Klinsmann sieht Lehmann einen «Tick besser»
Der Wahl-Engländer Lehmann erfuhr durch einen Klinsmann-Anruf von seiner Beförderung. «Er hat sich natürlich gefreut und gesagt, dass er alles dafür tun werde, das Vertrauen zu rechtfertigen», berichtete der Bundestrainer von dem Gespräch. Seit dem August vergangenen Jahres habe sich das Blatt zu Gunsten von Lehmann gewendet, verdeutlichte Klinsmann.
Lehmann äußerte Mitgefühl für seinen Rivalen Oliver Kahn: «Nachdem ich bei insgesamt vier Turnieren auf der Bank gesessen habe, weiß ich, wie es in dem aussieht, der nicht spielt.»
Laut Torwart-Coach Andreas Köpke hätten «nur minimale Unterschiede» den Ausschlag gegeben. «Beide Torhüter haben außergewöhnliche Fähigkeiten. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass Jens Lehmann besser zu unserer Spielphilosophie passt», begründete die sportliche Leitung das Plus für Lehmann 63 Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft.
Über seine Zukunft in der Nationalmannschaft werde er sich «zu gegebener Zeit» äußern: «Ich werde mich nun in den kommenden Wochen voll auf meine Aufgaben beim FC Bayern konzentrieren.» Klinsmann will Kahn die Zeit geben, die Negativ-Nachricht «sacken zu lassen» und auf die Nummer-2-Rolle zu reagieren: «Das ist ihm überlassen.»
Kahns Arbeitgeber FC Bayern, der nach dem Patzer seines Torhüters im Bundesliga-Spiel gegen den 1. FC Köln (2:2) auf eine schnelle Entscheidung gedrängt hatte, sprach von einer falschen Entscheidung. «Trainer und Vorstand werden sie dennoch akzeptieren», übermittelte der Verein. Das vorgezogene Votum für Lehmann, das am Freitag nach einer Bestandsaufnahme mit seinen Co-Trainern Joachim Löw und Andreas Köpke fiel, sei auch durch den Druck der Bayern entstanden, machte Klinsmann deutlich: «Nach dem Spiel gegen die USA haben wir die Entwicklung in den vergangenen 22 Monaten intensiv analysiert.»
Laut Klinsmann habe die sportliche Leitung alle Erkenntnisse aus den vergangenen 20 Monaten seiner Amtszeit herangezogen, der jüngste Fehler von Kahn sei nicht entscheidend gewesen. Den Ausschlag gab offensichtlich mehr die aktuelle körperliche Verfassung der beiden Kontrahenten. Kahn konnte zwar vor allem bei der WM 2002 beweisen, dass er als Motivator und Einheizer seinen Vorderleuten Sicherheit bringen kann. Nach drei großen Turnieren als Nummer eins hatte er zuletzt aber verstärkt mit Verletzungen zu kämpfen und zeigte sich nervlich anfällig.
Dennoch war Kahn bis zuletzt davon überzeugt, auch bei der Heim-WM wieder die Nummer eins zu sein. Statistisch gesehen stand es nach 20 Monaten unter Klinsmann fast remis. Kahn erreichte in 1065 Minuten und 12 Spielen sieben Siege, drei Unentschieden und zwei Niederlagen. Lehmanns Bilanz nach 945 Minuten und 11 Spielen seit Sommer 2004 lautet: Sechs Siege, zwei Remis und drei Niederlagen. Der Münchner Kahn kassierte 18 Gegentore (alle 59 Minuten eins), Lehmann 14 (alle 67 Minuten).
(nz)

