netzeitung.deKlinsmann sieht Lehmann einen «Tick besser»

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Jürgen Klinsmann (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Jürgen Klinsmann
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Die vorgezogene Entscheidung in der Torhüter-Frage der Nationalmannschaft kam auf Drängen des FC Bayern zustande. Lehmann sei «einen Tick besser», begründete Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Bilderschau: Das Torhüter-Duell

Der knappe Sieger im Duell um den deutschen WM-Torhüter Nummer eins heißt Jens Lehmann, der große Verlierer Oliver Kahn. Bundestrainer Jürgen Klinsmann teilte dem unterlegenen Münchner Torwart am Freitag unter vier Augen mit, dass nicht der 36-jährige Kahn, sondern sein gleichaltriger Herausforderer Lehmann bei der Weltmeisterschaft ab 9. Juni das Tor der DFB-Elf hüten werde.

Klinsmann wirkt erschöpft
«Wir sehen Jens einen Tick stärker und sind überzeugt, dass er uns bei der WM enorm helfen wird», sagte ein erschöpft wirkender Klinsmann und betonte: «Dies war die schwierigste und härteste Entscheidung meiner Amtszeit.»

Der Wahl-Engländer Lehmann erfuhr durch einen Klinsmann-Anruf von seiner Beförderung. «Er hat sich natürlich gefreut und gesagt, dass er alles dafür tun werde, das Vertrauen zu rechtfertigen», berichtete der Bundestrainer von dem Gespräch. Seit dem August vergangenen Jahres habe sich das Blatt zu Gunsten von Lehmann gewendet, verdeutlichte Klinsmann.

Lehmann äußerte Mitgefühl für seinen Rivalen Oliver Kahn: «Nachdem ich bei insgesamt vier Turnieren auf der Bank gesessen habe, weiß ich, wie es in dem aussieht, der nicht spielt.»

Laut Torwart-Coach Andreas Köpke hätten «nur minimale Unterschiede» den Ausschlag gegeben. «Beide Torhüter haben außergewöhnliche Fähigkeiten. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass Jens Lehmann besser zu unserer Spielphilosophie passt», begründete die sportliche Leitung das Plus für Lehmann 63 Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft.

Klinsmann lobt Kahns professionelle Reaktion
Klinsmann lobte, dass Kahn die Entscheidung «professionell und respektvoll» aufgenommen habe. «Natürlich ist Oliver enttäuscht, aber er hat sich als wahrer Sportsmann präsentiert», sagte Klinsmann zum schweren Gespräch mit dem 84-maligen Nationalspieler Kahn. «Ich bin über diese Entscheidung sehr überrascht und maßlos enttäuscht», teilte der Münchner Torhüter lediglich kurz in einer Presseerklärung mit.

Über seine Zukunft in der Nationalmannschaft werde er sich «zu gegebener Zeit» äußern: «Ich werde mich nun in den kommenden Wochen voll auf meine Aufgaben beim FC Bayern konzentrieren.» Klinsmann will Kahn die Zeit geben, die Negativ-Nachricht «sacken zu lassen» und auf die Nummer-2-Rolle zu reagieren: «Das ist ihm überlassen.»

Kahns Arbeitgeber FC Bayern, der nach dem Patzer seines Torhüters im Bundesliga-Spiel gegen den 1. FC Köln (2:2) auf eine schnelle Entscheidung gedrängt hatte, sprach von einer falschen Entscheidung. «Trainer und Vorstand werden sie dennoch akzeptieren», übermittelte der Verein. Das vorgezogene Votum für Lehmann, das am Freitag nach einer Bestandsaufnahme mit seinen Co-Trainern Joachim Löw und Andreas Köpke fiel, sei auch durch den Druck der Bayern entstanden, machte Klinsmann deutlich: «Nach dem Spiel gegen die USA haben wir die Entwicklung in den vergangenen 22 Monaten intensiv analysiert.»

Junger Abwehr Halt geben
Die Entscheidung pro Lehmann, der bereits drei große Turniere als Nummer zwei erlebte, ist eng mit der Spiel-Ausrichtung von Klinsmann verbunden. Der Wahl-Engländer kann für sich den Vorteil beanspruchen, in den vergangenen Monaten auch beim FC Arsenal eine blutjunge Viererkette erfolgreich bis ins Champions-League-Halbfinale geführt zu haben. Im «sensibelsten Gebilde im Fußball» (Franz Beckenbauer) soll nun der 29-malige Nationalspieler auch mit der unerfahrenen deutschen Abwehr diese Rolle bei der WM übernehmen.

Laut Klinsmann habe die sportliche Leitung alle Erkenntnisse aus den vergangenen 20 Monaten seiner Amtszeit herangezogen, der jüngste Fehler von Kahn sei nicht entscheidend gewesen. Den Ausschlag gab offensichtlich mehr die aktuelle körperliche Verfassung der beiden Kontrahenten. Kahn konnte zwar vor allem bei der WM 2002 beweisen, dass er als Motivator und Einheizer seinen Vorderleuten Sicherheit bringen kann. Nach drei großen Turnieren als Nummer eins hatte er zuletzt aber verstärkt mit Verletzungen zu kämpfen und zeigte sich nervlich anfällig.

Dennoch war Kahn bis zuletzt davon überzeugt, auch bei der Heim-WM wieder die Nummer eins zu sein. Statistisch gesehen stand es nach 20 Monaten unter Klinsmann fast remis. Kahn erreichte in 1065 Minuten und 12 Spielen sieben Siege, drei Unentschieden und zwei Niederlagen. Lehmanns Bilanz nach 945 Minuten und 11 Spielen seit Sommer 2004 lautet: Sechs Siege, zwei Remis und drei Niederlagen. Der Münchner Kahn kassierte 18 Gegentore (alle 59 Minuten eins), Lehmann 14 (alle 67 Minuten).
(nz)