netzeitung.deKuranyi fliegt aus dem WM-Kader

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Jürgen Klinsmann läuft an einer Ballack-Pappfigur vorbei. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Jürgen Klinsmann läuft an einer Ballack-Pappfigur vorbei.
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein schneller und «liebenswürdiger» Mittelfeldspieler hat völlig überraschend noch den Sprung in den WM-Kader geschafft. Bundestrainer Jürgen Klinsmann musste aber auch einige traurige Telefonate hinter sich bringen.

Von Dorothea Jantschke, Berlin

Jürgen Klinsmann hat ein Faible für Entertainment, wie sich in der Mercedes-Niederlassung in Berlin am Montag einmal mehr zeigte. Zwischen teuren Nobelkarossen und eleganten Coupés verlas der Bundestrainer nicht einfach nur eine Liste von 23 Spielern, die den Deutschen Fußball-Bund (DFB) bei der Weltmeisterschaft (9. Juni – 9. Juli) vertreten werden. Klinsmann hatte einen Film zusammenschneiden lassen. Unterlegt mit rockiger Musik zeigte er herausragende Spielszenen aller Akteure im Trikot der Nationalmannschaft.
Botschaft am Telefon
Als die verschiedenen Mannschaftsteile, die Torwarte, die Abwehr, das Mittelfeld und der Angriff, durchlaufen waren, schoss plötzlich ein Mann in Schwarz-Gelb über den riesigen Screen: David Odonkor von Bundesligist Borussia Dortmund. Der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler, den niemand für die A-Nationalmannschaft auf der Rechnung hatte, wird mit zur WM fahren. «Er hat sich sehr gefreut», sagte Klinsmann, der die Nachricht am Vormittag per Telefon überbracht hatte.

Wie genau Odonkor am anderen Ende der Leitung reagierte, ist nicht überliefert. Auf der Homepage der Borussia ließ der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen jedenfalls ganz schlicht mitteilen: «Das ist für mich eine große Ehre und ein riesiger Ansporn».

Dass Odonkor die U21-Europameisterschaft in Portugal gegen die WM im eigenen Land eintauschen darf, hat er vor allem seiner Schnelligkeit zu verdanken. Die 100 Meter soll er in 10,9 Sekunden laufen. Nach Sebastian Deislers Ausfall (Knorpelabsprengung im Knie) habe man Odonkor verstärkt beobachtet, erzählte Klinsmann am Montag. Da man dem «jungen Kerl» nicht zu viel habe zumuten wollen, erfolgte seine Nominierung überraschend in letzter Minute.

«Feiner Kerl»
U21-Trainer Dieter Eilts hatte Odonkor wärmstens empfohlen. Bei der Beschreibung seines Charakters fielen die Worte «feiner Kerl» und «liebenswert». Glücklicherweise sind das Attribute, die der 22-Jährige in den 73 Bundesliga-Partien für den BVB bisher nicht an den Tag legte. «Odonkor bringt genau das mit, was wir noch brauchen. Er ist schnell, spielt frech und schlägt gute Flanken», so der Bundestrainer.

Eilts habe er in den zwei Jahren seiner Amtszeit «fast das halbe Team weggenommen», gab Klinsmann schmunzelnd zu. Lukas Podolski vom 1. FC Köln, Gladbachs Marcell Jansen und Robert Huth (Chelsea FC) gehören ebenfalls zu denen, die es aus der Junioren-Klasse in den A-Kader schafften.

Vorbei ist der Traum von der Weltmeisterschaft hingegen für Stürmer Kevin Kuranyi und Mittelfeldspieler Fabian Ernst (beide von Schalke 04). Auch der Bremer Patrick Owomoyela wird sich die WM am Fernseher anschauen müssen. «Ich hatte Bammel vor diesen Telefonaten», sagte Klinsmann. Die Spieler seien sehr enttäuscht gewesen, hätten die Entscheidung aber toleriert.

Anstelle von Kevin Kuranyi, der im ersten Jahr von Klinsmanns Amtszeit zehn Tore erzielte, nach seinem Wechsel vom VfB Stuttgart zu Schalke 04 aber kaum noch überzeugen konnte, rückt Mike Hanke ins Aufgebot. Der Stürmer des VfL Wolfsburg ist aufgrund einer Rot-Sperre aus dem Confed-Cup zwar für die ersten beiden WM-Spiele gesperrt, wurde aber für seinen Durchhaltewillen belohnt. «Er hat gezeigt, dass er beißt, und da hingeht, wo es weh tut», so Klinsmann. Routinier Oliver Neuville (Mönchengladbach), der Schalker Gerald Asamoah, Bundesliga-Torschützenkönig Miroslav Klose von Werder Bremen und Podolski komplettieren das Aufgebot an Torjägern.

Nowotny erhält ein Ticket
Einem erfahrenen Mann hat Klinsmann die Führung der Defensive anvertraut: Jens Nowotny, der die WM 2002 in Asien wegen eines Kreuzbandrisses verpasste, und nun die Innenverteidigung stärken soll. Festgehalten hat Klinsmann an Abwehrspieler Robert Huth. Obwohl der gebürtige Berliner beim FC Chelsea in der abgelaufenen Saison nur 90 Minuten zum Einsatz kam, ist er ein fester Bestandteil der Nationalmannschaft. Auch Thomas Hitzlsperger schaffte es trotz schwacher Saison beim VfB Stuttgart in den Kader.

Bis auf Jens Lehmann, der am Mittwoch mit Arsenal noch das Champions-League-Finale spielt, packen 22 Glückliche nun die Koffer. Am morgigen Dienstag steht ein Charity-Spiel gegen den FSV Luckenwalde auf dem Programm, danach geht es für eine Woche zum Regenerieren nach Sardinien, dann ins Trainingslager an den Genfer See. Darüber, dass Odonkor in neuer Umgebung Probleme haben könnte, macht sich Klinsmann keine Sorgen. «Im Kreis der vielen jungen Spieler wird er sich sicherlich schnell wohlfühlen.»