Berlin feiert frenetisch DFB-Elf:
Klinsmann ist «wahnsinnig stolz»
09.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Mit Trikots mit der Aufschrift «Danke Deutschland» und «Teamgeist 82 Mio» in Anspielung auf die landesweite Unterstützung dankten alle Mitglieder der deutschen Delegation. «Vielen, vielen Dank, ihr seid die Geilsten», rief Kapitän Michael Ballack der überwiegend in Schwarz-Rot-Gold gekleideten Fanmenge vor dem Brandenburger Tor zu.
Im besonderen Mittelpunkt der Ovationen standen die Jungstars Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm. Aber auch die anderen Mitglieder der DFB-Delegation wie der 71-jährige Masseur Adolf Katzenmeier, der einst schon die Beine von Fritz Walter geknetet hatte, genossen das Bad in der schwarz-rot-goldenen Menge.
Der Jubel war zum Orkan angeschwollen, als die Torhüter Jens Lehmann, Oliver Kahn und Hildebrand um 12.36 Uhr als erste die Bühne betreten hatten. Doch als eine Viertelstunde später Klinsmann gemeinsam mit Joachim Löw, Oliver Bierhoff, Andreas Köpke das Podium betrat, gerieten die Anhänger förmlich aus dem Häuschen. «Die ganze Nation ist stolz auf die Mannschaft. Die Fans waren die großen Stars dieser Weltmeisterschaft», sagte Sportminister Wolfgang Schäuble.
«Wahnsinnig stolz» verabschiedete sich Klinsmann am Sonntag nach dem gigantischen Abschlussempfang vor dem Brandenburger Tor in den verdienten Urlaub, aus dem er vielleicht nicht mehr als Bundestrainer zurückkehren wird. «Tausend, tausend, tausend Dank, die Truppe ist einfach geil», rief er den Fans zu - allerdings ohne ein Versprechen der persönlichen Wiederkehr.
«Ich persönlich brauche ein paar Tage, um das zu verstehen und sacken zu lassen. Es ist viel auf uns alle eingestürzt. Ich kann das Ganze noch nicht ordnen», gestand Klinsmann. Er genoss die Huldigungen von Jung und Alt sowie seiner Mannschaft, aber die Entscheidung will er im Kreise der Familie mit kühlem Kopf und in Abgeschiedenheit treffen.
Die Schluss-Fotos und abschließenden WM-Umarmungen mit seinen engsten Mitarbeiten nach dem 3:1-Sieg gegen Portugal, bei der nächtlichen Team-Party und beim schwarz-rot-goldenen Jubel am Tag darauf auf der Berliner Fan-Meile gaben keinen letzten Aufschluss darüber, was kommt. Auch die größten Experten konnten nur rätseln.
Franz Beckenbauer meinte, nach der Überreichung der Bronze-Medaille eine «gewisse Bejahung» im Gesicht des Bundestrainers abgelesen zu haben nach seiner Aufforderung, Klinsmann müsse jetzt weitermachen. Uwe Seeler, ein anderer deutscher Ehrenspielführer, deutete die Zeichen anders: «Jürgen weiß, dass die WM etwas Besonderes ist und der Alltag folgt. Wer Jürgen kennt, der muss nachdenklich werden.»
Klinsmann nährte beide Einschätzungen. Er kam seinem großen Ziel ganz nahe, seine Methoden haben gegriffen und die Spieler liegen ihm am Herzen. Er könne jetzt «normalerweise nicht» aufhören, meinte Kapitän Ballack: «Wir machen ja auch weiter.» Aber gerade die Spieler waren es auch, die daran erinnerten, das ihr Trainer viel Kritik wegstecken musste. «Jetzt ist alles Friede, Freude, Eierkuchen, aber er muss die gesamten zwei Jahre sehen», sagte Ballack.
Auf die lange Bank schieben wird Klinsmann seine Zukunft nicht. Team-Manager Oliver Bierhoff kündigte ein Treffen schon für die kommende Woche an. Und ganz abtauchen würde Klinsmann auch dann nicht, wenn er dem DFB den Rücken kehren sollte und sich wieder in seine US-Wahlheimat zurückzöge. Für den negativen Fall möchte er wenigstens als «Helfer» und «Dienstleister» für die Nationalspieler zur Verfügung stehen: «Egal, wie jetzt die Entscheidung ausgeht, diese Bereitschaft und Nähe wird von meiner Seite aus immer da sein.» (nz)

