC Bayern München, den Tottenham Hotspurs und in Monaco sein Geld verdiente, folgt ein junges, hungriges Team bedingungslos. Klinsmann muss sich aber fragen lassen, ob es unter Löw - dem ehemaligen Coach des VfB Stuttgart und von Austria Wien - mit eben solcher Leidenschaft Leistung bringt.

