England hadert mit seinen Fußballern
02. Jul 2006 11:34
 |  Owen Hargreaves (2.v.r.) ließ sich auch von Gary Neville nicht trösten. | | Foto: dpa |
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Nach dem Ausscheiden gegen Portugal hat die englische Fußball-Nation mehr denn je Probleme mit dem «Charaktertest» Elfmeterschießen. Für die Briten hat sich ein ausgewachsenes Trauma entwickelt.
Von Felix Meininghaus, Gelsenkirchen
Die englische Krankheit heißt Elfmeterschießen. Oder, wie es die Menschen im Mutterland des Fußballs formulieren: «Penalty desease». Der Journalist Christian Eichler schreibt in seinem wunderbaren Buch, «Deutschland, Deine Lieblingsgegner» zum Thema England: «Größtes Vorurteil: Sie können keine Elfmeter schießen.» So ist es, und so wird es auf absehbare Zeit erst einmal bleiben.
Beim Charaktertest versagt
Es ist kaum glaublich aber wahr: England hat schon wieder Großes versäumt, weil es vom Punkt jämmerlich gescheitert ist. Wer gesehen hat, wie Weltstars wie Frank Lampard (FC Chelsea) oder Steven Gerrard (FC Liverpool) zum Charaktertest nach 120 ereignisarmen Minuten statt aufrecht und stolz wie Löwen geduckt wie die Mäuschen zur Ausführung geschritten und dann gescheitert sind, glaubt an Mystik oder gar Psychologie. Die Fachleute in Sachen Seelenpflege sprechen in diesem Zusammenhang von «sich selbst erfüllenden Prophezeiungen» und meinen damit das, was der Volksmund als Selbstläufer bezeichnet. Während die Deutschen natürlich davon ausgehen, dass sie beim Showdown gewinnen werden, wissen die Briten, dass sie im entscheidenden Moment kläglich versagen werden. Symptomatisch für das Scheitern einer ganzen Fußballnation war das Auftreten von Jamie Carragher. Der Mann aus Liverpool wurde nach 118 Minuten eingewechselt, einzig mit dem Auftrag, beim Elfmeterschießen seinen Dienst zu versehen.
Entschlossen trat er an und verwandelte halbrechts, wurde aber von Schiedsrichter Horacio Elizondo aus Argentinien zur Wiederholung genötigt, weil jener den Ball noch nicht freigegeben hatte. Beim zweiten Versuch lenkte Portugals Keeper Ricardo den Schuss an die Latte. Nach dem faux pas befragt, gab der Schütze an, ihm sei nicht bekannt gewesen, «dass man da warten muss».
Hargreaves trifft als einziger Brite
Unglaublich aber wahr: Englands Supertruppe schied auch deshalb aus, weil millionenschwere Profis noch nicht einmal das kleine Einmaleins ihres Berufes beherrschen. Und so kam das, was selbst alle Laien prognostiziert hatten: Nach torloser Spielzeit plus Verlängerung unterlag England im Elfmeterschießen mit 1:3. Der einzige britische Schütze, der vom Punkt traf, war mit Owen Hargreaves ein Mann, der gebürtiger Kanadier ist und seine Fußball-Sozialisation beim FC Bayern München und mithin in der Bundesliga erlebt hat. Englands scheidender Trainer Sven Göran Eriksson verstand hernach die Welt nicht mehr. «Wir haben geübt, geübt, geübt – mehr üben, als wir es getan haben, geht nicht.» Genutzt hat es nichts, im entscheidenden Moment versagten wieder die Nerven. «Ich hatte so großes Vertrauen», gab der schlachtenerprobte Steven Gerrard zu Protokoll, «weil ich den Ball im Training so oft ins Netz geschossen habe. Ich hatte einen genauen Plan, wohin ich schieße, war aber im entscheidenden Moment nicht in der Lage, diesen Plan zu wechseln.» Und so schoss er Portugals Held Ricardo halbhoch an, anstatt ihn am fliegenden Torwart vorbei ins Eck zu schieben.
Scolaris Hattrick
Und somit haben die Briten ihr Scolari-Trauma verlängert. Portugals Trainer warf die Männer von der Insel nach dem Viertelfinalsieg bei der WM 2002 mit Brasilien und dem Triumph mit Portugal im Viertelfinale der EM 2004 (ebenfalls nach Elfmeterschießen) zum dritten Mal in Folge aus einem großen Turnier. Scolaris Hattrick ist perfekt, England ist draußen, während die Portugiesen zum ersten Mal seit 40 Jahren (1966 war mit dem famosen Eusebio gegen Gastgeber England Schluss) im WM-Halbfinale stehen. Das Elfmeterschießen war der spektakuläre Höhepunkt einer langweiligen Partie, in der sich die Portugiesen keine entscheidenden Vorteile erkämpfen konnten, obwohl sie ab der 62. Minute in Überzahl agierten. Englands unglaublicher Sturmführer Wayne Rooney sah die Rote Karte, weil er Portugals Innenverteidiger Ricardo Carvalho nach einem Zweikampf auf unschöne Art zwischen die Beine trat. Der Straßenfußballer aus Liverpool als Straßenkämpfer, auch das ist England.
Ohne den führenden Elfmeterschützen
Kapitän David Beckham saß zu diesem Zeitpunkt bereits weinend auf der Bank. Nicht aus Trauer über seine frühzeitige Auswechselung , sondern weil das verletzte Knie schmerzte. Und so durfte Englands führender Elfmeterschütze nicht mehr mithelfen, das erneute Desaster zu vermeiden. Ob Beckham getroffen hätte, ist ohnehin zweifelhaft, schließlich hatte auch er vor zwei Jahren vom Elfmeterpunkt versagt und den Ball in den Nachthimmel von Lissabon gejagt. Das englische Trauma fand vor den Augen der Fans Campino und Mick Jagger seine Fortsetzung. Die selbsternannte größte Fußballnation der Welt, deren Fans in Gelsenkirchen das unvermeidbare verhindern wollten, indem sie zwei Stunden lang immer wieder die Nationalhymne grölten, ein Fall für die Couch? Eine Begründung, warum die Deutschen ewig treffen, aber die Engländer ewig versagen, kennt auch Chelseas Frank Lampard nicht. «Ich habe absolut keine Ahnung, woran es liegt», sagte der Mittelfeldspieler: «Im Verein treffen wir, aber in der Nationalmannschaft nicht.»